„Alfred Hitchcock. Sämtliche Filme“

Paul Duncan veröffentlicht Prachtband zu Hitchcock

Paul Duncans Buch „Alfred Hitchcock. Sämtliche Filme“ ist ein Festmahl für Fans. Der Band rekonstruiert die 53 Filme des Meisters in visueller Pracht und wunderbarer Detailfülle.

Am vergangenen Sonntag wollte die „Sunday Times“ von 16 namhaften Horrorfilm-Regisseuren und prominenten Fans des Genres wissen, welche ihre Lieblingsalbtraumkinoszenen seien. Keiner der Befragten, darunter Ari Aster, Eli Roth und John Landis, nannte den Namen Alfred Hitchcock. Schon verwunderlich, denn der Einfluss des englischen „master of suspense“ (1899-1980) war enorm; er ist der Gigant, auf dessen Schultern Kinoregisseure wie Aster, Roth und Landis stehen.

Der Filmhistoriker Paul Duncan und sein Team von zwölf Autoren wissen das und widmen Hitchcock einen Band von fast 700 Seiten, der die 53 Filme des Meisters in visueller Pracht und wunderbarer Detailfülle rekonstruiert – von „Irrgarten der Leidenschaft“ (1925) bis „Familiengrab“ (1976). Ein Festmahl für Fans, für Newcomer der perfekte Einstieg in Hitchcocks Welt.

Manche glauben, Hitchcock sei ein Sadist gewesen. Tatsächlich konnte der Filmemacher die Menschen nicht unterhalten, ohne sie gleichzeitig zu quälen. „Wenn man eine Filmgeschichte erzählt, wie ich das mache, appelliert man an die Angst, die in jedem steckt“, bemerkte er 1963. Sein Credo: Lass sie leiden. „Always make the audience suffer as much as possible.“

53 Filme in sechs Jahrzehnten

Mit den 53 Filmen, die er in sechs Jahrzehnten in Europa und Hollywood schuf, erarbeitete sich Hitchcock eine einmalige, bis heute anhaltende Popularität – und eine beinahe einmütige Wertschätzung von Seiten der Kritik. „Selbst unter den größten Filmregisseuren bleibt Hitchcock unvergleichlich als der bedeutendste Gestalter filmischer Tragödien, den es je gegeben hat“, schrieb der Kritiker Wilfried Wiegand zum Tode des englischen Regisseurs am 29. April 1980 in Los Angeles.

Hitchcocks Nähe zu Autoren wie Dostojewski und Kafka, Strindberg, Pirandello, Eugene O`Neill und Tennessee Williams, aber auch zu Cézanne, Caspar David Friedrich, Picasso und sogar Michelangelo ist ausführlich diskutiert und belegt worden. Das große Publikum liebt ihn aber vor allem wegen der Schocks, die er ihm zumutet. Sie resultieren aus den Psychosen und Phobien, den Obsessionen und Perversitäten des 20., also freudianischen Jahrhunderts. „Psycho“ beispielsweise war ja mehr als die berühmte Duschszene: eben auch eine Studie extremer Mutterfixierung. Norman Bates' Auftritt nach dem ersten Mord ist unvergesslich: „Mutter! Mein Gott, Blut! Mutter, wie kommt das Blut hierher?“

Duncan arbeitet die experimentellen Facetten des Films heraus: die minutiös komponierte, von Bernard Herrmanns schriller Musik begleitete Duschszene, die Dialogblöcke, das Motiv des Voyeurismus. „Psycho“, 1960 entstanden, hat eine Formel des Kinos erfunden, die auch heute noch erfolgreiche Anwendung findet: Sexualität und Gewalt zu verschmelzen. Der Kinobesuch wurde so zu einem „sexualisierten Thrill, einer Art sado-masochistischer Achterbahnfahrt“, hat die Filmhistorikerin Linda Williams festgestellt.

Kunstvollere Filme

In Werken wie „Der unsichtbare Dritte“, „Der falsche Mann“ und „Der Mann, der zu viel wusste“ geht Hitchcock kunstvoller vor. Es sind Filme, in denen er ganz normale Leute in eine alltägliche Situation verwickelt, die sich dann als ein glanzvoll gefährliches Rätselspiel erweist. „Den Sinn für das Absurde praktiziere ich wie eine Religion“, vertraute er seinem französischen Kollegen François Truffaut an. Doch auch wenn er den Menschen als Opfer einer äußeren Bedrohung zeigt, bleibt diese doch letztlich nur Symbol für die unsichtbare und gerade deshalb weit gefährlichere Innenwelt. Dass der Einzelne vor allem durch Gefährdungen bedroht wird, die aus seinem eigenen Innern kommen, hat Hitchcock immer wieder dargestellt.

Diese These drückt sich in seinen Filmen auf originelle Weise aus. Vom Bedürfnis getrieben, „das Rechteck der Leinwand mit Emotionen aufzuladen“, Formen und Farben für das Unsagbare zu finden, entwickelte der Regisseur sich zu einem der radikalsten experimentellen Filmemacher in der Geschichte des Kinos.

Wie Picasso übersetzte er eine persönliche Vision in einen populären Stil. An dem Meisterwerk „Vertigo“ aus dem Jahr 1958 lässt sich zeigen, wie die Geschichte einer Obsession, einer nekrophilen Leidenschaft in Bilder übertragen wird. Die Kamerabewegungen, lange, suggestiv langsame Fahrten, üben einen halluzinatorischen Sog aus. Mit einer Technik, die sich nie im Abbilden von vorgefundener Wirklichkeit begnügte, sondern sie ins Unheimliche und Unwirkliche verfremdete, zieht Hitchcock den Zuschauer in einen düsteren Raum hinein. Das Publikum wird zum Komplizen des von James Stewart gespielten Detektivs Scottie Ferguson, der zweimal die Frau verliert, die er liebt. Der Film evoziert den Wahnsinn, der von Scottie Besitz ergreift, wenn er der Vergangenheit begegnet und sie festhalten will.

Viele Interpreten haben die Person Hitchcocks in Beziehung zu seinem Werk gesetzt. Donald Spoto versuchte 1986, „Die dunkle Seite des Genies“ psychoanalytisch zu erfassen. Ohne überzeugendes Resultat hat er den Mann auf die Couch gelegt, der am 13. August 1899 in ein behäbiges mittelständisches Milieu geboren wurde, als Kind schon alles andere als schlank war, von strengen Jesuiten erzogen wurde, heiratete, ein geradezu spießbürgerliches Leben führte und eigentlich immer ruhig und britisch unterkühlt wirkte – und gar nicht sadistisch. „Stimmt es, dass Sie gesagt haben, Schauspieler sind Vieh?“, wurde Hitchcock einmal gefragt. Seine Antwort: „Das ist eine ausgemachte Lüge. Ich habe nur gesagt, dass sie wie Vieh behandelt werden sollten.“

Paul Duncan (Hg.): Alfred Hitchcock. Sämtliche Filme. Taschen Verlag, 688 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 30 Euro.