Nach Modern Talking

Thomas Anders macht jetzt einiges anders

30 Jahre nach der ersten Trennung von Modern Talking am 11.11.1987 ist Thomas Anders ein Strahlemann im Musikgeschäft. Heute singt er auf Deutsch, ist an 200 Tagen im Jahr auf Achse – und bringt jetzt ein Kochbuch heraus.

„Tief in meinem Herzen, dort wohnt ein Feuer, ein brennendes Herz. Tief in meinem Herzen, dort wohnt Verlangen, für einen Anfang. Ich ertrinke in Gefühlen. Es ist meine Welt der Fantasie – ich lebe in meinen, lebe in meinen Träumen...“

Anders als heute war im Herbst 1984 mit der nahenden Flaute der Neuen Deutschen Welle nicht die Zeit, hitparadentaugliches Liedgut auf Deutsch zu präsentieren. So singt Thomas Anders, 21 Jahre jung und aus dem Eifelstädtchen Münstermaifeld, den Text seines Produzenten Dieter Bohlen selbstredend in englischer Sprache ein: „Deep In My Heart, There's A Fire...“

Er habe nicht gewusst, dass er da einen Welthit zu Papier bringen werde, bekundet Bohlen später in seinen Memoiren: „Deshalb hab ich den Text in einer halben Minute hingekliert. Popoabwischen dauert länger.“ Aber: Das Feuer lodert vor sich hin, bis es im Januar 1985 einen musikalischen Flächenbrand auslöst: Als Modern Talking stürmt das nicht nur äußerlich so unähnliche Duo Bohlen/Anders mit „You're My Heart, You're My Soul“ die Charts. Am 11. November 1987 verkündet Bohlen das Ende der kommerziell erfolgreichen Kooperation.

Für Thomas Anders ist das auch nach 30 Jahren kein Grund, immer im November in Trübsal zu verfallen. Mit mehr als 120 Millionen verkaufter Tonträger ist Anders einer der erfolgreichsten deutschen Sänger aller Zeiten. Dass sich die Trennung an dem für Rheinländer so symbolhaften 11.11. vollzog, war Anders gar nicht bewusst, versichert er im Gespräch mit dem General-Anzeiger.

Kein tiefes Loch des Nimmerwiedersehens

„Es war im November und ich war in Los Angeles“, erinnert er sich. Letzteres habe Bohlen kühl ausgenutzt. Auf das Aus für das Sangesduo, via Pressemitteilung in die Welt getragen, habe der Sänger wegen der Zeitverschiebung nicht sogleich reagieren können. „Nicht schön“, sagt der Mann, der vor 54 Jahren als Bernd Weidung auf die Welt kam, und fügt hinzu: „Aber: So what?“

In das tiefe Loch des Nimmerwiedersehens ist Anders nach 1987 nie gefallen. Auch ohne lange schwarze Locken, ohne bunte Anzüge mit dicken Schulterpolstern und ohne Nora-Kette um den Hals kennen ihn 82 Prozent aller Deutschen. „Ja, das ist schon viel“, bekundet er nachdenklich. „Ich habe mich nicht darum beworben. Es ist einfach so gekommen.“ Im Laufe der Zeit habe er sich aber gut daran gewöhnen können. Für ihn ist klar: „Sobald ich aus meinem Haus rausgehe, bin ich in meinem Job.“

Und raus aus dem Haus ist Anders nicht selten. 200 Tage im Jahr gehen für Auftritte und Reisen drauf. Zuletzt reiste er nach Südamerika, in den nächsten Wochen stehen Polen, Rumänien, Oslo, Tel Aviv und Helsinki an. Aus Australien erreichte ihn jüngst eine Anfrage. Die Offerte, am Tag vor Heiligabend in Las Vegas aufzutreten, wird Anders wohl absagen. Dafür ist der 54-Jährige, der seit 2000 mit seiner zweiten Frau Claudia verheiratet ist, zu sehr Familienmensch. Weihnachten woanders als bei Claudia und Sohn Alexander – undenkbar.

Anders als viele andere in der Branche kann es sich der Ex-Modern-Talking-Sänger leisten, mal nein zu sagen. Oft besteigt er ein Flugzeug, das gen Osten fliegt. Auf Galas und Festivals tritt Anders mit Ricky Martin, Patricia Kaas oder Nik Kershaw auf. Wie wertgeschätzt sein Wirken auf der Bühne wird, lässt ich daran ablesen, dass jüngst Enrique Iglesias bei einer Gala in Russland sang, bevor Anders die Bühne für sich hatte.

Anders ist Ehrenprofessor der Kiewer National-Universität

In den Ländern des früheren Ostblocks genießt die Musik von Bohlen/Anders bis heute Kultstatus. Dort fiel die Freude über die Wiedervereinigung von Modern Talking anno 1998 besonders freudig aus. Aber auch als Solokünstler hinterlässt der Koblenzer Spuren: Sein 2010 erschienenes Album „Strong“ erreichte in Russland Gold-, später Platinstatus.

Schon 2006 bekam Anders, der nach dem Abitur 1982 fünf Semester Germanistik, Publizistik und Musikwissenschaften an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität studierte, ehe er seinen ersten Plattenvertrag unterschrieb, die Ehrenprofessur der Kiewer National-Universität mit der Begründung verliehen, Modern Talking habe den Musikgeschmack einer Generation geprägt. „Mein Publikum ist, egal wo ich auftrete, immer zwischen Anfang 20 bis Anfang 60 Jahre“, sagt er.

