Bestsellerautor Peter Wohlleben im GA-Inteview

Wohl leben im Wald

BONN. Der in Bonn geborene Förster Peter Wohlleben steht mit seinen Büchern „Das geheime Leben der Bäume“ und „Das Seelenleben der Tiere“ an der Spitze der Bestsellerliste. Ein Besuch.

Montagmorgen im Eifeldorf Hümmel: Die Sonne kämpft sich durch die dunklen Regenwolken und wirft ihr Licht auf ein idyllisch am Waldrand gelegenes Forsthaus. An der Klingel steht schlicht „Wohlleben“. Das Wort ist Name und Zustand zugleich: Hier lässt es sich augenscheinlich wohl leben. Die Tür wird von einem Hünen in Forstkleidung geöffnet: Peter Wohlleben, seines Zeichens Förster der Ortsgemeinde Hümmel in Rheinland-Pfalz und Autor der beiden Bücher, die auf der Sachbuch-Bestsellerliste des Spiegels auf Platz 1 und 2 stehen. „Das geheime Leben der Bäume“ und „Das Seelenleben der Tiere“ haben den gebürtigen Bonner fast über Nacht zum Erfolgsautor gemacht. Nach einem kräftigen Händedruck brüht er in der Küche einen Kaffee auf. Dann nimmt er sich zwei Stunden lang Zeit für die Fragen von GA-Redakteur Holger Willcke.

GA: Herr Wohlleben, wie erklären Sie sich den plötzlichen Erfolg als Buchautor?

Peter Wohlleben: Das frage ich mich auch. Eine Antwort könnte sein, dass ich meine Sichtweise geändert habe. In meinen ersten Büchern habe ich zumeist Missstände im Umgang mit der Flora und Fauna des Walds angeprangert, habe Fehler in der klassischen Forstwirtschaft beschrieben. Das war wohl als Bettlektüre etwas zu heftig.

GA: Und was ist jetzt anders?

Wohlleben: Seit meinem ersten Buch „Wald ohne Hüter“ von 2007 habe ich als Autor gemerkt, dass ich den zweiten Schritt vor dem ersten getan habe, also über den Wald berichtet, ohne die Protagonisten vorzustellen: Bäume und Tiere. Ich versuche jetzt, den Lesern Zusammenhänge zu erklären – und zwar nicht auf wissenschaftlicher Basis, sondern in einer Sprache und mit einem Schreibstil, der für Jedermann nachvollziehbar und verständlich ist.

GA: Haben Sie dazu ein Beispiel?

Wohlleben: Die Wissenschaft spricht vom Nährlösungstransport von Mutterbäumen zum Sprössling. Ich bezeichne es in meinem Buch so: Bäume stillen ihren Nachwuchs. Wissenschaft schreibt emotionslos, ich eben nicht. Vielleicht hören mir deshalb mehr Menschen zu.

GA: Worauf gründet sich Ihr Wissen, wenn nicht auf Wissenschaft?

Wohlleben: Ohne wissenschaftliche Grundlage, ohne Recherche kann ich solche Bücher natürlich nicht schreiben. Allerdings kombiniere ich Wissenschaft mit eigenen Erfahrungen aus meiner alltäglichen Arbeit als Förster. Und ich vermute, dass das der Schlüssel zum Erfolg ist. Ich schreibe die Dinge so, wie ich sie bei meinen Führungen durch den Wald erzähle. Das ist authentisch, das kommt bei meinen Besuchern gut an – und anscheinend bei meinen Lesern auch.

GA: Sie schreiben über Empfindungen, Gefühle und das Gedächtnis der Bäume. Das wirkt auf den ersten Blick sehr esoterisch, oder?

Wohlleben: Vielleicht. In einigen Buchhandlungen habe ich meine Bücher anfangs in der Abteilung Esoterik wiedergefunden. Aber da gehören sie nun wirklich nicht hin. Es handelt sich um populär-wissenschaftliche Literatur. Die Wissenschaft ist auf dem Feld der Kommunikationsfähigkeiten von Tieren und Pflanzen viel weiter als man landläufig denkt. Bislang hat nur niemand versucht, das schicksalhafte Geflecht des Miteinanders von Bäumen und Waldbewohnern bildhaft und nachvollziehbar wiederzugeben.

GA: Beim Lesen ihres Erfolgsbuches fällt auf, dass Sie sehr kurze Kapitel schreiben. Warum?

Wohlleben: Bei meinen Exkursionen durch den Wald gehe ich auch von Station zu Station, verweile ein wenig und erzähle den Menschen Wissenswertes und Unterhaltsames. So halte ich es mit dem Schreiben auch. Das ist kurzweiliger und angenehmer als langatmige Monologe.

GA: Warum schreibt ein Förster Bücher?

