Gorbatschow, Mitterrand, Thatcher

Fotograf Konrad Rufus Müller hatte alle vor der Kamera

Bonn. Konrad Rufus Müller hatte sie alle vor der Kamera: Gorbatschow, Mitterrand, Thatcher, Sadat und sämtliche Kanzler der Bundesrepublik. Müller kommt den Menschen nahe, weil er ihnen ihre Würde lässt. Auch Helmut Kohl, dem er zu dessen erstem Todestag ein Buch widmet.

Die zarten Gesichtszüge sind in weiches, warmes Licht getaucht. Zauberhafte Wesen. Es scheint, als schliefen sie nur. Mit dem Fotografen schauen wir im Wortsinne hin. Und erkennen in den Bildern wie in einem Spiegel, wie fragil, wie verletzlich unsere Normalität ist.

Schwerst missgebildete Föten. Auf-bewahrt in Gläsern, getränkt in Formaldehyd, Exponate der medizinhistorischen Sammlung der Berliner Charité. Die Sammlung der Berliner Klinik existiert, seit Rudolf Virchow sie im späten 19. Jahrhundert aufgebaut hat. Das Leben der Sternenkinder endete, bevor es richtig begann. Drei Tage lang hat Konrad Rufus Müller sie fotografiert. Sie behutsam ans Tageslicht getragen, weil er nie mit Kunstlicht arbeitet. Er ist ihnen nahegekommen. Der liebende Blick des Fotografen verleiht ihnen Würde.

Das war schon immer Müllers Stärke: Er schenkt den Porträtierten Würde. Der vor 78 Jahren in Berlin geborene Autodidakt studierte ein bisschen Malerei an der Hochschule für Bildende Künste, bevor er sich 1965 auf den Weg in die neue Bundeshauptstadt Bonn machte – im Gepäck die alte Rollei, Baujahr 1935, Mittelformat, die er im Schrank der Eltern fand, reparieren ließ und erst 1975 durch eine neue Kamera ersetzte.

Bald kommt er mit Konrad Adenauer in Kontakt und darf ihn porträtieren: „Der Held meiner Jugend.“ Gab es unter den später Porträtierten noch weitere politische Helden? „Ja. Eindeutig Willy Brandt.“ Über den Friedensnobelpreisträger Brandt hat er zwei Bildbände veröffentlicht. Und dem Willy-Brandt-Forum in Unkel kürzlich 24 großformatige Fotos geschenkt. Und wie war das mit Bruno Kreisky, dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Österreichs? „Anders. Der war mein Ersatzvater. Eine Rolle, die nicht zu Brandt gepasst hätte. Bei Willy Brandt war es eher so, dass man ihn am liebsten in den Arm genommen und beschützt hätte.“

Der Kanzlerfotograf. So nennt man Konrad Rufus Müller. Weil er restlos alle, die jemals Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland waren oder sind, porträtiert hat. Müller mag den Titel nicht. Er will nicht darauf reduziert werden. Er hat Reportagen für internationale Magazine wie Time und L’Express fotografiert. Er hat Weltstars porträtiert. Und Überlebende des Holocaust. Er hat Bildbände über Anwar el-Sadat, über François Mitterrand und Wladimir Putin veröffentlicht, Bücher über Schreibtische und über die neue Generation der Frauen jenseits der 60.

Gesichter und Hände. „Ich bin ein Hautfotograf“

„Außerdem ist das jetzt vorbei mit dem Kanzlerfotografen.“ Wieso? „Ich habe zwei Audienzen bei Frau Merkel erhalten, begrenzt auf jeweils fünf Minuten. So kann ich nicht arbeiten.“ Müller mag seine Merkel-Porträts nicht besonders. Weil er den Menschen hinter der Fassade nicht finden konnte. Die Zeiten haben sich geändert. Und die Politiker.

Mit Helmut Kohl war das anders. Zum ersten Todestag am 16. Juni hat Müller einen Bildband veröffentlicht. Statt eines Vorwortes führte Hartmut Palmer, über Jahrzehnte Bonner Spiegel-Hauptstadt-Korrespondent, ein Interview mit dem Lichtbildner. Nicht nur die einzigartigen Fotos, auch die begleitenden Texte sind von Müller. Das älteste Kohl-Porträt im Buch stammt aus dem Jahr 1973. Müller war später als einziger Fotograf dabei, als Kohl mit Gorbatschow im Garten des Kanzlerbungalows über die Wiedervereinigung redete, Müller war als einziger Fotograf dabei, als Kohl in Frankreich Mitterrand in seinem Urlaubsdomizil besuchte.

