Opernpremiere in Köln

Schlachtfeld der Liebe

Herzenskalt im Reifrock: Catherine Foster verkörpert die Kölner Turandot . FOTO: UHLIG

Herzenskalt im Reifrock: Catherine Foster verkörpert die Kölner Turandot . FOTO: UHLIG

Köln. Lydia Steiers umjubelte, opulente Inszenierung von Puccinis Oper Turandot im Kölner Staatenhaus. Steier hält die Geschichte mit Ironie auf Distanz, ohne die tiefere Bedeutung darüber zu vergessen

Zum Sonnenaufgang werde ich siegen!“, singt der Held Calaf in Giacomo Puccinis unvollendet gebliebener Oper „Turandot“ höhensicher und angriffslustig. Wow! Begeisterung! Jubel! Es ist, als habe der Komponist in seiner berühmtesten Tenorarie „Nessun dorma“ die Publikumsreaktion gleich mit hineinkomponiert: Calafs drittes „Vincerò“ und das triumphierende Orchesternachspiel schalten die Vernunft bei den Hörermassen aus und sprechen nur das Gefühl an, was Calafs Arie zu einem Musterbeispiel musikalischer Rhetorik macht. In der gefeierten Kölner Premiere von „Turandot“ erledigte der Tenor Martin Muehle diese Aufgabe übrigens mit Bravour. Das Publikum lag ihm willenlos zu Füßen.

Für die junge amerikanische Regisseurin Lydia Steier scheint in Calafs Eroberungsansage, die dem Herzen der eiskalten Prinzessin Turandot gilt, so etwas wie ein Schlüssel für das Werk zu liegen. Sie zeichnet Puccinis Tenorhelden als jemanden, für den die Liebe ein Schlachtfeld ist, auf dem es Gewinner und Verlierer gibt. Von Jünglingen der letzteren Kategorie hat es schon viele gegeben. Denn die Prinzessin will nur denjenigen zum Mann, der ihre drei Rätsel zu lösen vermag. Eine falsche Antwort kosten die Freier den Kopf.

Aber auch Calaf geht über Leichen, nimmt billigend in Kauf, dass die treue Sklavin seines Vaters, Liù, für ihn ihr Leben opfert. Erst als er schließlich sein Ziel erreicht hat, nähren sich Zweifel in ihm. Der Liebeskuss zwischen Calaf und Turandot (Catherine Foster) gewinnt bei Steier eine ganz eigene Dynamik: Er schlägt sie, woraufhin sie ihn an sich reißt und ihr Lippen auf die seinen presst.

Diese Geschichte bettet Lydia Steier in große Oper ein, beeindruckende Massenszenen und opulente Ausstattung inbegriffen. Für die Bühne darf das Künstlerduo „fettFilm“ mit Momme Hinrichs und Torge Møller, das bislang mit Theatervideoinstallationen wie jene für Stefan Herheims brillanten Bayreuther „Parsifal“ auffiel, aus dem Vollen schöpfen. Das tun Hinrichs und Møller mit Fantasie und individuell zugeschnitten auf Gegebenheiten des Staatenhauses. Der Raum sieht aus wie das Set zu einem Stummfilm aus der Entstehungszeit der Oper. In großen Lettern blinkt das Wort „Kino“ über dem Set. Als dann der Palast der Prinzessin von muskelbepackten Sklaven von der Seitengasse auf Schienen hereingeschoben wird, erhält das Wort zwei weitere Buchstaben, die es zu „Pekino“ ergänzen, was – in leicht abgewandelter Schreibweise – italienisch für „Peking“ steht. Man sieht schaulustige Europäer in Kleidern der 1920er Mode (Kostüme: Ursula Kudrna) umherspazieren, und der bunt chinesisch kostümierte Kinderchor bringt einen Delinquenten auf einem disneylandwürdigen Drachenboot auf Rädern herein. Steier hält die Geschichte mit Ironie auf Distanz, ohne die tiefere Bedeutung darüber zu vergessen.

Die Figurenzeichnung gelingt sehr genau bis in die Nebenrollen hinein. Ein echtes Kabinettstückchen liefern die drei Minister Ping (Wolfgang Stefan Schwaiger), Pang (John Heuzenroeder) und Pong (Martin Koch), die zunächst auf hohen Wägelchen wie Riesen über den Köpfen des Volkes schweben und im zweiten Akt aus dieser Rolle fallen, wenn sie auf Normalmaß geschrumpft an Schminktischen ihre Sehnsüchte formulieren. Musikalisch sind sie dabei in jeder Situation absolut sicher.

Auch Turandots Figurenzeichnung ist nicht ironiefrei. Ihr erster Auftritt in bonbonpinkem Reifrock, in dem die herzenskalte Prinzessin ihre Macht so träge bewacht wie der Drache Fafner das Nibelungengold, bleibt ebenso in Erinnerung wie ihre Wandlung zum 20er-Jahre-Vamp mit Blondperücke und schwarzem Anzug. Gesanglich erfüllt die Bayreuth-Brünnhilde diese Partie souverän. Wirklich zu Herzen geht Guanqun Yus Darstellung der Liù, deren Leiden sie in kostbaren Sopranfarben zeichnet. Alexander Felin (Altoum), Mika Kares (Timur) und Michael Mrosek (Mandarin) ergänzen die Solistenriege auf hohem Niveau. Musikalisch perfekt vorbereitet waren auch Chor und Extrachor der Oper (Einstudierung: Andrew Ollivant).

Das Gürzenich-Orchester zeigte unter der Leitung von Claude Schnitzler, obgleich hinter dem Bühnengeschehen platziert, eine bemerkenswerte Präsenz und leuchtete die von Puccini mit exotischen Farben und Effekte angereicherte Partitur sehr schön aus.

Weitere Termine: 6., 8., 15., 17. 21., 23., 27. April, 7., 12. und 14. Mai.