"Viele Ziegen und kein Peter" von Christian Eisert

Rückwärtsfahren verboten

Ein sehr individuelles Stück Erde: Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey 2011 bei der 
Nationalfeiertagsansprache.

Ein sehr individuelles Stück Erde: Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey 2011 bei der 
Nationalfeiertagsansprache.

Nach seiner Reise durch Nordkorea hat Christian Eisert ein zweites im Wortsinne „merkwürdiges“ Land erkundet: die Schweiz. Wie im Vorgängerbuch hat er sich auch diesmal ein eigenwilliges Ziel gesetzt: Die Route soll auf der Karte das Wort „Schweiz“ ergeben.

Zwei Jahre ist es her, dass der Berliner Satiriker Christian Eisert mit seinem Nordkorea-Reisebericht „Kim und Struppi“ die Bestsellerlisten aufrollte. Jetzt hat er sich in ein ähnlich merkwürdiges Land gewagt, das ebenfalls den paranoiden Mythos pflegt, weltweit einmalig zu sein – und deshalb von Feinden umgeben. Jahrzehntelang ließ es „Staatsfeinde“ polizeilich bespitzeln. Es leistete sich eine terrorzellenartig organisierte Geheimarmee, plante Atombomben zu bauen und mauerte sich mit Bunkern ein. Das Land heißt „Confoederatio Helvetica“ – auf Deutsch: Schweiz.

Wie im Vorgängerbuch (damals suchte er nach einer regenbogenfarbigen Rutsche) hat Eisert sich auch diesmal ein eigenwilliges Ziel gesetzt: Die Route soll auf der Karte das Wort „Schweiz“ ergeben. Zwei Wochen dauert es, sie auszuarbeiten („allein drei Tage brauchte ich für das h“). Das etwas krakelige Ergebnis führt durch ein Land der Widersprüche.

Dort verbietet die „Verkehrsregelnverordnung“ das Rückwärtsfahren: „Es soll nur dann rückwärts gefahren werden dürfen, wenn die Weiterfahrt oder das Wenden nicht möglich ist“, weil „überdurchschnittlich viele tödliche Verkehrsunfälle durch Rückwärtsfahren verursacht werden“. Gleichzeitig stört es in Bern aber keinen, wenn Menschen im Fluss Aare schwimmen – sich von der Strömung fortreißen zu lassen, gehört dazu (man stelle sich das im sicherheitshysterischen Deutschland vor!).

Nur ein Beispiel für das verwirrende Spektrum eines Volkes, das wir viel weniger kennen, als wir glauben – beängstigend reich und beruhigend normal, beängstigend nationalistisch und beruhigend selbstkritisch. Eisert konstatiert dort „tiefe Gräben und Abgründe“ nicht nur in der Natur – eine „Mischung aus Zerrissenheit und einem unbedingten Willen zur Harmonie“.

Er sucht nach den Ursachen dieser Zerrissenheit und beschreibt sie mit historischen Exkursen und vielen Alltagsbeispielen. Etwa der Medienkrieg um die „Basler Zeitung“: Viele Einwohner verweigern sich dem Blatt, das als Sprachrohr des Rechts-außen-Milliardärs Christoph Blocher gilt. Da kann es vorkommen, dass am Briefkasten die Notiz klebt: „Näi – jetzt machsch die BaZ wider in dis Wägeli und fahrsch wyter.“

Der Autor besichtigt Polit-Pilgerstätten wie die Rütli-Wiese (und demontiert genüsslich die drumherum konstruierten Mythen). Er trifft einen Penner, der von „Scheiß-Deutschen“ keinen müden Rappen annimmt, und einen Geschäftsmann, der die Demokratie ablehnt – sie führe zu einer „Diktatur des Durchschnitts“.

Es liest sich flüssig und lebhaft, wie Eisert in sündhaft teuren Hotelzimmern übernachtet, sündhaft teure Frühstücksbrötchen isst, sich über den in Schweizer Bädern montierten, drehbaren Duschkopf KWC Fit Chromline L 1100 (SFr 175,-) freut. Außerdem erzählt er von verstörenden Sinistritäten. Etwa der „Bank für Internationalen Zahlungsausgleich“ in Basel: Das 1930 gegründete Mega-Geldhaus ist von Steuern, Zöllen und Parkverboten (!) befreit und wie geschaffen für Verschwörungstheorien (so soll es mitten im Krieg Goldgeschäfte zwischen den Nazis und den USA abgewickelt haben).

Oder der Alpenfestung „Reduit“, die ein Viertel des Landes unterkellert und deren Eingänge als Kuhstall oder Waldhütte getarnt sind. Eisert trifft jemanden, der so einen Bunker gekauft hat. Für solche Leute gibt es sogar ein eigenes Wort: „Bünkeler“.

Für uns haben die Schweizer das Wort „Sauschwaben“ – weil wir nicht sähen, dass ihr Land trotz ähnlicher Sprache nichts mit Deutschland zu tun habe. Wer dieses höchst lesenswerte Buch studiert hat, der begreift, was sie meinen.

Christian Eisert: Viele Ziegen und kein Peter. Ullstein extra, 333 S., 14,99 Euro