Abschluss des Beethovenfests

Glückliche Fahrt

Sir Eliot Gardiner beim Abschlusskonzert in der Beethovenhalle.

Sir Eliot Gardiner beim Abschlusskonzert in der Beethovenhalle.

Bonn. Sir John Eliot Gardiner dirigiert das Abschlusskonzert des Bonner Beethovenfests. Das Orchester leistete bis in die kleinste Verästelung hinein großartige Detailarbeit.

Felix Mendelssohn Bartholdy hat eine Sinfoniekantate komponiert, die den Titel „Lobgesang“ trägt. Den Lobgesang muss man nun auch auf die Aufführung ebendieses Werks zum Abschluss des Beethovenfests anstimmen. Im ersten, nicht minder packenden Konzertteil des Abends konzentrierten sich der britische Dirigent Sir John Eliot Gardiner, das London Symphony Orchestra und der Monteverdi Choir in der ausverkauften Beethovenhalle jedoch erst einmal auf Ludwig van Beethoven, dessen Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 op. 72b den Abend einleitete. Anders als in der späteren, knapp gehaltenen Ouvertüre zur letzten Fassung seiner einzigen Oper bietet dieses frühere Vorspiel ein Konzentrat der Oper, das musikalisch von der modrigen Kerkeratmosphäre im Adagio bis zum jubelnden Befreiungsschluss alles aufbietet, was den Zuschauer erwartet, wenn der Vorhang aufgeht.

Das London Symphony Orchestra machte das alles auf mitreißende Weise hörbar, die Trauer und Verzweiflung im ersten Teil, die Ankündigung der Ankunft des Ministers durch das vom Rang der Beethovenhalle tönende Trompetensignal und das anschließende Flötensolo, dessen irrwitziges Tempo fühlbar machte, wie sich die Gefühle der Beteiligten im Angesicht der Befreiung buchstäblich überschlagen. Das Orchester leistete hier bis in die kleinste Verästelung hinein großartige Detailarbeit.

Vergleichsweise selten zu hören ist Beethovens Vertonung der Goethe-Gedichte „Meeresstille“ und „Glückliche Fahrt“ für Chor und Orchester. Hier zeigte der von Gardiner gegründete Monteverdi Choir vom ersten Akkord an seine Ausnahmequalität. Wie er die Stille artikuliert, wenn er leise und zaghaft „Keine Luft von keiner Seite“ singt, wird die Not fast physisch spürbar. Um so stärker wirkt dann die musikalische Bewegung, die sich in der „Glücklichen Fahrt“ Bahn bricht, ein für Beethoven typischer „Durch die Nacht zum Licht“-Kontrast. Auch Mendelssohn hat die beiden Gedichte später vertont, allerdings in einer Ouvertüre. Beim Abschlusskonzert stand jedoch ausschließlich sein „Lobgesang“ auf dem Programm, dessen Verschmelzung von instrumentaler Sinfonie und vokaler Kantate natürlich auch ein Vorbild bei Beethoven hat: bei der neunten Sinfonie.

Mendelssohn findet da allerdings einen ganz eigenen Weg, die beiden Gattungen zusammenzuführen. Seine Musik erscheint ausgewogener, moderater, kurz: klassischer als Beethovens musikalischer Griff zu den Sternen. Mendelssohn feierte mit seinem 1839/40 im Auftrag der Stadt Leipzig komponierten Werk die Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johannes Gutenberg, die sich damals zum 400. Mal jährte. Unter Gardiner kommt die festliche und feierliche Stimmung, die Mendelssohn in das Werk hineinkomponierte, ganz wunderbar zum Ausdruck. Die Rückgriffe auf Kompositionstechniken aus der Zeit Bachs und Händels wurden feinsinnig herausgearbeitet. Episoden wie das in den zweiten Satz überleitende, wunderschöne und seelenvoll geblasene Klarinettensolo verankern das Werk aber zugleich klar ins Zeitalter der Romantik. Die Verschmelzung von duftiger romantischer Melodik und strengem Kirchenchoral gelang den Streichern und Holzbläsern in diesem zauberhaften Allegretto vorbildlich.

Die Chornummern der Sinfonie-Kantate wurden schlichtweg grandios gesungen. Die Homogenität der Stimmen ist ebenso beeindruckend wie die perfekte Intonation durch die Sängerinnen und Sänger. Die drei Solisten Lucy Crowe und Jurgita Adamonyté (Sopran) sowie Patrick Grahl (Tenor) rundeten die Interpretation zu einem wunderbar stimmigen Ganzen ab. Das Publikum in der Beethovenhalle war von der Aufführung bewegt und begeistert. Kaum ein Zuhörer blieb bei diesem minutenlangen und begeisterten Applaus sitzen.

Mit diesem großartigen Konzert schloss sich vorerst der Vorhang für die Beethovenhalle. Im nächsten Jahr wird man sich im WCCB wiedersehen.