Gitarrist André Krengel

Feine Handarbeit

Vor der Oper, in der Oper: Das Foto ziert auch das Cover von André Krengels aktueller CD.

Vor der Oper, in der Oper: Das Foto ziert auch das Cover von André Krengels aktueller CD.

"Beneath the Words" heißt seine neue Platte. André Krengel ist ein Weltbürger aus Wachtberg, er macht Weltmusik und ist ein Weltklasse-Gitarrist. Höchste Zeit, dass die Welt das mal erfährt.

Es gibt diese seltenen Momente im Leben, da vibriert die Luft. Als habe das Schicksal keine Zeit mehr zu verlieren, als wolle es die Gegenwart augenblicklich in die Zukunft katapultieren.

Für André Krengel ist dieser Moment gekommen. Anderthalb Stunden Zeit nimmt er sich Zeit für das Gespräch im Café in der Bonner Innenstadt, obwohl ihm die Zeit davonrast, weil in Hamburg-Eimsbüttel Musiker, Techniker und Produzent auf ihn warten, um noch rechtzeitig zum Tourneestart Krengels neue Platte fertigzukriegen.

Zwölf Weltklasse-Musiker aus aller Welt, unter ihnen Bassist Carles Benavent und Flötist Domingo Patricio, beide lange Jahre Mitglieder in Paco de Lucías Ensemble; Benavent arbeitete zudem mit Chick Corea, Miles Davis, Quincy Jones und Pat Metheny. Auch Produzent Franz Plasa ist nicht irgendwer. Er schrieb für Falco, produzierte Udo Lindenberg, Nena, Rio Reiser. In seinen „H.O.M.E-Studios“ in Eimsbüttel spielten Lauryn Hill, Depeche Mode, Mariah Carey Platten ein.

Höchste Zeit, dass Krengels neue Platte fertig wird, denn mit ihr geht es gleich weiter, über den Atlantik, von Januar bis März fast 50 Konzerte, in 3000er-Hallen, von New York City bis Berkeley/Kalifornien. Weil das, was Krengel so alles mit den sechs Nylonsaiten und dem Resonanzkörper einer akustischen Konzertgitarre anzustellen vermag, einfach atemberaubend klingt, hat ihn Brian Gore zur International Guitar Night Tour 2016 eingeladen, so etwas wie der Ritterschlag für einen Gitarristen; anschließend folgen 20 Auftritte in Deutschland, dann 30 Gigs in Großbritannien, bis Weihnachten 2016 wird er fast 100 Konzerte absolviert haben.

Ein Jahr lang also einchecken, auschecken, Sound checken. „Das gab’s noch nie“, sagt André Krengel, als könne er es selbst nicht glauben, was ihm da gerade widerfährt, und bestellt sich einen Pfefferminztee. Fast schüchtern wirkt der 40-Jährige in dem feierabendlichen Kaffeehaustrubel. Ohne seine Gitarre, die ihn schützt und stützt und trägt und tröstet, seit seinem 15. Lebensjahr.

Man könnte meinen, ein Treffen in Bonn sei ein Heimspiel für ihn. Ein Heimspiel in der Heimat. Wo er doch in Wachtberg-Berkum aufgewachsen ist, am Achtmorgenweg, als Nachbar des vier Jahre älteren späteren Jazz-Trompeters Till Brönner, und am Bad Godesberger Amos-Comenius-Gymnasium zur Schule gegangen ist. Aber allein schon mit dem Begriff tut er sich schwer. „Heimat ... das sind Menschen, die mir am Herzen liegen ... überall auf der Welt. Wenn man viel gereist ist, erkennt man, wie ähnlich sich die Menschen sind, was ihre Gefühle und Bedürfnisse betrifft. Heimat, das ist meine Musik. Ich habe meine Heimat immer dabei.“

Das klingt zwar praktisch, lässt aber mehr vermuten. Krengel war 15, als es zum Bruch der Kinder mit den Eltern kam, und zum abrupten Ende der Kindheit; die Eltern zogen weg, um ihre Lebensträume zu verwirklichen. André und seine jüngere Schwester erstritten vor Gericht, bleiben zu dürfen, die Schwester kam zu Pflegeeltern, der 15-jährige Schüler André bewohnte fortan mit Genehmigung und unter Vormundschaft des Jugendamtes eine eigene Bude. „Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Weil ich mich inzwischen wieder ganz gut mit meinen Eltern verstehe. Ich möchte keine alten Wunden aufreißen. Außerdem: Bis dahin hatten sie uns mit viel Liebe aufgezogen.“

