Marx-Oper

Komik und Kommunismus

Komödie mit Tiefgang: Jonathan Dove über „Marx in London“. FOTO: RONI SIDHU

Komödie mit Tiefgang: Jonathan Dove über „Marx in London“. FOTO: RONI SIDHU

Bonn.

Eine Oper zu komponieren, ist eine ziemlich ungewöhnliche Art, sich mit Karl Marx auseinanderzusetzen. Über den Philosophen, Ökonomen, Kapitalismuskritiker und Urvater des Kommunismus schreibt man gewöhnlich Essays oder Bücher. Den britischen Komponisten Jonathan Dove, 59, ficht das jedoch nicht an: Am Sonntag, 9. Dezember, wird seine musikalische Komödie „Marx in London“ im Bonner Opernhaus uraufgeführt.

Dass die Welt gerade den 200. Geburtstag des in Trier zur Welt gekommenen Denkers feiert, ist zwar ein perfektes Timing, wenn auch nicht ausdrücklich von Beginn an daraufhin so geplant. Erste Ideen gab es schon 2011, als Dove sich in Chemniz aufhielt, wo gerade seine Oper „Swanhunter“ inszeniert wurde. Der Regisseur Jürgen R. Weber überfiel Komponisten mit der Idee, eine Oper über Marx zu schreiben, nicht zuletzt, weil Chemniz zu DDR-Zeiten Karl-Marx-Stadt hieß, erzählt Dove bei einem Treffen in einem Restaurant. Für Weber sei es klar gewesen, dass die Oper so etwas wie eine Farce werden und einen Tag im Leben von Karl Marx in seinem Londoner Exil behandeln sollte.

Damals war Bonns aktueller Generalintendant Bernhard Helmich noch am Theater im ehemaligen Karl-Marx-Stadt. Auch er fand den Gedanken an eine Marx-Oper attraktiv, so sehr, dass er das Projekt mit nach Bonn nahm. Ebenfalls eine Stadt mit Marx-Bezug: Hier besuchte der 18-Jährige 1836 ein paar Jura-Vorlesungen und amüsierte sich ansonsten in der Stadt, wurde sogar „wegen nächtlichen ruhestörenden Lärmens und Trunkenheit“ für einen Tag in Kerkerhaft genommen.

Die Oper aber spielt viele Jahre später im Sommer 1871 in der Hauptstadt des britischen Königreichs. Der erste Band des „Kapitals“ ist bereits erschienen, die Arbeit an der Fortsetzung zieht sich eher schleppend dahin. „Sein Frau Jenny ist nicht da, er versucht gerade, der Haushälterin ein bisschen näherzukommen und Tussy, seine jüngste Tochter, glaubt, einen Spion zu sehen. Sie weiß nicht, dass es Marx' illegitimer Sohn ist. Gleichzeitig sind Arbeiter damit beschäftigt, die Möbel der Familie hinaustragen, weil Marx mal wieder seine Rechnungen nicht bezahlen konnte. Um an Geld zu kommen, will er Jennys Familiensilber zum Pfandleiher bringen.“ Eine hübsche Eröffnungsszenerie für eine Komödie, die Dove skizziert. Das eigentlich komödiantische Potenzial sieht Dove aber in dem Spannungsverhältnis zwischen dem genialen Denker, der völlig abgebrannt in London lebt und sich zugleich Gedanken über die ökonomischen Verhältnisse der Welt macht. Klassenkampf und Sozialutopie werden in der Oper natürlich auch eine Rolle spielen.

Großes Vorbild John Adams

Bei der Komposition befand sich Dove in permanentem Austausch mit allen Mitwirkenden. Mit Weber sowieso, aber auch mit dem Autor des englischsprachigen Librettos, Charles Hart, ein Lyriker und Musiker, der aber vor allem durch seine Texte für das Musical „Das Phantom der Oper“ bekannt wurde. Und mit dem Dirigenten David Parry, der bereits viele Werke von ihm zur Uraufführung brachte, unter anderem auch die Familienoper „The Adventures of Pinocchio“, die auch in Bonn zu sehen war. Selbst die vor längerer Zeit festgelegte Bonner Besetzung hat Einfluss auf das Werk genommen. „Ich hatte mir Marx eigentlich als einen Bassbariton vorgestellt“, sagt Dove. „Dann habe ich Mark Morouse gehört, der eher ein Heldenbariton ist.“ Das ist nicht ohne Einfluss auf die Musik geblieben.

Dove findet, dass die musikalische Komödie in der Musik der Moderne völlig unterrepräsentiert ist. Das reizt ihn. Mit der Musik von Steve Reich und Philip Glass entdeckte er in jungen Jahren, dass tonale Musik nicht unbedingt antiquiert wirken muss. Ein großes Vorbild ist für ihn auch John Adams. Der mittlere Strawinski und natürlich Benjamin Britten haben seinen Stil ebenfalls stark beeinflusst, bekennt Dove. Seine Musik wirkt dadurch agil und lebendig genug für eine Komödie. „Aber sie klingt einfacher, als sie tatsächlich ist“, sagt er. „Für die Sänger sind die Rhythmen eine echte Herausforderung, auch im Orchester müssen sie sehr hart arbeiten. Aber das Publikum wird das nicht hören.“ Ähnlich wie in Verdis „Falstaff“, dessen Seelenverwandter Doves „Marx“ ist. Eine Komödie also mit Tiefgang. Der „London Times“ sagte Dove kürzlich über seine neue Oper: „Ich liebe den Klang des lachenden Publikums, und ich hoffe, das werden wir in Bonn hören.“

Premiere am Sonntag, 9. Dezember, 18 Uhr, im Bonner Opernhaus. Karten in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.