Ausstellung „Sweets / Quilts / Sun“

Ulla von Brandenburg im Kunstmuseum Bonn

Bonn. Ulla von Brandenburgs starke Ausstellung „Sweets / Quilts / Sun“ ist im Kunstmuseum Bonn zu sehen. Theater, Aktion, Inszenierung, Spiegelung sind ihre Themen, Film und Stoff ihre Werkstoffe

Kinder und Kunst, ein kompliziertes Gespann, sofern die Kleinen nicht akzeptieren, dass man mit Kunst nicht alles machen kann. Da hatten sich die Macher der Ausstellung „Sweets“ Anfang 1973 in der Londoner Whitechapel Art Gallery so ein schönes Finale ausgedacht. 500 Kinder des ärmlichen Viertels wurden in die Schau eingeladen, in der aus Anlass des freudigen EU-Beitritts der Briten Süßigkeiten aus ganz Europa ausgestellt wurden. Die kleinen Gäste sollten sich an bereitgestelltem Süßkram gütlich tun, fielen aber entgegen der Absprache über das gesamte Sortiment her und vertilgten sogar ausdrücklich als Leihgaben über den Kanal geschickte Süßigkeiten. Die Presse titelte „A bitter end to sweets exhibition“ und „Exhibition eaten as kids run amok“.

Inzwischen sind die Brexit-hungrigen Briten nicht mehr so scharf auf Süßes aus Europa. Die Karlsruher Künstlerin Ulla von Brandenburg fand den bizarren Skandal von 1973 trotzdem oder gerade deswegen spannend und reinszenierte ihn in einer aufwendigen Installation. Für eine aktuelle Ausstellung in der Whitechapel Gallery und für das Kunstmuseum Bonn macht sie einen dreiaktigen Film über die „Sweets“-Schau, lässt eine Kamera durch die museal präsentierte Süßware gleiten, zeigt Kinder beim Plündern, lässt sie im Finale von einer besseren Zukunft und individuellen Träumen singen. Das Ganze passiert auf einer Leinwand, auf die man durch farbige, kreisrund ausgeschnittene Kulissenteile blickt. Wie durch eine Kameralinse oder wie im Vorspann zu einem James-Bond-Film. Das Farbdesign stammt aus den 1970ern, die Anmutung orientiert sich am perspektivischen Bau von barocken Bühnenräumen.

Spannende Zeitreise

Eine kleine Zeitung komplettiert Brandenburgs wunderbare begehbare, äußerst präzise recherchierte Arbeit: Dokumentiert wird da die Ausstellung mit den Reaktionen auf die finale Plünderung. Eine spannende Zeitreise, bei der Ausstellungsbesucher zwischen den Kulissen zum Akteur werden. Illusion, Reales und Inszenierung verschwimmen zu einer einzigartigen Erfahrung. Es verwundert, dass diese wirklich starke Künstlerin, die in Karlsruhe und Hamburg studiert hat, in Paris lebt und seit 2016 Professorin für Malerei und Grafik an der Akademie der Künste in Karlsruhe ist, noch keine Einzelausstellung in einem deutschen Museum hatte. Das hat Bonn jetzt geändert: Der wissenschaftliche Volontär Maximilian Rauschenbach lud die 44-Jährige zum Solo ins Kunstmuseum ein.

Theater, Aktion, Inszenierung, Spiegelung sind ihre Themen, Film und Stoff ihre Werkstoffe. In ihrer Schau „Sweets/ Quilts/ Sun“ spielt sie alles virtuos aus. Sieben genähte Quilts, die bunt im Raum schwingen, verknüpfen Biografisches – von Brandenburgs Mutter bis zur Urgroßmutter verstanden sich alle auf diese Technik, manches Stofffragment stammt aus dem Fundus der Künstlerin – mit Historischem. Während einer „Residency“ in Memphis stieß sie auf in Quilts versteckten Botschaften, mit denen Sklaven ihren Weg in die Freiheit fanden.

Eine ungemein poetische Arbeit verbirgt sich hinter dem Titel „It has a golden sun and an elderly grey moon“: Sieben Tänzer agieren in Zeitlupe mit farbigen Stoffen in einem schneeweißen Raum, auf weißen Stufen, die zu einer tempelartigen Bühne führen. Es geht um Interaktion, um Gemeinsamkeiten, aber auch um Hierarchien, die erklommen und behauptet werden müssen. Am Ende von Ulla von Brandenburgs Film schwenkt die Kamera weg von der blütenweißen Bühne in den dunklen Zuschauerraum des Theaters von Nanterre. Die Illusion verpufft und bleibt doch sehr präsent – zumal sich in der Bonner Ausstellung das Geschehen spiegelt. Ein weißes Podest mit Stufen steht im Raum, der Besucher kann es begehen, sich selbst auf der Bühne versuchen.

Kunstmuseum Bonn; bis 24. Februar 2019, Di-So 11-18, Mi 11-21 Uhr. Eröffnung: 31. Oktober, 19 Uhr. Katalog 30 Euro. Kuratorenführung am 11. November, 11 Uhr.