„Vor dem intellektuellen Sozialisten Mitterrand hatte Kohl einen gewaltigen Respekt. Zu ihm schaute er auf.“ Während er andere so gern von oben herab belehrte. Müller war immer dabei: bei der Bonner Morgen-lage, um 7 Uhr im vertrautesten Kreis, im Urlaub am Wolfgangsee, in der Pfalz, bei Staatsbesuchen in aller Welt. Das letzte Foto zeigt den Bundestagsabgeordneten Kohl 1999 an seinem Schreibtisch.

Dem Kanzler der Einheit ist Müller so nahe gekommen wie kein anderer Fotograf. Dabei war es nicht unbedingt Liebe auf den ersten Blick. Weder menschlich noch politisch. „Willy Brandt war nicht nur mein Held. Er machte mir die Arbeit leicht, weil er meine Kamera völlig vergaß.“ Auch ihn durfte Müller bis ins Private begleiten. Und die verletzliche Seite eines Mannes zeigen, dessen Gesicht die Last eines Lebens spiegelt. „Kohl hingegen wusste immer ganz genau, wenn ich ihn gerade fotografierte. Er wollte unbedingt in die Geschichte eingehen. Und ich lieferte die Fotos für die Geschichtsbücher.“

Seinen NRW-Verdienstorden gab Müller empört zurück

Am Ende mochte Müller ihn. Und Kohl fasste Vertrauen zu diesem Fotografen, der nicht wie so viele andere jener Zeit darauf aus war, ihn auf das Bild des dicken Deppen aus der Pfalz zu reduzieren. Müllers Werk hat nie etwas Denunziatorisches. „Mit der Kamera können Sie jeden Menschen lächerlich machen. Das ist keine große Kunst.“

Auch Gerhard Schröder ließ sich oft und gerne fotografieren. „Aber er machte mir auch stets deutlich, welche Ehre es sei, dass er dies erlaube.“

Seit jenem Foto mit Merkel und Trump, das vor einer Woche vom Bundespresseamt in die Welt gesetzt wurde, ist wieder viel die Rede von ikonischen Fotos. Müller gehört zweifellos zu den Pionieren dieser Kunst. Allerdings arbeitet er bis heute nicht digital, sondern mit echtem Filmmaterial, immer schwarz-weiß, in der Dunkelkammer seines Hauses in Königswinter-Rauschendorf entstehen die Papierabzüge. Eine Kunst für sich. Am liebsten zeigt Müller nur Gesicht und Hände. „Ich bin ein Hautfotograf.“

Über Müllers Adenauer-Fotos sagte Golo Mann: „An den Bildern des Alten kann ich mich nicht sattsehen.“ Für die in einer Ausstellung in der Pariser Nationalbibliothek gezeigten Mitterrand-Fotos ernannte die Republik Frankreich den deutschen Lichtbildner zum Chevalier de L'Ordre des Arts et des Lettres.

In Deutschland wird der große Por-trätkünstler auch schon mal wie ein kleiner, dummer Schuljunge behandelt. Am 7. April 2017 war auf der Website des Landtags NRW erstmals zu lesen, dass man anlässlich des 50. Todestages von Konrad Adenauer den ersten Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion würdigen wolle. Eine Ausstellung mit bislang nicht öffentlich gezeigten Porträts, die der Fotokünstler Konrad Rufus Müller zur Verfügung stelle. Unterm Text sah man, wie Landtagspräsidentin Carina Gödecke (SPD) und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) den eigens nach Düsseldorf geladenen Künstler in die Mitte nehmen und beide um die Wette strahlen. Schließlich war Wahlkampf.

Brief an Ministerpräsident Laschet

Nur Müller guckt ziemlich ernst. Als hätte er es da schon geahnt. Nach der verlorenen Wahl am 14. Mai wurde Carina Gödecke immerhin Vizepräsidentin des Landtages. Als Müller nichts mehr von dem Projekt hörte, schrieb er ihr. Und erhielt einen Monat später Antwort von einem Mitarbeiter: „An den Landtag werden eine Vielzahl von Ausstellungsnachfragen herangetragen, so dass zur Gleichbehandlung ... eine Vielzahl von Kriterien herangezogen werden müssen. Zu meinem Bedauern muss ich Sie in Kenntnis setzen, dass im Landtag keine Ausstellungen einzelner Künstlerinnen und Künstler gezeigt werden. Vielmehr ist es das Anliegen des Landtags, Themenausstellungen von landesspezifischer Bedeutung zu präsentieren.

Nachdem Müller also gelernt hatte, dass Adenauer kein Thema von landesspezifischer Bedeutung ist, schrieb er an Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), um ihm mitzuteilen, dass er den 2006 von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) überreichten Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen hiermit zurückgebe.

Konrad Rufus Müller: Helmut Kohl. Edition Cantz. Gebunden, Großformat, hochwertiges Papier, 192 Seiten, 44,80 Euro.