500 Vokabeln

Münster pflegt eigene Geheimsprache - die "Masematte"

Münster. Eine eigene Sprache zu haben – für sowas sind Staaten und Völker zuständig, keine Städte. Mit einer Ausnahme: Münster pflegt stolz die „Masematte“, eine gar nicht mehr so geheime Geheimsprache mit rund 500 Vokabeln.

Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um einander zu verstehen? Kann sein. Sie dient ihm aber auch als Clubkarte, als Antwort auf die Frage: Wer gehört zu uns, wer nicht? Ganze Völker definieren sich darüber, ob einem der Konjunktiv von „fließen“ flüssig aus dem Mund flösse oder so. Wer will's also kleineren Gruppen verübeln, wenn die es genauso machen? Wenn ein paar hundert Leute eine eigene Sprache erfinden, um sich von „den Anderen“ abzugrenzen? In Münster geschah so etwas im 19. Jahrhundert – und immer noch pflegt die Hauptstadt Westfalens mit Stolz dies erdachte Idiom. Es heißt „Masematte“.

Der Name hat nichts mit irgendeiner Auslegeware zu tun, sondern kommt von hebräisch Masa 'umatán und bedeutet „Verhandlung“. Gemeint sind die Geschäftsgespräche der Hilfsarbeiter, Vieh-händler, Kleinhandwerker und Hausierer in vier münsterschen Stadtteilen, die heute „soziale Brennpunkte“ heißen würden – die Bürgerschaft bedachte sie mit Sprüchen wie „Tasche, Brink und Ribbergasse: Messerstecher erster Klasse“.

Viele Bewohner dieser Viertel waren Juden, Sinti und Roma, und sie vermengten das Deutsche mit Vokabeln ihrer eigenen Sprachen – nicht nur, um bei ihrem (nicht immer ganz koscheren) Tun von Fremden nicht verstanden zu werden, sondern auch wegen des besseren Zusammengehörigkeitsgefühls. Solche „Sondersprachen“ sind für Experten nichts Neues; weltgeschichtsweit sind etliche Fälle bekannt. Das Besondere ist: In Münster erfasste es keine einzelne Gruppe, sondern ein ganzes Milieu; es wuchs zu seltener Perfektion; und es blüht (in gewissen Grenzen) bis heute.

Viele Wörter aus dem Rotwelschen oder Jiddischen

Knapp 500 spezielle Wörter machen das Erscheinungsbild der Masematte aus. Viele entstammen dem Rotwelschen oder dem Jiddischen, sind von dort her auch ins Deutsche eingegangen und scheinen daher bekannt: Maloche etwa, meschugge und Mischpoke, labern oder ausbaldowern. Der Unterschied: Im Deutschen sind sie Außenseiter, in der Masematte Normalfall.

Außerdem kommen Begriffe hinzu, von denen selbst der kiezeste Slang-Freak nie gehört hat. Anim (Mädchen). Seeger (Mann). Lowine (Bier). Schockelamai (Kaffee). Tacko (schnell). Scharett (Bahnhof). Strehle (Straße). Schmusen (sprechen). Rackewele (Sprache). Bendine (Gegend). Maschemau (Donnerwetter!). Laulone (nichts). Und, und, und; das „Große Wörterbuch“ hat 330 Seiten. Als Trägermasse dient ein westfälisch gefärbtes Deutsch voller „auffe“, „kannsse“ und „hömma!“.

Versierte Könner (sie heißen „Masemattenfreier“) basteln auf diese Weise Sätze, bei denen der Außenstehende nur noch Scharett versteht. So im Theaterstück „Thusnelda un de schofelen Römers“, das von der Varusschlacht handelt: Die Germanen schnacken dort Platt, die Römer (weil Stadtbewohner) schmu-sen Masematte. Der besiegte Varus klagt also: Wer tut mich meine Legionen wieder? Nicks mehr zu reunen! Alle ab nach Beis! Unsere Zossen sind pleete! Die Agile is krick! Ich soll mich woll mulo makeimen müssen mit meine Plempe, aber da heg ich auch hamel More für!

Sprachforscher rügen an solchen Texten, dass sie mit der ursprünglichen Lebenswelt der Masematte nichts zu tun haben. Die ursprüngliche Sprach-gemeinde gibt es nicht mehr. Erst ermordeten die Nazis die Juden, Sinti und Roma der Stadt. Dann ging sie im Bombenhagel unter und die Masematte-Viertel mit ihr. Doch die ganz spezielle Sprache Münsters hat Völkermord und Inferno überlebt – als „Sekundär“-Masematte, also Version 2.0.

Aus der Geheim- ist eine Spaßsprache geworden

„Geheim“ ist die in gewissem Sinne noch immer. Der Tourist wird sie kaum auf der Straße hören, von einzelnen Fetzen mal abgesehen. Dass Leeze in Münster „Fahrrad“ heißt und jovel „prima“, lernt er zwar schon am ersten Tag. Am zweiten hört er vielleicht in der Kneipe: „Wat schmust der Osnik?“ (Was sagt die Uhr?). Längere Sätze wie die des Varus, der sich mitte Plempe mulo makeimen (mit dem Schwert töten) möchte, findet er nicht im Alltag, doch um so mehr in den Werken von Glossenschreibern und Lokaldichtern, von Festrednern und Karikaturisten.

Die Zeitgenossen haben aus der Geheim- eine Spaßsprache gemacht, voll von nicht immer ganz ernst gemeinten neuen Vokabeln. Wuddibeis (Parkhaus), Luftwuddi (Flugzeug), Schotter-Osnik (Parkuhr), Büffelbeis (Universität), Tacko-achile-kabache (Imbiss), Schero-malocher-laber-kabache (Kopf-arbeiter-Redebude, also Seminarraum), Rackewelen-Zerche (Sprachenkunde) oder Masminen-Pünte („Schuh-Kahn“, das frühere Edel-Café Schucan an der „Nobelstrehle“, dem Prinzipalmarkt).

Inzwischen ist das Lokal-Idiom eins von vielen Alleinstellungsmerkmalen einer bunten Stadt, die an Einwohnern und Wirtschaftskraft seit Jahren wächst. Die Sprache aus den Armenvierteln – und mit ihr das System Sprache selbst – dreht so allen Fanatikern eine lange Nase, die glauben, nur Reinrassigkeit bringe Erfolg. Denn wer möchte, kann auch Banknoten masemattisch benennen – als „Lowi-Fleppe“. Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um Spaß zu haben. In Münster heißt das: Hamel Jontef!