Ernst-Ludwig Hartz 40 Jahre Konzertveranstalter

Lou Reed bestellte eine Thaimassage

Ernst-Ludwig Hartz veranstaltet seit vier Jahrzehnten Konzerte. Er holte viele berühmte Musiker nach Bonn. Eine Würdigung

Ernst-Ludwig Hartz ist traurig. Und wenn er traurig ist, dann gehen die Gedanken besonders intensiv in die Vergangenheit. Heute erreicht ihn die Nachricht vom Tod der US-amerikanischen Rocklegende Tom Petty. Zu dessen einzigem Europakonzert ist Hartz extra nach London gereist. „Ich dachte noch, wer weiß, wie oft du ihn noch erleben kannst – da er ja angekündigt hatte, es wäre seine letzte Tour“, sagt er nachdenklich, während wir in der Küche seines Hauses in Rüngsdorf sitzen.

Seit genau 40 Jahren veranstaltet der 57-jährige bekennende Godesberger schon Konzerte und hat sich die Liebe zur Rockmusik immer noch erhalten. Wenn er auf Festivals nach Berlin, Holland oder quer durch die Republik fährt, dann geht es zwar auch stets darum, neue Bands für seine Firma zu entdecken. Aber es zieht ihn auch immer noch wegen der Leidenschaft für die Musik in Konzertsäle oder auf die Plätze.

Gut möglich, dass ihm die Begeisterung für Musik in die Wiege gelegt wurde. Sein Vater war immerhin Pfarrer und Organist, und die fünf Kinder mussten alle Klavier lernen. Als der Vater 1972 stirbt, ist es vor allem der sieben Jahre ältere Bruder Michael, der Hartz, den alle nur „Ernest“ nennen, in die Welt von Santana, Zappa und vor allem die Allman Brothers einführt. Die Southern-Rocker sollen bis heute seine absolute Lieblingsband bleiben.

Und es sollte auch nicht dabei bleiben, auf dem Zimmer Platten zu hören und auf einer alten Hagström-Gitarre rumzuschrammeln. Das reichte dem Teenager nicht. Er wollte dort sein, wo die Rockstars waren. Mit seinem guten Freund Wolfgang „Kolli“ Koll, heute einer der Betreiber der Harmonie in Endenich, verdingten sich die 15-, 16-Jährigen als Ordner und packten mit an, wenn die Bühnen in Köln für Yes, Supertramp oder Santana aufgebaut werden mussten. Wenn man da erst spät in der Nacht wieder zu Hause ist, dann leidet darunter nicht nur die Schule. „Meine Mutter fand das natürlich nicht immer lustig“, sagt Hartz. „Das ist ja klar.“ Dennoch erlaubte sie dem damals 15-Jährigen dann, 1975 in den Sommerferien zum berühmten Reading Festival zu reisen. Hartz kommt ins Schwärmen, wenn er davon erzählt. Viele seiner „Helden“ traten damals auf: Mahavishnu Orchestra, Soft Machine, Yes, UFO, Thin Lizzy, Yes, Wishbone Ash und einige Bands, die noch relativ unbekannt waren, wie etwa Judas Priest.

Die Mutter hätte ja am liebsten gesehen, wenn der Mittlere ihrer fünf Sprösslinge Industriekaufmann geworden wäre. Und er hat sich dann auch mal als Auszubildender bei einem Steuerfachberater vorgestellt. Mit abgeschnittenen Haaren, wie er immer noch missbilligend erwähnt. „So eine Ausbildung wie Veranstaltungskaufmann gab es ja damals gar nicht“, sagt Hartz. Also musste er selbst zusehen, wie er es zu einem Konzertpromoter schaffen würde.

Das erste Puzzleteil wurde am 14. Oktober 1977 gelegt. Da veranstaltete Hartz seinen ersten Konzertabend. Fünf Bonner Bands verpflichtete er für den Abend in der Aula des Bad Godesberger Nicolaus-Cusanus-Gymnasiums: Tai Pan, Harvest, Muzak, Future und Phönix. „Es war abenteuerlich“, erzählt Hartz lachend. „Die Sicherungen sind immer wieder rausgeflogen, und der Hausmeister drehte auch am Rad.“ Doch der Abend war mit 800 Besuchern ausverkauft. Nach diesem ersten Erfolg gab es für Hartz kein Zurück mehr. Und seine Mutter unterstützte ihn bei den ersten Konzerten, als er sein Büro im Elternhaus hatte – sie bereitete Catering vor, nahm Telefonate an oder wusch die Handtücher nach den Konzerten.

