„No Man is an Island“

Gedicht-Übersetzungen John Donnes in Bonn vorgestellt

Melancholie in der Liebe, zerrissen in der Welt: Kühn überschritt John Donne (1572-1631) die metrischen und sittlichen Konventionen seiner Zeit.

Melancholie in der Liebe, zerrissen in der Welt: Kühn überschritt John Donne (1572-1631) die metrischen und sittlichen Konventionen seiner Zeit.

Bonn. „Schweig endlich still und lass mich lieben!“: Am Donnerstag stellt der Wachtberger Michael Mertes seine neue Übersetzung von Gedichten John Donnes in Bonn vor.

Als Großbritanniens Europa-Gegner vor einem Jahr den „Brexit“-Entscheid bejubelten, da kramten die Europabefürworter augenblicklich einen ihrer berühmtesten Dichter aus der Mottenkiste: „No Man is an Island“, zitierten sie den großen John Donne.

No man is an island,

Entire of itself,

Every man is a piece of the continent,

A part of the main.

If a clod be washed away by the sea,

Europe is the less.

„Kein Mensch ist eine Insel, / in sich ein Ganzes. / Jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, / ein Teil des Festlands. / Wird auch nur ein Erdklumpen vom Meer weggeschwemmt, / so ist Europa gemindert“, beschworen die „Remainers“ Zeilen aus Donnes 17. „Meditation“, die erst zwei Jahre nach seinem Tod veröffentlicht worden war.

Plötzlich war der große Lyriker des Barock wieder in aller Munde, da er doch die Leiden auch des modernen Europa so trefflich auf den Punkt gebracht hatte. Es schien vergessen, dass es dieser John Donne (1572-1631) als Zeitgenosse William Shakespeares mit der Gunst der Zeitgenossen wie der Nachwelt alles andere als leicht hatte.

Auch sein neuester Übersetzer ins Deutsche, der Wachtberger Michael Mertes, widmet sein kürzlich im Godesberger Franz-Schön-Verlag erschienenes Lyrikbuch folgerichtig den „Freunden aus Britannien, Russland und Israel, denen ich mich persönlich und im Kampf gegen den Ungeist nationaler Engstirnigkeit tief verbunden fühle“. Donnes Credo „No Man is an Island“ lässt grüßen.

Mertes, ein Bruder des 2010 im Verlauf der Missbrauchsaufklärung an deutschen Schulen bekannt gewordenen Jesuitenpaters Klaus Mertes, ist studierter Jurist und schon von daher kein Traumtänzer. „Es mag vergebliche Liebesmüh sein, im deutschen Sprachraum viele neue Leser für John Donne begeistern zu wollen“, kommentiert er seinen Buchneuling realistisch.

Zuvor hatte er unter anderem schon Shakespeare-Sonnette ins Deutsche übersetzt. Er hoffe halt, ein paar Lyrikinteressierte mehr dazu anzuregen, sich intensiver mit Donne zu beschäftigen: unabhängig vom Tadel derer, die im Laufe der Zeit über ihn urteilten.

Den auf einem bekannten Portrait als außerordentlich attraktiv in modischer Pose des Liebesmelancholikers dargestellten Dichter hatten Nachgeborene als ebenso form- wie haltungsschwach verhöhnt. Erst im 20. Jahrhundert holten T.S. Eliot, Paul Celan und Joseph Brodsky ihn in die Riege der Weltliteraten zurück. Übersetzer Mertes rühmt Donnes mutiges Überschreiten metrischer Konventionen – die Zeitgenossen bastelten fast nur im Sonettgerüst.

Mertes preist Donnes moderne Überblendungstechnik und nicht zuletzt die Botschaft des Ganzen: Der Dichter schildere schon im 17. Jahrhundert die ganze Zerrissenheit des Menschen in der Welt, die Sehnsucht nach der Überwindung des Zwiespalts, die in ihm wie auch schon in seiner Zeit wütete.

Dafür fährt Mertes in diesem großzügig gestalteten Band eine große Auswahl an Gedichten und lyrischen Prosatexten im Original wie in Übersetzung auf. Der Reichtum und die Kühnheit von Donnes Bildsprache strahlt aus den frühen Liebesgedichten. Brandheiße Diskurse über seine Welt der Seefahrer und Kartographen, Ärzte und Astronomen, radikalen und gemäßigten Reformatoren, Staatsrechtlern und Kirchenjuristen, Fernhändlern und Theaterleuten werden poetisch verarbeitet.

Der Übersetzer nähert sich dem Original mit Hochachtung, wagt aber auch moderne Sprache, wenn die Worte Donnes nicht mehr im 21. Jahrhundert verstanden werden. Als „einfühlsam“, „ungeschraubt“ und „inspiriert“ sind schon Mertes Shakespeare-Übersetzungen gelobt worden.

Dabei wird der alte Dichter im Reformationsjubeljahr 2017 durchaus auch religionspolitisch wieder lebendig: Immerhin hatte der Jurist Donne im England des elisabethanischen Zeitalters die Konversion aus einer verfolgten katholischen Familie zum Protestantismus hingelegt – und das als Nachfahre des 1535 hingerichteten katholischen Denkers Thomas Morus. Als Vater von elf Kindern hatte Donne sich schließlich zum anglikanischen Pfarrer weihen lassen und war zum Dekan an der Saint Paul's Cathedral aufgestiegen.

Und doch bleibt John Donne als erotischer Dichter im Gedächtnis. „Schweig endlich still und lass mich lieben“, hat Michael Mertes sein Buch nach einem frühen Donne-Vers aus dem Jahr 1604 betitelt. Was gelten Gut und Geld, wenn die Liebe winkt, die mit seiner Frau Anne? Für diese Liebe zur Tochter seines vormaligen Gönners hatte der junge Donne bitter zahlen müssen: mit Inhaftierung und jahrelanger Arbeitslosigkeit. Der Dichter fasste das in einem griffigen Epigramm zusammen: „John Donne – Anne Donne – undone“.

Michael Mertes (Übers.): Schweig endlich still und lass mich lieben! Ein John-Donne-Lesebuch. Verlag Franz Schön, 292 S., 19,80 Euro, bestellbar unter info@verlag-franzschoen.de. Veranstaltungstipp: „Los, fang einen Stern im Flug!“ Michael Mertes stellt seine John-Donne-Übersetzungen vor. Donnerstag, 6. Juli, 20 Uhr in der Buchhandlung Böttger, Thomas-Mann-Straße 41 in Bonn. Karten unter Tel. (0228) 350 27 19.