Neuer Roman

Politisch brisanter Krimi von Don Winslow

Schicksalsfresko-Maler: Don Winslow.

Schicksalsfresko-Maler: Don Winslow.

Bonn. Don Winslow beendet seine Drogenromantrilogie furios mit „Jahre des Jägers“. Das ist alles andere als harmlose Unterhaltung.

Nach 40 Jahren „Engtanz mit dem Teufel“ ist Art Keller ein Wrack. Der Kampf gegen die Drogendealer in Mittelamerika und den USA hat ihm entsetzliche Bilder und ein bleiernes Gefühl der Vergeblichkeit ins Hirn geätzt. Er ist „zu müde zum Schlafen“, aber er kann einfach nicht kapitulieren. Also wieder Mexiko. Dort warten die Erinnerungen an seinen zum Todfeind mutierten Freund Adán Barrera, dort lebt seine Geliebte Marisol, die ein Attentäter verkrüppelt hat. Auch in „Jahre des Jägers“, dem dritten Band von Don Winslows grausam grandiosem Drogen-Epos, dauert es nicht lange bis zum Zischen eines Brennschleifers und dem Gestank nach versengtem Fleisch.

Doch neben den sadistischen Narcos gibt es diesmal einen zweiten Gegner – an der Heimatfront. Dort wird Keller unverhofft zum Chef der staatlichen Drogenbekämpfung DEA ernannt, weil man nur ihm zutraut, die Heroinschwemme zu stoppen. Doch bald nimmt er den republikanischen Präsidentschaftskandidaten wahr, wie er von einer Mauer zu Mexiko twittert. Der Mann heißt John Dennison, doch durch die löchrige Tarnkappe leuchtet orange-blond der Schopf von Donald Trump.

Viele USA-Bürger süchtig nach Opiumderivaten

Winslow (65) hat Amerikas Krieg gegen die Drogen immer für einen gigantischen Fehlschlag gehalten, der eine Billion Dollar und Zigtausend Menschenleben gekostet hat. Hier erklärt er den Siegeszug des Heroins nicht zuletzt damit, dass seine Landsleute längst süchtig nach den Opiumderivaten der Pharmakonzerne seien.

Als Art Keller der Spur des Geldes folgt, stößt er auf Dennisons Schwiegersohn und Chefberater, der hier Jason Lerner und nicht Jared Kushner heißt, sein kriselndes Immobilienimperium aber mit einem 285-Millionen-Dollar-Kredit der Kartelle stabilisieren will. Das Syndikat zieht durch die Hintertür ins Weiße Haus ein.

Mit der politischen Brisanz seines Romans beweist Winslow Schneid wie sein ramponierter Held, doch das packende Opus Magnum begnügt sich nicht mit einer Mutprobe. Diese brillante Prosakamera kann alles: detailscharfe Weitwinkel-Panoramen des Drogenhandels und der Washingtoner Verschwörungslandschaft oder die Selfies der Narcos-Söhne. Nach Adán Barreras Tod posieren sie mit vergoldeten Maschinenpistolen auf den Motorhauben ihrer Maseratis und Ferraris, bevor sie sich gegenseitig massakrieren. Keller ahnt: „Du hast den Wolf getötet, jetzt treiben die Kojoten ihr Unwesen.“

Vergleich mit Höllengemälde vom Hieronymus Bosch

Der Blutzoll der neuen Scharmützel ist enorm, die mit Sex gemischte Brutalität fast bizarr. Das Ganze erinnert an ein Höllengemälde vom Hieronymus Bosch. Hier wie dort gibt es im Gräuelgewimmel etliche fein ziselierte Einzeldramen: etwa die Nöte des Undercover-Cops Cirello oder die Ängste des Ex-Killers Sean Callan, sein ruhiges Leben wieder zu verlieren.

Wie in den Vorgängerbänden „Tage der Toten“ und „Das Kartell“ wirken die Dialoge absolut milieugetreu und alle Figuren wie aus dem Leben geschnitten. Insbesondere die Opfer zoomt Winslow schmerzhaft nah heran: Junkies wie die früh vom Stiefvater missbrauchte Jacqui, die es eben nur fast schafft, durch die Entzugstortur in eine neues Leben zu kommen. Oder unschuldig-schuldige Monster wie den halbwüchsigen Chuy, der nichts anderes kennt als Gewalt.

Die erschütterndste Geschichte und fast ein Roman für sich ist die von Nico: Ein Zehnjähriger, der in Guatemala City auf der Müllhalde nach Essbarem sucht, von einer Gang drangsaliert wird und es unter übelsten Umständen als blinder Zugpassagier quer durch Mexiko bis ins gelobte Land schafft. Seine Freundin bleibt auf der Strecke, ihm selbst winkt erst eine Dealerkarriere, dann die Abschiebung.

Nein, harmlose Unterhaltung ist all das nicht. Aber ein detailscharfes, formatsprengendes Schicksalsfresko, das Mario Puzos „Der Pate“ verblassen lässt und sich mit James Ellroys Amerika-Tetralogie messen kann. „Diese Arbeit zehrt einen aus“, hat Don Winslow unserer Zeitung 2014 über seine Drogenkriegsrecherche gesagt. Wie Art Keller, der „zu müde zum Schlafen“ ist, mag auch er ein Kriegsversehrter sein. Aber dieser Kampf war es wert.

Don Winslow: Jahre des Jägers. Roman, deutsch von Conny Lösch. Droemer, 991 S., 26 Euro.