Abschluss beim Bonner Jazzfest

Große Emotionen zum Abschluss

Mit zwei Doppelkonzerten, talentierten Neulingen und Stars endet das achte Jazzfest Bonn, und erneut ging das Konzept des Festivalchefs Peter Materna auf

Mit einem furiosen Finale ist das achte Jazzfest Bonn am Wochenende zu Ende gegangen, mit zwei Doppelkonzerten im LVR-Landesmuseum und im Forum der Bundeskunsthalle. Erneut ging das Konzept des Festivalchefs Peter Materna auf, jeweils an einem Abend zwei möglichst unterschiedliche Jazzpositionen aufeinandertreffen zu lassen.

Und wieder ist es gelungen, im Spiel mit Kontrasten das Besondere herausarbeiten, in der Gegenüberstellung einen Eindruck von der ungeheuren Bandbreite des Jazz zu vermitteln. Maternas Schule für die Ohren, für die Sinne, ist eine Schule, die Spaß macht.

Das Finale hatte begabte Stimmen in diesem mit interessanten, teils herausragenden Frauenstimmen – etwa China Moses und Viktoria Tolstoy, Paula Morelenbaum, Rebekka Bakken und Jasmin Tabatabai – besonders bestückten Festival zu bieten: Zwei aufstrebende Talente, Laura Totenhagen, Mitte zwanzig, und Ellen Andrea Wang, 28. Außerdem zwei Spitzen-Ensembles mit trotz ihrer Jugend wahrhaft charismatischen Chefs: Der israelische Pianist Omer Klein, in diesen Tagen 35 geworden, und der 32-jährige Norweger Marius Neset, der auf dem direkten Weg ist, einer der Saxofonstars seiner Generation zu werden.

Das Finale begann am Freitagabend mit Laura Totenhagen, einem wahren Stimmwunder, das auch mal Shakespeare-Sonette vertont, sich an Klassikern von Claude Debussy bis Berry Golson orientiert. Im Landesmuseum feierte ihr Debütalbum „Foliage“ Premiere. Und Totenhagen verzauberte mit dem verträumten, fragil gehauchten „Maple Leaf“ und einem Text der chinesischen Lyrikerin Shu Ting, die auch den Text zu „Fairy Tales“ schrieb.

Verstörender Sirenengesang

Wieder verhalten und eher gehaucht zu Beginn, dann drehte Totenhagens Quartett auf, und die Sängerin begann mit einer zirzensischen Demonstration ihrer stimmlichen Fähigkeiten. Vom warmen Alt bis in höchste Höhen überbrückte sie Oktaven, gurrte, hauchte einschmeichelnde Melodien, dann wieder fast traditioneller Scat-Gesang, gefolgt von einer raffinierten Vertonung von Shakespeares „Sigh No More“. Totenhagens Quartett setzte mit der rasanten „Ode To A Goat“ und verstörendem, fast irrem Sirenengesang ein erstes Highlight des Konzerts. Das Publikum erlebte ein überragendes Talent – und hofft auf den Feinschliff.

Bei Omer Klein, seinem Schlagzeuger Amir Besler und dem Bassisten Haggai Cohen-Milo ist dieser Schliff schon länger hörbar: Dieses Trio agiert wie ein einziger Organismus – bei umwerfender Individualität der einzelnen Musiker. Man hört aufeinander, hält Blickkontakt, spornt sich mit einem Lächeln, einer Geste an. Wenn Klein am Piano wie in „Fearless Friday“ urplötzlich das Tempo anzieht, sind seine Partner mit äußerster Präzision dabei. Klein weiß, wie er sein Publikum im Landesmuseum glücklich machen kann. Mit „Blinky Palermo“ reißt er es fast von den Stühlen – ein verrückter Kerl, dieser Blinky, sagt er, man solle ihn mal googeln (dass der Künstler besonders im Kunstmuseum Bonn gefeiert wurde, verriet er nicht). Mit der Ballade „Joséphine“ setzt Klein auf Gefühl und spielt mit uferlosen Läufen sein pianistisches Können aus. „Hookup“ lässt Heimatklänge Israels erahnen. „Sleepwalkers“, das Titelstück der ausgezeichneten aktuellen CD, hat alles, was einen Hit ausmacht: Eine Melodie, die ins Ohr geht, einen treibenden Rhythmus und ein opulentes zwischen Klassik und Filmmusik oszillierendes Finale. Ganz große Klasse.

Das Publikum wurde Tags drauf auch in der Bundeskunsthalle verwöhnt, wo parallel zum deutschen Pokalfinale ein norwegisches Finale lief. Wieder Gesang zu Beginn, doch mit Ellen Andrea Wang aus Oslo eine ganz andere Persönlichkeit als Totenhagen am Abend zuvor. Man kennt Wang als wunderbare Kontrabassistin – 2016 war sie mit Manu Katché beim Beethovenfest. Ganz anders agiert sie im eigenen Trio.

Da ist ihr Bass das dominierende Instrument, begleitet von ihrem warmen Sprechgesang und weichen Melodien. Bass und Stimme gehen perfekt zusammen, in beidem ist sie sehr gut – besonders in der Elektropop-Nummer „Holding On“, in der sie ihr Potenzial ausspielen konnte. Wer das offenbar nicht durfte, war der Pianist Jon Balke, der nur sporadisch sein Können zeigte. Dafür drehte Schlagzeuger Erland Dahlen auf, schuf mit Glockenschlag und Becken im Stück „Air“ vom aktuellen Album „Diving“ das passende flirrende Ambiente für Wangs elfenhaften Gesang.

Kontrastprogramm: Schon mit den ersten Takten aus „Pinball“ – Titelstück des hervorragenden Albums von 2015 – demonstrierte Wangs Landsmann Marius Neset, dass sich im Forum nun alles ändern werde: Er legte los am Tenorsaxofon, irres Tempo, gleichermaßen melodiös wie attackierend, wechselte zum Sopran, wurde ruhig, geradezu elegisch, drehte dann wieder auf, steuerte auf den hitzigen Schlusspunkt zu. Neset ist ein überragender Stilist und Techniker, spielt, wie man es von dem legendären Michael Brecker liebte, bringt doch eine ganz eigene Note ein. Der Norweger verzauberte das Publikum im Forum mit packenden, rasanten Soli in „Theatre of Magic“, mit zarten Balladen, allein auf der Bühne mit „Saxophone Dreams“, einem Stück mit fahlen brüchigen Flageolett-Tönen und strahlendem Blech. „Prags Ballet“, ein Stück, das für die Kölner Philharmonie entstand, ist ein Ausblick aufs nächste Album, das im Herbst erscheint.

Was dann folgte, war ein wahrer Rausch. Unermüdlich trieb Neset sein exzellent besetztes Quartett an, spielte das Publikum mit feurigen Läufen schwindelig. Ergriffen erhob es sich zum Applaus. Ein großer, ein würdiger Abschluss dieses Bonner Jazzfests.