Neu im Kino

Filmkritik zu „Die dunkelste Stunde“ mit Gary Oldman

Eine Leben ohne Zigarren – undenkbar! Gary Oldman als Churchill.

Eine Leben ohne Zigarren – undenkbar! Gary Oldman als Churchill.

Bonn. Das Politdrama „Die dunkelste Stunde“ ist neu im Kino: Der Brite Gary Oldman glänzt in der Rolle als Winston Churchill. Regisseur Joe Wright zeigt, wie knapp es in den ersten Wochen im Frühjahr 1940 tatsächlich war.

Unerwünschter kann jemand nicht sein. Kaum hat Neville Chamberlain seinen Stuhl geräumt, hecheln Englands Strippenzieher mögliche Nachfolger durch. Ein Name wird peinlichst gemieden – doch als nur Churchill als neuer Premierminister übrig bleibt, seufzt einer für alle: „Oh no“. So beginnt das Politdrama „Die dunkelste Stunde“, das gleich darauf den privaten Winston zeigt: Steak, Eier und Whiskey zum Frühstück, was den massigen Mann gewiss nicht schlanker macht.

Niemand glaubt, dass der 65-Jährige, dem das Gallipoli-Desaster des Ersten Weltkriegs noch anhängt, lange im Amt bleibt, zumal ihn auch King George VI. ablehnt. Und Regisseur Joe Wright („Abbitte“) zeigt, wie knapp es in den ersten Wochen im Frühjahr 1940 tatsächlich war.

Zwar wird die Naivität von Chamberlains Friedenspolitik gegenüber Hitler durch die deutschen Blitzkriegsiege in Holland, Belgien und Frankreich erneut bewiesen, zugleich zeigt sich Großbritannien aufgrund der in Dünkirchen eingekesselten Truppen und der allzu schwachen Marine und Luftwaffe nur bedingt verteidigungsbereit.

Churchill ist ebenso umzingelt, im Kriegskabinett sitzen mehr Tauben als Falken. Doch wann immer er mit dem Rücken zur Wand steht, packt der nuschelnde Premier seine stärksten Waffen aus: Worte. „Man kann mit einem Tiger nicht vernünftig reden mit dem Kopf in seinem Maul!“ blafft er Halifax (Stephen Dillane) an. Der wird schließlich das Erfolgsrezept des Rivalen begreifen: „Er hat die englische Sprache mobilisiert und in die Schlacht geworfen.“

So erleben wir deutlich mehr rasant inszenierte Rededuelle in der Enge von Westminster als kämpfende Truppen. Dennoch macht Wright Nägel mit Köpfen. Eben noch saß Churchill im Rotlicht des Rundfunkstudios, jetzt stiert das blutunterlaufene Auge eines toten Soldaten in die Kamera.

An der Heimatfront triumphiert derweil Gary Oldman. Niemand hätte den schlanken Briten („Dame, König, As, Spion“) in der Churchill-Rolle vermutet, er selbst wohl auch nicht. Ihm war von Anfang an klar: „Ich musste in der Lage sein, in den Spiegel zu schauen und ihn oder zumindest seinen Geist zu erblicken.“ Dank der Make-up-Prothetik aus Silikon sieht man zwar keinen Doppelgänger, aber doch eine verblüffende, bis in die Nahaufnahme glaubhafte Ähnlichkeit, die Oldman meisterhaft mit Leben füllt. Alles ist da: diese rücksichtslose Energie, mit der Churchill seine Gegner anbellt, der trockene Humor, die geniale List etwa beim Evakuieren der Dünkirchen-Truppen mit zivilen Schiffen. Und manchmal auch die weichtierhafte Empfindlichkeit, die er etwa gegenüber der zunächst niedergegrantelten Sekretärin (Lily James) offenbart.

Die schönsten Szenen spielen daheim bei seiner liebevoll Clemmie genannten Frau, der Kristin Scott Thomas abgeklärten Sarkasmus, aber auch große Herzenswärme gibt. Sie muss ihn immer wieder ermutigen, wenn er so waidwund in den Seilen hängt, dass er an den eigenen Durchhalteparolen zweifelt.

Leider wird so viel mimische Finesse (auch bei Churchills Gegnern) vom immer stärker aufwallenden Pathos in Anthony McCartens Drehbuch ein wenig sabotiert. Kurz vor Schluss taucht Winston erstmals im Leben in die U-Bahn ab, wo ihm das artig salutierende „einfache Volk“ den Widerstand bis zur letzten Patrone bekräftigt. Diesem in Schmalz gehauenen Patriotismus glaubt man kein Wort. Anders als Churchill in jener Rede, die den Kampf an den Stränden, auf den Feldern, in den Hügeln und überall verspricht.

Nach dieser rhetorischen Gala steht fest, dass der Staatsmann 1953 den Literatur-Nobelpreis ebenso zu Recht bekommen hat wie Gary Oldman nun den Golden Globe.