Generation Hoffnung

"Jugend ohne Gott"

Sinn für Dramatik: Szene aus „Jugend ohne Gott“ nach Ödön von Horváth in der Regie von Dominic Friedel. FOTO: BEU

Sinn für Dramatik: Szene aus „Jugend ohne Gott“ nach Ödön von Horváth in der Regie von Dominic Friedel. FOTO: BEU

Bonn. Ein kollektiver Triumph: „Jugend ohne Gott“ nach Ödön von Horváth im Schauspielhaus. Regisseur Dominic Friedel hat mit Bonner Ensemblemitgliedern und 17 Schülern im Alter Horváths Roman für die Bühne eingerichtet

Was steht da zu Beginn auf der Bühne des Schauspiels? Ein Brutkasten, ein Labor? In einer mit durchsichtigem Plastik überzogenen Box sind 17 Figuren zu erkennen, deren Körper Maria Strauch (Kostüme) mit textilen Applikationen verfremdet hat. Die jungen Menschen in ihrer dampfenden Box erscheinen seltsam deformiert. Kein Wunder, die Brut, die hier heranwächst, hat die sich in den 1930er Jahren epidemisch verbreitende nationalsozialistische Ideologie aufgesaugt. Als giftig skandierender Schüler-Chor betreten sie die Spielfläche und rechnen mit ihrem Lehrer ab, der zum Thema Kolonialismus eine neuerdings umstrittene Position vertritt: „Auch die Neger sind doch Menschen.“ Dafür wollen die Lernenden ihn fertigmachen.

Der Regisseur Dominic Friedel hat mit den Bonner Ensemblemitgliedern Christian Czeremnych und Sören Wunderlich sowie mit 17 Schülern im Alter von 14 bis 19 Jahren Ödön von Horváths 1937 erschienenen Roman „Jugend ohne Gott“ für die Bühne eingerichtet. Das Horváth-Team transportiert zentrale Motive des Buches und trägt eine Frage des Lehrers in die Gegenwart: „Was wird das für eine Generation?“

Elegisches Porträt einer verrohenden Jugend

Auf Julian Marbachs Bühne mit mobilen Gerüstteilen, die sich mühelos in ein Zelt oder eine Zuschauertribüne verwandeln können, entfaltet sich ein Mixtum compositum. Die Inszenierung zeichnet das elegische Porträt einer verrohenden Jugend, bildet eine theologische Debatte ab, erzählt eine Love Story und einen Kriminalfall. Projektionen und der Einsatz eines Smartphones sind Mittel, um Vergangenheit und Gegenwart, 1937 und 2019, zu verbinden.

Wunderlich tritt als verunsicherter, innerlich zerrissener Autor Ödön von Horváth auf, dessen Liebe zu Deutschland die Nazis nicht erwidert haben. Czeremnych verjüngt sich in kurzen Hosen und mit wechselnden Haarteilen. Er hat furiose Auftritte als Schüler Z, der mit Sinn für Dramatik davon erzählt, wie er von der kriminellen Eva verführt wurde. Mit gespenstischer Intensität verkörpert Czeremnych auch den Schüler (und Mörder) T, der zum Schluss manisch das Recht des Stärkeren beschwört und das „Vaterland“ feiert.

Die 17 Mitspieler aus Bonn und der Region behaupten sich im Bühnenkontakt mit den Profis. Sie bündeln ihre Kräfte als Chor, entwickeln das Profil von Figuren wie Engel und Pfarrer und verleihen dem Thema Jugend eine ganz besondere Authentizität. Komische Akzente setzen sie auch. Dem „Vaterland“-Geschrei des T begegnen sie – befreit von deformierender Kostümierung – als starkes und widerständiges Kollektiv. Zu hören sind eigene Texte, ein Plädoyer für „Freiheit und Toleranz“ und die hoffnungsvollen Worte: „Ich glaube an das Gute.“ Am Premieren-Samstagabend dachte man: „Saturday for Future“.

Danach Licht aus und donnernder Applaus für Christian Czeremnych und Sören Wunderlich sowie für Hannah Marie Bahlo, Simon Alexander Hauck, Nico Helbling, Pia Heldmann, Laura Janik, Darina Kassner, Mieke Kleemann, Emma Klein, Hanna Münz, Thea Nünning, Anna Theresia Rickel, Frederic Röhr, Louisa Sophia Schnitzler, Lea Schümann, Mia-Josephine Semper, Ayano Shevlin und Leander Sparla.

Die nächsten Aufführungen: 2., 15., 25. und 27. Mai im Schauspielhaus. Informationen: www.theater-bonn.de. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops des General-Anzeigers sowie im Internet auf www.ga-bonn.de/tickets.