Ausstellung in Bonn

"Plattenbau" als Werkserie von Annett Zinsmeister

Annett Zinsmeister mit der Tapete, die sie für die Zwischenwand in der gkg geschaffen hat. FOTO: SCHOENEBECK

Annett Zinsmeister mit der Tapete, die sie für die Zwischenwand in der gkg geschaffen hat. FOTO: SCHOENEBECK

Bonn. Annett Zinsmeisters Recherchen zur DDR-Architektur flossen in eine Ausstellung der Bonner Gesellschaft für Kunst und Gestaltung.

In den fotografisch konstruierten Räumen von Annett Zinsmeister wandert der Blick an ornamentalen Strukturen entlang, registriert Einzelheiten und sucht nach sinnstiftenden Zusammenhängen. Hier hat, das ahnt man schnell, eine Dekonstruktion stattgefunden, bei der Architekturdetails aus der gebauten Welt neu kombiniert und in eine spezielle Bildwelt überführt wurden. Hinter einer ästhetisierten, formal strengen und zunächst kühl anmutenden Fassade beschäftigt sich die Künstlerin mit Fragen der Identität von Räumen und Orten. Der Mensch kommt nicht vor in diesen Montagen, aber weit ist er nicht.

Die Einzelausstellung, in der die Gesellschaft für Kunst und Gestaltung (gkg) derzeit einige Werkserien von Zinsmeister vorstellt, ist wie eine Reise zwischen Vergrößerungsglas und Weitwinkel. „Plattenbau“ ist so eine spannende Serie, hinter der eine Art soziologisch motivierte Neugier steckt. Als Zinsmeister 1990 in Berlin mit dem Studium der Architektur und Medienwissenschaft begann, war die Mauer noch nicht lange zuvor gefallen, und es gibt viele Gründe, den Osten der Stadt zu erkunden. Die Studentin fuhr in die Plattenbausiedlung nach Lichtenberg und begann, diese fotografisch zu dokumentieren.

Erstaunt sei sie darüber gewesen, sagt sie, dass der Plattenbau hinter einer auf den ersten Blick menschenunfreundlichen Fassade gar nicht so anonym sei, wie man zunächst denkt. „Inzwischen gibt es die Beobachtung, dass Kinder, die in der Platte aufgewachsen sind, dorthin gerne zurückkehren und sich überall auf der Welt im Plattenbau zu Hause fühlen.“

Der neue, vorurteilsfreie Blick

Die Plattenbau-Studie von Zinsmeister ist kein Plädoyer für oder gegen diese Art Einheitsarchitektur, sondern der Anstoß für einen neuen, vorurteilsfreien Blick darauf. In späteren Werkserien nimmt die Künstlerin zur ornamentalen Fläche die dritte Dimension hinzu – was einer Verführung gleichkommt. Die Räume locken in ihr Inneres, das der Betrachter unsicher abschreitet, denn hier ist kaum etwas, wie es zu erwarten wäre. Es sind verkleidete, virtuelle Räume mit perspektivischen Irritationen und vexierbildartigen Illusionen. Ihr Baumaterial dafür findet Zinsmeister in Städten wie Paris oder Köln und Gebäuden, die im Begriff sind, zu verschwinden. So wird aus dem fotografischen Blick in die Kuppel der ehemaligen Reichsbahndirektion in Köln (heute entkernt und umgebaut) ein atmosphärisch dichter Raum aus Stahl und Licht mit dem Charme einer über hundertjährigen Geschichte.

Für die große Zwischenwand im Hauptraum der gkg schließlich hat Zinsmeister eine neue Arbeit geschaffen. Die flächendeckende Tapete, zusammengesetzt aus Bausteinen der Wirklichkeit, verkleidet die Wand und sendet widersprüchliche Signale aus.

Gesellschaft für Kunst und Gestaltung, Hochstadenring 22; bis 17. September, Mi-Fr 15-18, Sa 14-17, So 11-17 Uhr.