Wohlleben: Weil die Teilnehmer meiner Führungen immer öfter danach gefragt haben, wo sie mehr über diese Themen erfahren können. Und da gab es bislang nichts Nennenswertes. Meine Frau hat mich immer wieder aufgefordert, mein Wissen und meine Betrachtungsweise von Natur aufzuschreiben. In unserem Lappland-Urlaub 2007 habe ich dann mal ein Manuskript angefertigt.

GA: Hat sich ein Verlag dafür interessiert?

Wohlleben: Ja, ein kleiner Verlag in Sankt Augustin hat daraus das Buch „Wald ohne Hüter“ gedruckt.

GA: In Ihrem jüngsten Werk geben Sie einen Einblick in das Gefühlsleben der Tiere. Handelt es sich dabei um das gleiche Muster wie bei ihrem Buch über das Leben der Bäume?

Wohlleben: Ja. Ich will auch dieses Mal den Lesern erklären und beweisen, dass Tiere uns näher sind, als wir bislang geahnt haben. Ein Beispiel: Ein Kolkrabe begrüßt einen befreundeten Artgenossen mit einer höheren Tonlage als einen fremden Vogel. Bei Menschen ist das genauso. Obwohl Rabenvögel ein kleines Gehirn haben, sind sie in der Lage, eine solche Intelligenzleistung zu erbringen. Die Wissenschaft bezeichnet Rabenvögel als gefiederte Affen. Doch wichtiger ist: Wenn wir Tieren zumindest Instinkte zugestehen, dann müssen sie auch Gefühle haben, denn diese sind die Sprache der Instinkte.

GA: Wann schreibt ein angestellter Förster 16 Bücher?

Wohlleben: Ausschließlich in der Freizeit. Manchmal fällt dann sogar der Urlaub aus. Meine Ehefrau entlastet mich sehr, indem sie alles regelt, was die Verlage, die Interviewanfragen und Ähnliches betreffen.

GA: Nach diesem Erfolg: Sehen Sie sich jetzt mehr als Schriftsteller oder als Förster?

Wohlleben: Ich bin und bleibe Förster. Ich lege jetzt auch erst mal eine Schreibpause ein, fahre mit meiner Frau in Urlaub. Übrigens, das Bücherschreiben spielt in meinem Berufsalltag keine Rolle. Ich arbeite im und für den Wald. Und da habe ich meinen ganz persönlichen Antrieb.

GA: Und der lautet?

Wohlleben: Ich will im Umgang mit der Natur etwas verändern. Und dabei will ich möglichst viele Menschen mitnehmen. Nachhaltiges Wirken in der Natur schafft die Grundlage für ein Morgen und ein Übermorgen.

GA: Was bedeutet das für ihren Berufsalltag?

Wohlleben: Ich stehe für eine ökologische Waldwirtschaft. Ich lasse Bäume alt werden. In meinem Revier gibt es viele Buchen, die mehr als 200 Jahre alt sind. Jagd als Hobby lehne ich ab, Jagd zum Schutz der Pflanzen akzeptiere ich. Aber wenn es nach mir ginge, würde ich die Jagd abschaffen. Dann müsste man allerdings auch mit der Fütterung der Wildtiere aufhören, damit sich ihr Bestand naturgemäß regeln kann.

GA: Begrüßen Sie die Rückkehr des Wolfs in unseren heimischen Wäldern?

Wohlleben: Auf jeden Fall. Durch seine Rückkehr haben Reh, Hirsch und Wildschwein wieder einen Regulator im Wald.

GA: Und wie nehmen Sie den Menschen die Angst vor dem Wolf?

Wohlleben: In dem ich ihnen erkläre, dass Menschen nicht auf der Speiseliste von Wölfen stehen. Dass sich Wölfe Menschen nähern, ist nicht damit zu begründen, dass Wölfe die Scheu vor Menschen verloren hätten. Wölfe sind neugierig, erkunden ihr Umfeld. Und wenn sie dabei auf Menschen stoßen, ziehen sie sich sofort zurück. Und jedem Schäfer empfehle ich, ausreichend hohe Stromzäune zur Absicherung der Schafe aufzustellen. Das reicht aus. Menschen brauchen keine Angst vor Wölfen zu haben.

GA: Wann rechnen Sie mit den ersten Wölfen in der Eifel?

Wohlleben: Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie als Journalist in zwei Jahren über die Rückkehr der Wölfe in der Eifel schreiben werden.

GA: Waren Sie als Kind schon so auf die Natur fixiert?

Wohlleben: Ja. Ich habe Spinnen im Weckglas beobachtet und habe befruchtete Hühnereier auf Heizkissen ausgebrütet. Das Küken ist mir dann immer hinterher gerannt. Mein Berufswunsch Förster stand auch schon früh fest. Und daran wird sich nichts mehr ändern, auch wenn meine Bücher bei den Lesern gut ankommen.