Bonner Theaterpremiere

Hänsel und Gretel in der Gegenwart

Eine Familie braucht Geld: Szene aus dem Theaterstück „Verschwunden“.

Eine Familie braucht Geld: Szene aus dem Theaterstück „Verschwunden“.

Bonn. „Verschwunden“ ist Krimi und Sozialstudie für Kinder: Es geht um ein junges Mädchen, das nachts von einem Spielplatz verschwindet.

Wie weit geht ein Mensch, um an Geld zu kommen? Wie weit, um der Armut zu entfliehen? Wie weit, um alle Sorgen hinter sich zu lassen? Würde er dafür etwa sein eigenes Kind entführen? Charles Ways Theaterstück „Verschwunden“ gibt auf diese letzte Frage eine eindeutige Antwort: Ja, er würde.

Es ist eine deprimierende Szenerie, die sich bei der Bonner Premiere von „Verschwunden“ am Donnerstagabend entfaltete. Regisseur Theo Fransz inszenierte auf der Probebühne in der Oper die eindringliche Geschichte einer Entführung. Ein junges Mädchen verschwindet nachts von einem Spielplatz. Die Stiefmutter gibt sich seltsam gleichgültig und unberührt, zeigt einzig der Polizei gegenüber eine aufgesetzte Besorgnis um die vermisste Tochter.

Das Stück basiert auf einem realen Entführungsfall, der sich 2008 in England ereignete. Ein neunjähriges Mädchen verschwand damals spurlos. Seine Mutter wandte sich an Öffentlichkeit und Presse, bat um Spenden, um ein vermeintliches Lösegeld bezahlen zu können. 24 Tage lang blieb die Tochter verschwunden. Dann stellte sich heraus, dass die Mutter die Entführung aus Geldgier selbst arrangiert hatte.

Charles Way verbindet diesen Kriminalfall in „Verschwunden“ mit Motiven aus dem Märchen „Hänsel und Gretel“. Ways junge Protagonisten Hans und Grete (Felix Strüven und Lisa Fix) verlaufen sich jedoch nicht im Wald, sondern wachsen als Kinder eines Minenarbeiters in einem prekären Milieu auf. Ihr Vater trinkt, die Stiefmutter raucht, Haus und Garten sind völlig verwahrlost.

Es ist eine Handlung, die von zahlreichen Klischees geprägt sein könnte. Eine simple Erzählung von Gut gegen Böse: auf der einen Seite die herzlose Stiefmutter, auf der anderen Seite die armen wehrlosen Kinder. Antagonisten und Helden klar gekennzeichnet. Doch die Aufführung auf der Probenbühne verweilte keineswegs an dieser stereotypen Oberfläche. Im Mittelpunkt stand weniger die Dramatik der Entführung, als vielmehr die Armut und Verzweiflung einer Familie, der jeglicher Zusammenhalt fehlt.

Das Ensemble wendet sich in Monologen direkt ans Publikum

Fransz‘ Inszenierung sah hinter die Fassaden, legte die Motivationen der Figuren ungeschönt offen, verhandelte, wie es zu dieser Entführung überhaupt kommen konnte. Das Ensemble interagierte dabei nur selten miteinander, sondern wandte sich in Monologen direkt an das Publikum. Sie trugen ihre Wünsche und Ängste vor, richteten sich mal flehend, mal rechtfertigend unmittelbar an ihre Zuschauer.

So verzweifelt etwa der Vater (Alexander Steindorf) angesichts seines eintönigen Lebens, das nur aus Schlaf und Arbeit zu bestehen scheint. Die Stiefmutter (Maureen Havlena) erhoffte sich mit dem neuen Mann einst ein besseres Leben und ist stattdessen nun Alkohol und Nikotin verfallen.

Mit einfachen Mitteln hat Bettina Weller diese Verwahrlosung auf der Bühne visualisiert. Sie skizziert mit leeren Bierdosen, unzähligen Zigarettenstummeln und einer zerschlissenen braunen Ledercouch einen lieblosen Wohnraum, der die Lieblosigkeit der Familie widerspiegelt.

Theo Fransz stellt die Armut und Verzweiflung ins Zentrum seiner Aufführung. Der Regisseur skizziert das Leben einer Arbeiterfamilie, die sich von der Außenwelt nicht verstanden fühlt. In den Monologen der Figuren offenbaren sich ihre Wünsche und Ängste, ihre Beweggründe und Motivationen. So wird aus der Entführungsgeschichte letzten Endes eine dichte Sozialstudie. Ein Schauspiel mit Protagonisten, welche die erdrückende Wucht ihrer Gefühle voll entfalten.

Nächste Aufführungen: 14., 17., 19. Januar auf der Probebühne I in der Oper; 20., 21. Februar in der Werkstatt. Karten gibt es unter (0228) 77 80 08 oder (0228) 77 80 22. Ab elf Jahren.