Tanzen in der Lichtburg

Pina Bausch tanzt in ihrem Stück „Danzón“ aus dem Jahr 1995. FOTO: BUNDESKUNSTHALLE/PINA BAUSCH FOUNDATION

Pina Bausch tanzt in ihrem Stück „Danzón“ aus dem Jahr 1995. FOTO: BUNDESKUNSTHALLE/PINA BAUSCH FOUNDATION

Bonn. Die Bundeskunsthalle widmet sich der Tanzlegende Pina Bausch: Herzstück der Ausstellung über die Tänzerin, Choreografin und Leiterin des Wuppertaler Tanztheaters ist der Nachbau des Probenraums.

Die Tänzerin und Choreografin Pina Bausch war eine Menschenfreundin. „Ich kann kein Gebäude vertanzen oder sowas, also, ich bin wahnsinnig darauf angewiesen, Menschen zu treffen, Leute kennenzulernen, dahin zu gehen, wo die Leute sind“, sagte die Leiterin des Wuppertaler Tanztheaters 1998 in einem Fernsehinterview mit Roger Willemsen. Pina Bausch war eher von scheuer Natur, wirkte ruhig und zurückhaltend.

Gleichwohl ist die intensive Kommunikation mit ihren Tänzern für sie ein überaus wichtiges Handwerkszeug gewesen, um neue Choreografien zu erarbeiten. Sie kam nie mit einem fertigen Konzept in der Tasche zur ersten Probe, sondern konfrontierte jeden einzelnen aus ihrer Wuppertaler Compagnie mit Fragen, die sie sich auch selber stellen würde. „Die Fragen sind dazu da, sich ganz vorsichtig an ein Thema heranzutasten“, sagte sie einmal. Während dieser Sitzungen schrieb sie fleißig mit, ordnete das Material später, sortierte vieles aus. Doch am Ende entstanden so berühmte Stücke wie „Kontakthof“ oder „Café Müller“.

„Wir wollen in der Ausstellung den Entstehungsprozess zeigen“, sagt Rein Wolfs, Intendant der Kunst- und Ausstellungshalle, die Schauplatz der ersten großen Ausstellung zum Werk von Pina Bausch ist. Es geht also weniger um die reine Dokumentation ihres Schaffens. „Das Werk von Pina Bausch können wir hier nicht zeigen“, sagte Salomon Bausch, der Sohn der Tanzlegende und Leiter der Pina Bausch Foundation gestern in Bonn. „Wer das sehen will, muss nach Wuppertal fahren.“ (Was sich als Ergänzung zu der Ausstellung ohnehin empfiehlt).

Exemplarisch ist das in der Ausstellung in der beeindruckenden Materialsammlung zu der Macbeth-Adaption „Er nimmt sie an der Hand und führt sie in sein Schloss, die anderen folgen“ zu verfolgen, die Pina Bausch mi ihrem Ensemble 1978 für das Bochumer Schauspielhaus erarbeitet hat. Unzählige Zettel, Schriften, Zeichnungen oder auch Polaroid-Fotos wurden dazu aus dem schon von der Choreografin selbst akribisch gepflegten Archiv für die Bonner Ausstellung zusammengetragen. Beeindruckend ist aber auch das großformatige Szenenfoto mit der jungen Mechthild Großmann, die erschöpft auf einem Sessel kauert. Herzstück der Ausstellung ist der originalgetreue Nachbau des alten Wuppertaler Kinosaals „Lichtburg“, den Pina Bausch als Probenraum für ihre Compagnie anmieten ließ. Beim Original handelt es sich um einen strikt von der Öffentlichkeit abgeschirmten intimen Raum. Die Replik ist nicht nur Ausstellungsstück, sondern auch Ort der Begegnung. Am Eröffnungstag konnten die ersten Besucher unter Anleitung der 66-jährigen Wuppertaler-Tanztheater-Veteranin Josephine Ann Endicott schon Pina Bauschs „Nelkenreihe“ einstudieren. Solche „Warm-ups“ werden auch in den kommenden Wochen Bestandteil der Ausstellung sein. Aber auch Live-Performances, Workshops und sogar öffentliche Proben mit Mitgliedern des Wuppertaler Ensembles.

In Bonn gehe es darum, das Archiv und die Menschen zusammenzubringen, sagt Miriam Leysner, die mit Rein Wolfs und Salomon Bausch die Ausstellung kuratiert hat. Bei der Konzeption orientierte man sich an Pina Bauschs programmatischer Rede „Etwas finden, was keiner Frage bedarf“ orientierte, die sie 2007 anlässlich der Verleihung des Kyoto-Preises im November 2007 in der japanischen Stadt gehalten hatte.

Der Besucher erfährt darüber hinaus einiges über Leben und Karriere, über den Aufstieg der 1940 geborenen Solinger Gastwirtstochter zur gefeierten Tänzerin, über die Ausbildung an der Essener Folkwangschule und an der New Yorker Juilliard School, über ihre Reiselust und über internationale Koproduktionen, die von der 2009 verstorbenen Künstlerin seit 1986 gepflegt wurden.

Wirklich spektakulär ist eine Installation im Raum hinter dem Lichtburg-Nachbau. Dort sieht man auf sechs großen Leinwänden Sequenzen aus Stücken von Pina Bausch. Eine der Bewegtbilderfolgen zu einem Song von Tom Waits endet damit, dass sich Pina Bausch und ihr Ensemble verbeugen. Mal in Schwarzweiß, mal in Farbe, mal in den 70ern, mal in den 90ern: Das ist bewegend und wunderschön inszeniert.

Öffnungszeiten: Di, Mi 10 bis 21 Uhr, Do bis So 10 bis 19 Uhr. Bis 24. Juli. Zur Ausstellung ist das Buch „O-TON Pina Bausch, Interviews und Reden“ erschienen, Hrsg. Stefan Koldehoff und Pina Bausch Foundation, 400 Seiten, 29,80 Euro. Im Herbst zieht die Ausstellung in den Berliner Martin-Gropius-Bau um. Ausführliche Infos: www.bundeskunsthalle.de