Neuer Bonner Hausregisseur Simon Solberg Er will provozieren und inspirieren

Die erste Inszenierung des neuen Bonner Hausregisseurs Simon Solberg hat am Freitag Premiere im Schauspielhaus. Der 1979 geborene Solberg hat eine Bonner Biografie.

Hauptsache Berg, könnte man kalauernd konstatieren. Die damals neue Bonner Schauspielchefin Nicola Bramkamp beförderte 2013 Alice Buddeberg aus Berlin zur Hausregisseurin des Sprechtheaters. 2018 heißt der neue Chef im Schauspiel Jens Groß. Er hat den 1979 in Bonn geborenen Simon Solberg zum Hausregisseur ernannt.

Ein Blick zurück. Die junge Regisseurin Alice Buddeberg war im September 2013 von spürbarer Intensität und Überzeugungskraft erfüllt, als sie über ihre Arbeit sprach. Nicola Bramkamp hatte sich eine starke Persönlichkeit ins Team geholt. Mit ihrer Eröffnungs-Uraufführung „Karl und Rosa“ nach dem Roman von Alfred Döblin wollte Buddeberg das Publikum auf eine theatrale Reise ins Jahr 1918 mitnehmen, die kein wohlfeiler Spaßtrip werden sollte, sondern eine anspruchsvolle, herausfordernde Exkursion.

Damit, sagte Alice Buddeberg ganz selbstbewusst, „kann man auch immer scheitern“. Das war allerdings nicht ihr letztes Wort: „Man muss das Risiko eingehen.“ Das Risiko ging sie in ihren Inszenierungen, darunter ein goethearmer „Faust“, stets ein. Gescheitert ist Buddeberg häufig. Den Durchbruch beim Publikum schaffte sie nie. Nun also Simon Solberg. Mit dem Regisseur verbinden Jens Groß gemeinsame Theatererfahrungen. Er hat Solberg als Schauspielschüler in Essen entdeckt, empfindet sich „ein bisschen als Ziehvater von ihm“, verriet er 2014. Groß schwärmte von den „ganz energetischen Aufführungen“ Solbergs, von großer Poesie und Assoziationskraft. Alle Sinne würden angesprochen. Aber: Der Regisseur erzähle immer die Geschichte der Stücke.

Kurz danach hatte Solbergs „Woyzeck“-Inszenierung Premiere in der Halle Beuel. In unserer Kritik hieß es: „Sein Projekt nach Georg Büchner ist ein Effektgewitter, eine bildkräftige Assoziationsattacke, ein nicht enden wollendes Einfallsfeuerwerk.“ Fazit: „Das Publikum hat ganz viel Solberg gesehen, aber lediglich Spurenelemente von Büchner. Die Schauspieler standen die meiste Zeit knöcheltief im Wasser, Solberg liefert die Überschrift zu seiner Inszenierung also gleich mit: Woyzeck geht baden.“

Im November 2017 brachte der Regisseur Friedrich Dürrenmatts „Physiker“ in die damaligen Kammerspiele Bad Godesberg. Heute heißt die Spielstätte Schauspielhaus. Was gab es zu sehen? Multimediales Überforderungstheater, eine bildkräftige Assoziationsattacke, ein nicht enden wollendes Einfallsfeuerwerk – visuell überfrachtet und intellektuell unterbelichtet. Das klingt jetzt alles nicht sehr aufbauend. Schauen wir lieber in die Zukunft. Am Freitag startet Solberg im neuen Amt mit „Candide oder Der Optimismus“. Was erwartet uns im Schauspielhaus? Eine aufregende Zeitreise, die immer wieder unsere Gegenwart spiegelt, verspricht Solberg. Der Regisseur, den ich in Bad Godesberg im Café treffe, sieht mit Basecap und Bart aus wie ein Hipster. Der Schein trügt. Solberg ist ein anspruchsvoller Gesprächspartner: beredt, diskutierfreudig, leidenschaftlich, wenn es um Schauspiel und – ganz wichtig – Schauspieler geht.

Sein gesellschaftspolitisches Engagement ist ausgeprägt, es beeinflusst maßgeblich seine Regiearbeiten. Er will provozieren, inspirieren und wachrütteln. Vieles, findet er, läuft schief in der Gesellschaft. Davon soll auch Voltaires „Candide“ handeln.

Was der Spielleiter Solberg nicht will, sind konventionelle Inszenierungsmuster. Eine brave Nacherzählung klassischer Dramentexte ist Solbergs Sache nicht. Er hat eine, wenn auch kurze, Bonner Biografie. Nach Stationen in Tannenbusch und Endenich zog die Familie nach Heidelberg, wo Solberg in die Schule kam. An der Folkwang Hochschule in Essen absolvierte er ein Schauspielstudium. In Berlin hat er gelebt und danach in Köln, wo er regelmäßig am Theater gearbeitet hat. Jetzt fühlt sich der Vater einer zweijährigen Tochter, als sei er nach Hause gekommen.

Als Hausregisseur empfindet er große Verantwortung für Ensemble und Theaterbetrieb. Über die Schauspieler spricht er mit viel Empathie, das neue Ensemble habe sich schnell gefunden. Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang das Wort Respekt. Ein respektvoller Umgang ist dem ersten Regisseur wichtig. Vom Bonner Publikum ist Solberg begeistert, es folge auch unkonventionellen Wegen im Theater. Das galt 2017 insbesondere für Solbergs fabelhaften Recherche-Thriller „BND – Big Data is watching you“ in den Kammerspielen. Und wie war es mit „Woyzeck“ und den „Physikern“? Trotz der nicht unisono schmeichelhaften Kritiken seien beide Produktionen am Ende Publikumserfolge gewesen, freute sich Solberg. Wobei er mit Verrissen durchaus leben kann. Allerdings erwartet er von den Kritikern Aufgeschlossenheit und „Wachheit“.

Voltaires „Candide“ ist schon etwas älter; der Roman des französischen Autors und Aufklärers ist 1759 erschienen. Solbergs Inszenierung will die Essenz des Buches auf die Bühne bringen und die für unsere Gegenwart relevanten „Schmerzzentren“ aufspüren. Die Bühne soll Spiegel unserer Verhältnisse werden.

Der Vorhang hebt sich am Freitagabend im Schauspielhaus.

Premiere von „Candide oder Der Optimismus“ am Freitag, 19.30 Uhr, im Schauspielhaus. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.

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