Von Bonn nach Amsterdam

Intendant Rein Wolfs verlässt Bundeskunsthalle

Auf dem Sprung: Intendant Rein Wolfs im Foyer der Bundeskunsthalle.

Auf dem Sprung: Intendant Rein Wolfs im Foyer der Bundeskunsthalle.

Bonn. Rein Wolfs verlässt die Bonner Bundeskunsthalle zum 1. Dezember und wird Chef des Amsterdamer Stedelijk Museums. Der Niederländer wird Nachfolger von Beatrix Ruf, die 2017 das Haus verlassen hatte.

Von Bonn nach Amsterdam. Von der Bundeskunsthalle, einer der ersten Adressen in Deutschland, ans Stedelijk Museum, die erste Adresse für Gegenwartskunst in Rein Wolfs niederländischer Heimat: Der Intendant der Bundeskunsthalle verlässt Bonn zum 1. Dezember und wird Direktor am Stedelijk. 2013 war Wolfs, von der Kunsthalle Fridericianum in Kassel kommend, an die Bonner Bundesinstitution berufen worden. Sein Vertrag war dann bis 2023 verlängert worden. „Unter seiner Leitung kamen allein 2018 rund 600 000 Besucherinnen und Besucher in das Bonner Haus“, vermeldet die Bundeskunsthalle.

Wolfs wird Nachfolger von Beatrix Ruf, die 2017 das Haus verlassen hatte, besser: unter hohem Druck verlassen musste – wegen ungeklärter Nebentätigkeiten. Jan Willem Sieburgh war dann Interims-Chef. Laut niederländischen Presseberichten war Wolfs schon 2014 ein Kandidat für die Stelle.

„Das ist völlig aus der Luft gegriffen“, sagte Wolfs dieser Zeitung. Seine Nebentätigkeiten will er einstellen – „sind gar nicht so viele“. Er will sich nicht zum Fall Ruf äußern. Wolfs wird sich sogar aus der Ankaufskommission des Bundes verabschieden, wie er am Freitag dem Kuratorium der Bundeskunsthalle mitteilte. Deren Vorsitzender Günter Winands nahm Wolfs Kündigung mit Bedauern entgegen.

Findungskommission gesucht

Das Kuratorium hat unter seinem Vorsitz bereits einen Ausschreibungstext für die Stelle des Intendanten beschlossen, der in den nächsten Tagen veröffentlicht werden soll. Winands will die Position umgehend, möglichst schon im Herbst besetzen. Eine, wie er dieser Zeitung sagte, „hochkarätig besetzte“ Findungskommission soll die neue Leitungspersönlichkeit für die Bundeskunsthalle küren. „Wolfs hat die Latte für alle Kandidaten sehr hoch gelegt – das ist eine große Herausforderung“, sagte er anerkennend. Winands, Amtschef bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, wird den Vorsitz der Kommission übernehmen.

Der 58-jährige Kunsthistoriker Wolfs verlässt Bonn mit einem lachenden und einem weinenden Auge: „Bonn ist sehr schön und sympathisch, ist etwas ruhiger als Amsterdam – man hat dadurch mehr Reflexionsmöglichkeiten“, sagte er, „die Stadt Bonn ist gut eingebettet in die Kunstszene, liegt schön zentral“. Amsterdam kennt der im nordholländischen Hoorn geborene Wolfs sehr gut: „ Ich habe 13 Jahre dort gelebt, habe in Amsterdam studiert und war oft in der Bibliothek des Stedelijk“, erzählte er. Da schließt sich der Kreis.

Er habe einen Tipp bekommen, dass das Stedelijk auf der Suche sei „und dass ich das machen soll“. Er bewarb sich und bekam den begehrten Job. Dass die Kulturpolitik ein Auge auf ihn hat, schreckt ihn nicht – das war bei der Bundeskunsthalle so und werde beim Stedelijk eher stärker. „Da reden immer gerne Menschen von der Seitenlinie rein“, sagt er, „das Stedelijk ist ein gläsernes Haus“. Und es freut ihn, dass er mit dem Rijksmuseum, dem Van Gogh Museum und dem Stedelijk nun im kulturellen Brennpunkt – dem Museumplein – der Stadt und des Landes ist.

Der Aufsichtsrat des Stedelijk Museum würdigte Wolfs' große Führungs-Erfahrung, sein weltweites Netzwerk und seinen spannenden künstlerischen Kurs. Er vereinige in sich alles, was das Amsterdamer Museum brauche.

In Bonn hat Wolfs viel bewegt. Er erweiterte das Spektrum der Ausstellungen um neue Formate, brachte partizipative und inklusive Elemente ins Spiel. Wenn er zurückblickt, gesteht er, dass ihn das über mehrere Jahre laufende Projekt „Gurlitt“ über Hitlers Kunsthändler, dessen Sammlung und das heiße Eisen der Provenienzforschung am meisten geprägt habe. Stolz ist er ferner über die sehr erfolgreichen Ausstellungen über die Choreografin Pina Bausch und die Performancekünstlerin Marina Abramovic. Aber auch das Iran-Projekt mit Ausstellung und Aktivitäten vor Ort fand er sehr interessant.

Nach dem Finanzskandal der Bundeskunsthalle von 2007 und den kurzen Phasen der eher glücklosen Chefs Christoph Vitali, Interimsintendant, und Wolfs Vorgänger Robert Fleck hat der Holländer die Bundesinstitution stabilisiert und mit einem attraktiven Programm wieder in die positiven Schlagzeilen gebracht. Wobei er neben populären Ausstellungen wie die schöne, wichtige, jedoch leider sehr unkritisch gelagerte PR-Show „Karl Lagerfeld“ auch Ausstellungen zeigte – Gregor Schneider, Hanne Darboven –, die hoch ambitioniert waren, aber nicht das verdiente Publikum fanden. Mit Präsentationen wie „Touchdown“ über die Geschichte und das Leben mit dem Downsyndrom setzte Wolfs thematische und kunstpolitische Akzente.

Große Vielfalt

„In der Bundeskunsthalle habe ich den Begriff Vielfalt ganz neu zu verstehen gelernt: einerseits im Sinne einer fast grenzenlosen Programmvielfalt, und andererseits im Sinne gesellschaftspolitischer Diversität“, heißt es in einer Presseerklärung von Wolfs. „Mein Fazit ist: Wenn man mutig agiert, kann man Herausforderungen in Chancen verwandeln. So konnten wir in den vergangenen Jahren die Bundeskunsthalle stabilisieren und mit neuen inhaltlichen Akzenten fit für die Zukunft machen.“ Wolfs hat die Bundeskunsthalle geprägt, was bis in die Sprachregelung hinein Folgen hatte. So pflegte der perfekt Deutsch sprechende Holländer Pressekonferenzen stets mit einem „Schön sind Sie gekommen“ zu eröffnen. Diese sprachliche Eigenart ließ er sich auch nach fast sieben Jahren nicht nehmen.