Das Amos-Comenius-Gymnasium verlässt er noch vor dem Abitur und brennt mit seiner Gitarre nach Miami/Florida durch. „Die Schule war nicht nett zu mir gewesen. Die haben mich abgesägt ... das hatte wohl erzieherische Gründe.“ Seither lebt Krengel von seiner Musik. In Miami ist er Mitglied einer Rockband und lernt auf einer Party den britischen Musiker Sting kennen, der ihn tief beeindruckt, nicht nur wegen der musikalischen Bandbreite. Aber erst in Spanien fühlt er sich musikalisch angekommen, lernt von den Großmeistern des Flamenco, auch wenn es hinten und vorne nicht zum Leben reicht.

Schließlich zieht er nach Düsseldorf um, mangels Kohle bewältigt er den Umzug von Barcelona ins Rheinland per Anhalter – in fünf Touren. In Düsseldorf hat Krengel seither seinen offiziellen Wohnsitz. „Die Wohnung liegt so schön verkehrsgünstig, ich bin ruckzuck am Hauptbahnhof und am Flughafen.“ Die Wohnung sieht ihren Bewohner selten.

Krengel begleitete Rod Stewart bei dessen Auftritt in der ZDF-Show „Wetten, dass..?“ und die portugiesische Fado-Sängerin Anabela Ribeiro, tourte mit dem Flamenco-Gitarristen Rafael Cortes, der ihn eines späten Abends im Hamburger Restaurant El Toro mit einem Überraschungsgast bekannt macht: Flamenco-Legende Paco de Lucía. Der Wirt ist so hingerissen von dem spontanen, improvisierten Konzert des weltberühmten, vor zwei Jahren verstorbenen Andalusiers mit dem noch unbekannten Deutschen in seinem Laden, dass er an den folgenden Abenden ständig Krengels erste CD „Head, Heart & Hands“ auflegt, mit dessen achteinhalbminütiger Interpretation von Oscar Petersons „Nigerian Marketplace“, mit der spektakulären Unplugged-Version von „Children“, dem von Techno-DJ Robert Miles komplett am Computer generierten Welthit.

„Hören Sie sich das mal an, der Kerl spielt sogar das Echo auf seiner akustischen Gitarre“, wird der Wirt nicht müde, seinen Gästen vorzuschwärmen – unter ihnen eines Abends der Hamburger Musikproduzent Franz Plasa. Der Rest ist Geschichte.

Die musikalische Sozialisation des André Krengel in chronologischer Reihenfolge liest sich wie ein Parforceritt durch die Musikgeschichte: Klassik und Barock, vor allem Johann Sebastian Bach, Blues, Hardrock, Flamenco, Fado, Jazz, Latin Jazz, Weltmusik. „Ich komme aus keiner Tradition“, sagt er. „Deshalb will ich keine Kultur nachäffen, sondern Neues schaffen durch die Beschäftigung mit Kontrasten. Ich will mit vielen Farben malen.“

So passt Krengel in keine musikalische Schablone. Markttechnisch ist das vielleicht nicht besonders clever. „Ich weiß. Ist mir egal. Ich will berühren – egal ob in der Oper oder vor der Oper.“ Und was ihm an Disziplin fehlt, wie er selbstkritisch einräumt, macht er mit Leidenschaft wett. Wenn er nachts mit einer im Schlaf entstandenen Idee aufwacht, springt er aus dem Bett, schnappt sich seine Gitarre, greift in die Saiten und speichert die Idee auf seinem Smartphone ab.

Die Landeshauptstadt verlieh ihrem Bürger einen Kulturpreis; vom Preisgeld finanzierte Krengel seine erste CD. Das zweite, aktuelle Album namens „Beneath the Words“, wieder feine, handgemachte Musik, will Krengel zudem auch noch auf Vinyl pressen lassen. Im Internet kann man inzwischen keines der Stücke der beiden Platten mehr downloaden. „Ich hab’ alles sperren lassen.“ Krengel hatte es satt, dass so viele im Internet viel Geld mit Musik verdienen – nur die Musiker nicht, die Urheber, die Schöpfer dieses Kulturguts.

Dabei ist er nicht gerade der geborene Provokateur. Seine langjährige Band „Acoustic Embassy“ heißt nicht ohne Grund so: „Wenn man Gehör finden will, braucht man Diplomatie.“