Beethovenfest

Europa zu Gast bei Freunden

Das Beethovenfest mal ganz ohne Musik. Wie soll das denn gehen? Neugierige Bonner können jetzt bei privaten Gastgebern in der Region daheim Demokratie spielen. Ein Besuch bei der Premiere.

Der Klavierdeckel bleibt zu und die Geige im Kasten. Beethoven hin oder her. „Ein Hauskonzert könnte hier gut gelingen“, dachte auch Britta Klein und bewarb sich beim Beethovenfest als Gastgeberin für „Hausbesuch Europa“. Dass in ihrem Wintergarten am Ende gar keine Musik erklingt, war ihr anfangs nicht klar.

Doch auch vom Wander-Theater-Projekt des Künstlerkollektivs Rimini-Protokoll, das zuvor schon in 400 privaten Wohnungen in ganz Europa stattgefunden hat, zeigt sich Klein bei der Premiere angetan: „Das ist eine tolle Idee und ideale Ergänzung zum Festivalprogramm.“ Klein ist die erste von rund 20 Gastgebern, die im Laufe des Beethovenfestes die Pforten ihrer Häuser und Wohnungen in Bonn und der Region für das Gesellschaftsspiel öffnen.

Mittendrin statt nur dabei: der GA-Volontär. Der markiert zum Start, wie die anderen elf Teilnehmer auch, drei Orte auf der Europa-Karte, die ihm wichtig sind und verbindet sie zu einem Dreieck. Die bunte Landkarte bleibt so für zwei Stunden Fixpunkt und lässt einige spannende Geschichten zu. Man lernt schnell viel über Gedanken, Gefühle und Großeltern der anderen. Stumm sitzen ist nicht.

Ein elektronischer Apparat in Form einer tickenden Zeitmaschine gibt den Ton vor und spuckt immer wieder Zettel mit Fragen und Aufträgen an die Gruppe oder Einzelne aus. Da muss der mitspielende Autor schon mal unter den Tisch kriechen, um Schuhe und Socken zu inspizieren, oder alle müssen so lange schweigen, bis der Letzte den Arm hebt.

Es geht um Vertrauen, Solidarität, Selbsteinschätzung und strategisches Denken. Die Mitspieler werden Teil der Inszenierung. „Man wird gut in die Situation versetzt, wie es ist, eine Allianz zu schmieden“, sagt Klein. Da könne man sehen, wie kompliziert es sein muss, wenn Vertreter von 28 Staaten an einem Tisch sitzen, findet sie im Hinblick auf die EU.

Bei „Hausbesuch Europa“ geht es nicht um politisches oder historisches Wissen, selbst wenn die zur Abwechslung auch mal musikalische Zeitmaschine, einige Fragen in den Raum wirft. Vielmehr sollen die Teilnehmer mit Hilfe von Denkanstößen und Leitfragen ins Debattieren kommen, in Zweierteams andere Mitspieler und die Gruppen einschätzen, abstimmen und mit ihnen kooperieren.

„Muss man politische Ziele auch gewaltsam durchsetzen? Wie löst ihr Konflikte in der Familie oder mit Mitbewohnern? Was sind eure schrecklichsten Grenzerfahrungen? Harmonisch kann das sein, aber auch Streitpotenzial ist vorprogrammiert. Wie tickt der andere und warum? Gerade in der heutigen Zeit scheint Zuhören, Miteinander reden und gemeinsames Entscheiden wichtiger denn je. Wer Zeit findet, sollte unbedingt zum kurzweiligen „Hausbesuch“ gehen. Da kann man getrost mal zwei Stunden auf musikalische Klänge verzichten und geht dennoch bereichert nach Hause.

„Hausbesuch Europa“ findet bis zum 9. Oktober immer am Samstag und Sonntag jeweils um 16 und 20 Uhr statt und zusätzlich am 20. und 27. September sowie am 4. Oktober um 20 Uhr. Karten für die Veranstaltung gibt es beim Beethovenfest oder bei BonnTicket. Wer wissen will, welche Meinungen und Einschätzungen über Europa die bisherigen Teilnehmer in Bonn und in anderen europäischen Städten beim Spiel abgegeben haben, findet eine anonyme Datenbank auf der Internetseite www.homevisiteurope.org.