So richtig professionell ging es aber erst 1979/80 los. Da brachte Hartz schon Bands wie Level 42, BAP, Killing Joke, Garland Jeffreys, Split Enz oder John Cale nach Bonn in die legendären Rheinterrassen in der Estermannstraße. Solch einen Club mit einer Kapazität von 800 Besuchern gibt es heute nicht mehr. Auch in der Stadthalle Bad Godesberg veranstaltete Hartz unvergessene Konzerte: Talk Talk, Mr. Mister, Konstantin Wecker, Marillion und Suzanne Vega.

Für das Eröffnungskonzert in der Biskuithalle in der Bonner Weststadt im Mai 1985 verpflichtete er die kultigen The Sisters of Mercy. In den nächsten Jahren folgen nicht nur das Blues Festival mit Rory Gallagher und die WDR-Rocknacht mit Rio Reiser, The Mission und New Model Army. In Bonn spielten Herbert Grönemeyer, INXS, Stevie Ray Vaughan, Runrig, Dream Theater, Motörhead und Die Ärzte – bis die Biskuithalle 1997 schloss.

Hartz beschränkt sich nicht nur auf Club- und Hallenkonzerte. Er war örtlicher Veranstalter für Künstler wie Peter Gabriel, Genesis, Tina Turner, Michael Jackson, U2, Meat Loaf und Pink Floyd für Stadionereignisse in Bochum und Düsseldorf. Besonders in Erinnerung blieben ihm Künstler wie Johnny Cash, The Allman Brothers Band, David Bowie, Neil Young, Rush, The Doors, Return to Forever und Phil Collins. Von 1987 bis 2001 veranstaltete er die legendären Bizarre Festivals in Köln, Weeze oder auf der Loreley, wo er teilweise Bands auftreten ließ, die selbst noch in den Kinderschuhen steckten – etwa die Foo Fighters, Coldplay und Nickelback.

Wie er das alles geschafft hat? „Mit viel Glück und damit, die richtigen Leute zur richtigen Zeit zu treffen“, sagt Hartz. So lernte er beispielsweise über ein Szenemagazin, das er mit herausgab, die bekannten Konzertveranstalter Peter Rieger und Fritz Rau kennen. Aber er bereue auch so manches Konzert, sagt Hartz. „Der Markt ist unberechenbar.“

Auf den Museumsplatz holte er von 1996 bis 2011 Van Morrison, Earth Wind & Fire, Joe Cocker, The Doors, Mike Oldfield, Return to Forever, Roxy Music und viele mehr. Nicht zu vergessen ab 2012 den Kunst!Rasen, wo unter anderem Lou Reed, Bob Dylan, Crosby Stills & Nash, Santana, Gov’t Mule und Deep Purple spielten. Und in der Harmonie ist Hartz eh Dauergastgeber, etwa mit Mitch Ryder, The Pretty Things, Dr. Feelgood und vielen anderen.

Hartz könnte ein Buch schreiben. Darüber, wer mit die teuersten Ansprüche an die Beleuchtung hat (Santana), wer eine gute Thaimassage vor dem Konzert brauchte (Lou Reed), für wen 24 Stunden ein Fitnessstudio bereitstehen muss (Henry Rollins), wer nicht ohne Golfplatz in der Nähe auskommt (Alice Cooper) oder wer ziemlich genügsam ist („Bob Dylan kommt nicht mal aus dem Tourbus raus“). So manche Nerven haben ihn die Künstler gekostet. „Aber das ist vorbei“, sagt er schmunzelnd. „Mich kann heute so leicht nichts mehr aus der Fassung bringen.“

Richtig dolle Ausreißer – Stichwort Hotelzimmerverwüstung – habe es in 40 Jahren kaum gegeben, sagt Hartz, der über besonders delikate Details der Künstler höflich schweigt. Aber so manche Erinnerung bleibt. An Peter Gabriel, der mit Tony Levin in Seelenruhe zum Auftritt in der Kölner Sporthalle mit dem Rennrad kam; Scott Weiland (Velvet Revolver, Stone Temple Pilots), der in London seinen Flug nach Köln verpasste und mit dem Auto zum Palladium gebracht werden musste.

Oder an Lemmy „Motörhead“ Kilmister, der mit seinen Kippen den ganzen Teppichboden in der Garderobe ruinierte. „Der brauchte immer einen Spielautomaten in der Garderobe. Beim nächsten Konzert habe ich die Garderobe abgeschlossen. Als er fragte, warum zum Teufel er da nicht reinkönne, habe ich gesagt, solange er nicht seine Kippen da ausdrücke, wo sie hingehörten, komme er in keine Garderobe mehr rein: Er hat auf dem Teppich keine Zigarette mehr ausgetreten.“

Und würde er den Weg heute wieder gehen? „Heute ist es für neue Veranstalter sehr schwierig, in das Geschäft zu kommen – der Markt ist aufgeteilt, und ohne gute Kontakte oder Geld kommt man da schlecht rein. Das war damals einfacher – damals gab es auch nicht so viele Veranstalter.“