Dokumentation

Vier vernünftige Leute

Vier Freunde: Das französische Quatuor Ebène.

Vier Freunde: Das französische Quatuor Ebène.

Bonn. Daniel Kutschinskis ungewöhnlicher und intensiver Film „4“ beobachtet das Quatuor Ebène auf einer Konzertreise und zeigt Glücksmomente und Krisen in einer sehr besonderen Beziehung zwischen vier Menschen

Nach dem deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe ist das Streichquartett „ein Gespräch unter vier vernünftigen Leuten“. In Daniel Kutschinskis Filmdokumentation „4“, in der das französische Quatuor Ebène Gegenstand einer ungewöhnlichen Betrachtung ist, sieht das so aus: Die Kamera – und mit ihr der Zuschauer – befindet sich in einem Nebenraum eines Konzertsaales, wo die vier Musiker gerade die Schlussphrase aus Claude Debussys Streichquartett spielen. Auf einem kleinen Monitor ist zu sehen, wie sie sich verbeugen, dann geht die Kamera den vier vernünftigen Leuten, die gerade eine Treppe herabsteigen, entgegen.

Primgeiger Pierre Colombet wirkt ein wenig konsterniert: „Warum kratzt sie sich die Beine?“, fragt er seine Kollegen. „In die letzte Reihe mit ihr“, finden sie. Und: „Sie soll sich verpissen.“

„4“ ist kein gewöhnliches Musikerporträt. Und schon gar keine Biografie, die die Stationen des Ensembles nachzeichnet, von der Gründung 1999 am Konservatorium für Musik, Tanz und Theater in Boulogne-Billancourt über den Sieg 2004 beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD München bis zum Klassik-Echo, den die vier 2015 als Ensemble des Jahres nach Hause trugen. Nein: Filmautor Kutschinski beschränkt sich radikal auf die Rolle eines Beobachters und nimmt dabei eine beinahe voyeuristische Perspektive ein. Keine Stimme aus dem Off moderiert die Bilder. Nie hat man den Eindruck, die vier Musiker fühlten sich durch Arnd Buss-von Kuks Kamera beobachtet oder gar gestört, selbst in den persönlichsten und schmerzlichsten Gesprächssituationen, wo sie kritisch mit sich selbst ins Gericht gehen, gibt es keinen genervten Seitenblick ins Objektiv, sondern sie bleiben authentisch, als würden sie ihren Beobachter überhaupt nicht wahrnehmen.

Es ist klar, dass eine solche Beziehung zwischen Künstlern und Filmteam nur funktioniert, wenn über eine lange Zeit so etwas wie Freundschaft und Vertrauen gewachsen ist. Dass dies hier der Fall war, fühlt man in jeder Szene. Ob im Backstagebereich, bei den Proben mit Eberhard Feltz, der Professor an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler ist, oder im Tourbus.

Dort lernt man auch die sängerischen Qualitäten der vier Musiker kennen, die auch ein ausgesprochenes Faible für den Jazz mitbringen. Der Film zeigt sie bei der Suche nach dem richtigen Klang und den Harmonien. Die vier Musiker Pierre Colombet, Geige, Gabriel Le Magadure, Geige, Mathieu Herzog, Bratsche, und Raphaël Merlin, Violoncello, wachsen einem durch ihre Ehrlichkeit, Spontaneität und Unmittelbarkeit regelrecht ans Herz. Schade, dass Herzog zwischenzeitlich das Ensemble verlassen hat, um sich mehr dem Dirigieren zu widmen. Sein Nachfolger an der Bratsche ist Adrien Boisseau. wie man an der jüngsten Einspielung von Franz Schuberts Streichquintett (mit Gautier Capuçon) hören kann, glücklicherweise ein sehr guter.

Der Film „4“ wird im Rex in Endenich zwei Mal zu sehen sein: Am Sonntag, 15.1., 11 Uhr, mit Regisseur Daniel Kutschinski und Kameramann Arnd Buss-von Kuk als Gesprächsgäste, sowie am Mittwoch, 18.1., 17 Uhr. Der Film wird in Kooperation mit dem Schumannhaus gezeigt.