In zwei Jahren könnte Anders sein 50-jähriges Bühnenjubiläum feiern. Der Münstermaifelder absolviert mit sechs Jahren seinen ersten Auftritt – als Nikolaus. Als Zehnjähriger setzt er sich bei einem Nachwuchswettbewerb gegen 100 Bewerber durch. Sein „Lohn“: Im Koblenzer Moseltanzpalast tritt der Junge aus der Eifel über 300-mal mit Kinderliedern und Schlagern auf. Mit 15 Jahren veröffentlicht er seine erste Single, die „Judy“ heißt. 1981 ist sein erster Fernsehauftritt in „Hätten Sie heut' Zeit für mich“ mit dem Lied „Du weinst um ihn“. Er selbst heißt damals bereits nicht mehr Bernd Weidung, er nennt sich anders: Thomas Anders.

Zuletzt ist von ihm im April das Album „Pures Leben“ erschienen – mit Liedern auf Deutsch. Die Resonanz auf den Wechsel der Sprache sei „definitiv super“, sagt er: „Ich bin da sehr glücklich drüber, denn es war ja schon ein Experiment. Es ist ja nicht so, dass ich sage: Ich mache ein deutsches Album und die Menschheit flippt aus.“ Die Rezensionen geben ihm das Gefühl, „ziemlich viel richtig gemacht“ zu haben.

"Musik ist reine Emotion"

Die Krux, in der Muttersprache zu singen, ist einfach erklärt: „Englische Songs müssen von der Melodie her überzeugen. Musik ist reine Emotion. Bei deutschen Songs ist der Text immer vordergründiger, und erst danach schaltet das Gehirn auf Musik.“ Seine Fans gehen den Weg mit – 30 Jahre nach dem ersten Aus für Modern Talking und 14 Jahre nach der zweiten, von Bohlen ausgerufenen Trennung 2003. „Ich habe das Glück gehabt, meine Fans mitzuziehen und neue mitzuziehen. Ich mache mir aber keine Gedanken, wie ich das geschafft habe.“ Gechillter geht's kaum.

Apropos chillen: Entspannung von seinen Auftritten und Reisen findet Anders bevorzugt daheim in Koblenz – am Herd. Kein Wunder, dass er jetzt, kurz nach dem ersten deutschsprachigen Album, das Kochbuch „Modern Cooking – Einfach Lecker Anders“ herausgibt. Seine Einsätze in der Küche beginnen zumeist auf dem Rückweg nach einem Auftritt.

Seine Frau Claudia stellt die Frage: „Du, was essen wir heute Abend?“ Andere gehen joggen, um zu entspannen, oder lassen sich von der Flimmerkiste berieseln. Seine Frau weiß: „Ich schicke ihn Richtung Herd, dann entspannt er sich.“ Fast meditative Wirkung entfalte das Komponieren des Abendessens. Mit seinem Kochbuch möchte er „Lust machen, Dinge auszuprobieren, die leicht zu kochen sind, aber nicht in Hektik.“

Seine Leibspeise „Avocado-Mango-Tatar mit gebratenen Garnelen“ darf unter den 80 Rezepten à la Anders nicht fehlen. „Das ist Bombe“, sagt er. Ganz ohne Buch zum Ablesen kommt ihm ein Rezept in den Sinn, das er der „Kategorie Einfach“ zuordnet: „Hähnchenbrust in der Mitte durchschneiden, breitklopfen, Parmaschinken drauf, ein Salbeiblatt, zuklappen, in der Pfanne ausbraten, ein Traum und kalorienarm.“ Sein Buch sei ein probates Mittel im Kampf gegen Geschmacksverstärker und Konservierungsstoffe. „Es kann einfach sein, aber geschmacklich besser und unbelastet von Chemiebomben.“

Modern Talking ist noch immer ein Unternehmen

Wie beim Kochen ist es beim Singen: Anders mag's anders. Ein Leben lang nur „You're My Heart, You're My Soul“, oder „Cherie, Cherie Lady“ wäre nicht seine Sache. „Das nächste deutsche Album ist schon gesetzt“, versichert er. Ende September 2018 soll es auf den Markt kommen. „Vier Songs sind fertig, drei schon eingesungen.“

Als sein lautloses Telefon einen Anruf anzeigt, taucht nicht „Bohlen, Dieter Handy“ im Display auf. Gleichwohl: Trotz aller Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Teilen von Modern Talking sind die Kommunikationswege nicht gekappt. „Wir simsen oder mailen, Anrufe sind selten“, sagt der Sänger ohne großes Bedauern. „Man darf nicht vergessen: Modern Talking ist immer noch ein Unternehmen.“ Durch Downloads und Merchandising generiere diese Marke noch immer Einnahmen. „Da sind immer mal wieder Entscheidungen zu treffen.“

Bei der Frage, ob Thomas Anders seine Emotionen eigenhändig in Liedtexte gießt, verzieht er kurz das Gesicht. „Ich bin zu kritisch zu mir selbst. Es gibt Menschen, die haben eher ein Gefühl für Sprache.“ Wie Gregor Meyle. Dessen Song „Du bist das Licht“ sang Anders beim Konzert mit Xavier Naidoo. „Wenn all das, was vor dir liegt, plötzlich 'n Sinn ergibt“, zitiert er im Gespräch den Text. „Da muss ich mich wahnsinnig quälen, um darauf zu kommen. In der Zeit schreibe ich ein Kochbuch.“