Ausstellung der Galerie Clement

Rauschen im Kunstbiotop

Stefan Vogels „Brutstätten und andere Schwärmereien“.

Stefan Vogels „Brutstätten und andere Schwärmereien“.

Bonn. Villa Romana-Preisträger Stefan Vogel verwandelt das Bonner Galeriehaus von Gisela Clement. Eine Ausstellung mit dem Charme und der Spannung eines Abenteuerspielplatzes.

Es ist schon ein brachialer Eingriff in Uwe Schröders fein austarierte, Proportionen und Raumgewichtungen, Materialien, Texturen und Lichtregie zelebrierende Architektur des Galeriehauses an der Lotharstraße. Der Künstler Stefan Vogel schert sich nicht um die gebaute Ästhetik des 2015 eröffneten Architekturjuwels und setzt ein wucherndes, atmendes, bisweilen lärmendes, durch und durch radikal inszeniertes System dagegen – mit einer beeindruckenden Konsequenz.

Schröder soll, so hört man, den Eingriff mit rohen Industriepaletten, die die Raumstruktur auf den Kopf stellen, mit Pflanzenkübeln und No-go-Aereas, mit herumhängenden Kabeln und in den Wandputz gefrästen wilden Ornamenten gut gefunden haben. Der Mann weiß: Die Kunst kommt und geht, die Architektur aber bleibt. Der „White Cube“ bewahrt letztendlich seine Unschuld.

Johanna Adam von der Bundeskunsthalle hat die ausgezeichnete und sehr inspirierende Ausstellung mit dem schönen Titel „Brutstätten und andere Schwärmereien“ bei Gisela Clement kuratiert. Vogels zunächst ziemlich brutal anmutende Herangehensweise entpuppt sich bei näherem Hinschauen als pure Poesie, vorgetragen mit zarten, getippten Wortspielen, Zeichnungen, Collagen und Materialbildern, ferner mit Pflanzen und raumverändernden, skulpturalen Inszenierungen.

Es ist insgesamt ein sanft rauschendes Biotop der Zwischentöne, das man sich auf 320 Holzpaletten erläuft. Eine Ausstellung mit dem Charme und der Spannung eines Abenteuerspielplatzes. Ein mitleiderregend ächzender Ventilator empfängt den Besucher auf dem Rotor liegend und groteske Bewegungen vollführend im Treppenhaus. „Trümmer können nicht winken“, heißt diese Inszenierung der Vergeblichkeit. Der danebenstehende fast leere Kühlschank „Tremolino“ verströmt nicht weniger Tristesse. „Nein, Nein, Nein“, liest man dort, woanders steht „Docht, Docht, Docht“. Nicht die einzige Stelle, an der der Besucher über Vogels herrlich kauzigen Humor schmunzeln muss.

Der Kühlschrank und die Angst vorm Abtauen

Ein großformatiges Bild sendet kleine, schreibmaschinengetippte Botschaften aus: „Es ist die Angst, die friert...“, liest man da, und : „Es ist der Kühlschrank und die Angst vor dem Abtauen.“ Eingebettet sind diese Sprengsel konkreter Poesie in eine riesige stockfleckige, gebeizte Zeichnung oder Malerei. Unüberhörbar surrt ein Luftentfeuchter in einem abgetrennten Raum, der nur durch das Gitter der Paletten erahnbar ist. Eine Werkstatt, ein Labor? Zumindest ein Hinweis darauf, dass das Biotop lebt, diese Keimzelle des Künstlerischen gärt. Kunst erscheint hier als schöpferischer Prozess mit offenem Ende.

Weitere Paletten erschließen, zu einer Treppe aufgetürmt, den Luftraum im Obergeschoss des Galeriehauses, schaffen hoch oben einen eigenen Raum. Woanders entstehen urwaldähnliche Pflanzungen – besagte „Brutstätten“, deren Vegetation Schatten an die Wände wirft. Das Ornament der Blätter verbindet sich mit Muster, das die Flex als „Wandzeichnung“ im Putz zurückgelassen hat.

Man könnte wahrscheinlich Tage in diesem Ensemble verbringen, das von zeichnerischer und bildhauerischer Fabulierlust nur so strotzt. Und man sollte den 1981 in Fürth geborenen und in Berlin lebenden Stefan Vogel weiter beobachten. 2016 erhielt er den Villa-Romana-Preis und reihte sich in die lange Starliste der in dieser deutschen Kunstkaderschmiede in Florenz geadelten Künstler ein.

Galerie Gisela Clement, Lotharstraße 104; bis 2. März. Mi-Fr.. 14-18 Uhr, Sa. 13-17 Uhr. Performance: Do., 16. Februar, 19 Uhr, zur Midissage erscheint auch eine Publikation bei apa press.