JazzTube 2017

Stationen einer Weltreise

Eindringlich: Tamara Lukasheva im Pantheon. FOTO: SCA

Eindringlich: Tamara Lukasheva im Pantheon. FOTO: SCA

Bonn. Das JazzTube Bonn 2017 zieht nach 25 Konzerten und 3000 Besuchern eine glänzende Bilanz und etabliert sich als zweites Festival neben dem Jazzfest Bonn.

Ob beim Scat-Gesang oder beim ukrainischen Text: Der Großteil des Publikums im Pantheon verstand wahrscheinlich keine Silbe von dem, was Tamara Lukasheva am Sonntag beim JazzTube-Finale im Pantheon sang. Und doch ahnte jeder, was da zwischen Herzschmerz und Alltagsbetrachtung verhandelt wurde.

So intensiv und expressiv wühlte sich Lukasheva durch das Liedmaterial. Die zierliche 29-Jährige aus Odessa, die seit 2010 in Köln lebt, ist ein Energiebündel und wahres Stimmwunder. Und sie hat die Männer ihres Quartetts – ja, das ganze Pantheon – im Griff. Mit Autorität, Charme und dieser hohen Stimme, die sich wie ein Drillbohrer ins Hirn setzt und einen wilden Tanz, mal einschmeichelnd und weich, mal rau, aggressiv und schrill aufführt.

Von der gehauchten Ballade „Homebridge“ bis zum stimmlichen Parforceritt mit Zischlauten und Schreien bei „Sag deiner Sonne“ reichte die Skala der Emotionen. Beim vierhändigen Improvisieren am Piano mit Sebastian Scobel zeigte die Ukrainerin eine weitere Facette. Es verwundert nicht, dass sie, die 2012 bei der ersten JazzTube noch im U-Bahnhof spielte, mittlerweile Preisträgerin des „Neuen Deutschen Jazzpreises 2017“ ist. Mit Scobel, Jakob Kühnemann am Bass und dem Einspringer Silvio Morger am Schlagzeug legte sie das Fundament für einen überragenden Abend und stimmte das Publikum perfekt auf Triosence ein.

Die Formation aus Kassel ist inzwischen alles andere als ein Geheimtipp. Nicht erst seit dem achten Album, dem herrlichen „Hidden Beauty“, zählt Triosence zur Crème der jungen deutschen Jazzszene. 40 Konzerte haben sie in diesem Jahr auf ihrer Release Tour gegeben. Ihr Auftritt im Pantheon wirkte frisch und impulsiv wie der erste der Serie.

Es sei keine Kunst, komplizierte Musik so zu spielen, dass sie kompliziert klinge. Wohl aber sie so zu spielen, dass sie leicht klingt. Bernhard Schüler, dem charmanten Kopf des Trios, gelang gerade das am Piano bravourös: „As If It Was Yersterday“, ein unglaublich vertracktes Stück voller Takt- und Tempowechsel, geriet locker wie ein Baiser. Auftakt zu einer faszinierenden Weltreise, die vom europäisch angehauchten Jazz („Some Things Never Change“) und einer Verehrung für Keith Jarrett („Three Fo(u)r Fun“) ausgehend nach Afrika („Summer Rain“), in die kubanische Heimat des Bassisten Omar Rodriguez Calvo („Out of Reach“) und weiter an den Strand von Copacabana führte , wo der Pianist einst nicht nur sein Herz verlor, sondern seine Emotionen auch noch kompositorisch in Richtung Bossa Nova und Salsa kanalisierte.

Im dreiteiligen Zugabenteil – das im Stehen applaudierende Publikum wollte Triosence nicht von der Bühne lassen – waren die Weltreisenden irgendwo in Arabien angekommen. Unglaublich geschmeidig, fantasievoll betörten die drei Reiseleiter ihr Publikum: Umwerfend Schüler und Calvo mit ihren Improvisationen, nicht minder überzeugend Perkussionswunder Stephan Emig, der zu jeder Stimmung das passende Schlaggerät an Bord hatte.