Frage nach Identitäten

Neue Ausstellung im Bonner Kunstmuseum

Halb Frau, halb Gewächs: Ein „Migof“ von Bernard Schultze auf Identitätssuche. Im Hintergrund hopsen Bernhard Johannes Blume und seine Mutter in der Fotoserie „Flugversuch“ auf dem Sofa.

Halb Frau, halb Gewächs: Ein „Migof“ von Bernard Schultze auf Identitätssuche. Im Hintergrund hopsen Bernhard Johannes Blume und seine Mutter in der Fotoserie „Flugversuch“ auf dem Sofa.

Bonn. Die Schau „Stereo_Typen“ im Kunstmuseum Bonn fragt nach Identitäten und Rollenbildern und greift dabei auf eigene Bestände aus der Sammlung Ingrid Oppenheim zurück.

"Fluid“ (fließend) ist das Wort der Stunde im Kunstmuseum Bonn. Der aktuelle Trend „Gender Fluidity“ wirft, wie wir wissen, bekannte Rollenmodelle über den Haufen – steht für das permanente Neuverhandeln der eigenen Sexualität. Andererseits meint Sophinette Becker, Sexualwissenschaftlerin und Psychotherapeutin, wir seien von der Anlage eigentlich gar nicht fluide: „Wie eine genderfluide Praxis, wie permanentes 'undoing gender' aussieht, ist aber noch lange nicht geklärt.“

Das Kunstmuseum Bonn steigt mit der Ausstellung „Stereo_Typen“ sehr originell in dieses eminent aktuelle Thema der Geschlechteridentitäten und Rollenbilder im Konflikt mit geltenden Normen ein. Sie und Maximilian Rauschenbach hätten die Schau „fluide kuratiert“, schmunzelt Barbara J. Scheuermann. Will heißen: „Wir wollen Bilder anbieten“, sagt sie, „die Ausstellung ist ein Gesprächsangebot“. Also keine ausformulierte kuratorische Metaebene, keine in Stein gemeißelten Botschaften, wenig Text, viele, viele Bilder und ein paar Videos.

Dass sich der Besucher gerne, wenn es schon keinen Ausstellungskatalog gibt, trotzdem ein paar intellektuelle Handreichungen, zeitgeschichtliche Hinweise, eine schlüssige Dramaturgie der Inszenierung und kürzere Wege zwischen Bildern und Legenden gewünscht hätte, steht auf einem anderen Blatt. Das würde den Besuch der wirklich sehenswerten Schau unbedingt fluider gestalten.

„Stereo_Typen“ entführt in eine Zeit, als es das das Gendersternchen (Künstler*innen) noch nicht gab, der Begriff „queer“ als Schimpfwort für Schwule galt und nicht als positiv konnotierter Lebensentwurf jenseits der Norm und man mit LGBTIQ keine marxistische Splittergruppe bezeichnete, sondern die Sammelbewegung „Lesbisch Schwul Bi Trans* Inter* Queer“. Die Reise geht in die 1970er und frühen 80er Jahre, als im Windschatten der 1968er Revolte schon einmal Geschlechterrollen und -bilder, Identitätsfragen und die auch politische Entdeckung des Körpers diskutiert wurden – oft mit einer Drastik, die heute einen „Shiststorm“ nach dem anderen in den sozialen Medien auslösen würde.

Rollendebatte aus dem Fetisch-Shop

Jürgen Klauke etwa inszeniert sich 1972/73 in einer Bilderstrecke als androgyne Gestalt, teils in Machopose, teils als rührende Madonna, unter anderem mit Schaumstoff-Vulva und vorgeschnallten Brüsten aus erigierten Gummipenissen. Rollendebatte aus dem Fetisch-Shop. Ulrike Rosenbach dekliniert im Video die gängigen Rollenangebote für Frauen durch: keusche Madonna, schöne Projektionsfläche à la Venus von Botticelli oder kämpferische Amazone. Sie konnte sich mit keiner anfreunden. Udo Kier tritt in seinem Film „Letzte Reise nach Harrisburg“ (1984) abwechselnd als schneidiger Soldat und schöne Frau mit Schlafzimmerblick auf. Der Text ist dramatisch und existenziell. „Nehmen wir doch die Bibel, den größten Krimi aller Zeiten“, sagten er und Rainer Werner Fassbinder, der den Film finanziert hat und die Bibelworte sprach. Eine von vielen feinen Entdeckungen der Schau.

Wie auch die 81 Selbstporträts von Katharina Sieverding, die fünf Karussell-Diaprojektoren an die Wand werfen: Das Porträt als Definition der eigenen Identität, als Rollenspiel und gesellschaftspolitisches Statement. 1973 war das – heute herrscht die Redundanz und Banalität der Selfie-Manie. In der Schau hängt auch Bernhard Johannes Blumes herrliche vierteilige Fotoarbeit „Flugversuch“, bei der er und eine ältere Frau wild auf einem Sofa herumhopsen. „Quasi inzestuöse Turbulenzen“ zwischen ihm und seiner Mama Maria Blume werden hier ventiliert, die Arbeit von 1977/78 ist Teil der Serie „Ödipale Komplikationen 2“.

„Stereo_Typen“ reicht zwar zeitlich von August Mackes klischeehaftem „Araberjungen“ (1914) bis zur Archimboldo-Paraphrase „Anders“ von Wolfgang Tillmans (2005), aber der Schwerpunkt liegt auf den 1970er/80er Jahren. Das ist nicht dem fluiden Kuratorium der Ausstellung geschuldet, sondern dem Bestand. Denn „Stereo_Typen“ speist sich exklusiv aus den eigenen Werken der Bonner grafischen Sammlung, die maßgeblich durch die Schenkung der Sammlung Ingrid Oppenheim aufgewertet wurde. Auf einen Schlag avancierte das Kunstmuseum unter anderem zum Besitzer einer der größten Videosammlungen der Republik. 2005 war aus den Schätzen schon einmal etwas im Kunstmuseum zu sehen. Titel: „Sich selbst bei Laune halten.“ Aktuell ist das nicht nötig. „Stereo_Typen“ sei Dank.