Mythos Mosel

Eine Runde Riesling

Zwei Tage mit 552 Weinen von 92 Weingütern: Vom 9. bis zum 11. Juni findet Mythos Mosel bei Winzern zwischen Thörnich und Piesport statt.

Leiwen. Ob ein Glas Riesling bei der Erfindung von „Mythos Mosel“ im Spiel war? Wahrscheinlich. Vielleicht auch zwei – und vermutlich nicht nur aus reiner Liebe zum Wein, sondern auch als kleiner Trost. Da saßen sie, die jungen Winzer, die sich als „Moseljünger“ zusammengeschlossen haben. „Mosel“ und eben „jünger“, alle zwischen 20 und knapp 40. Weltoffen fühlten sie sich, die meisten haben an der Hochschule in Geisenheim Weinbau studiert, anschließend bei Weingütern in Neuseeland, Kalifornien oder Australien gearbeitet. Aber das Heimweh haben sie nie ganz abschütteln können.

So sind sie sind zurückgekehrt an die Mosel in die elterlichen Betriebe – und machen, was ihre Väter gemacht haben: Riesling-Weltklassiker. Die Weine von der Mosel sind unvergleichlich, unkopierbar, nirgendwo anders findet sich diese natürliche Kombination aus Fluss, kühlem Klima und sturzsteilen Hängen mit kargen Schieferböden.

Selbst die jungen Winzer können, ja, sie wollen nichts verändern, sie wollen nur verbessern. Und dann das: Ein Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt über die Mosel, ebenso brillant und wie auch bloßlegend. Der Schönheit wohnt der Schrecken inne: Die berühmten Weinorte entlang des Flusses stehen da als Urbilder altdeutscher – und damit altmodischer – Gemütlichkeit und die Bewohner als „Moselochsen“, sturköpfig und betriebsblind – man trinkt Bier oder manchmal sogar auch den eigenen Wein, aber niemals den vom Nachbarn.

Betroffen waren sie damals, vor vier Jahren, schon ein wenig von diesem Image, erinnert sich Christopher Loewen, aber auch „angespitzt“. Ihr Ehrgeiz war geweckt. Jetzt galt es, allen zu zeigen, wie aufgeschlossen sie in Wirklichkeit sind und wie die junge Generation sich gegenseitig unterstützt, wie gern man auch zusammen trinkt und feiert und wie schön ihre Heimat tatsächlich ist. Die Moseljünger organisierten ein großes Fest. 100 Winzer kamen, symbolisch wurde der heraufbeschworene Moselochse gebraten und verspeist – und man überlegte, wie man diesen Gemeinschaftsgeist weiterhin beleben und nach außen tragen könnte. Bei dem Fest sollte es also nicht bleiben, ein ganzes Festival musste her, das den Mythos Mosel neu definierte. Fünf Moseljünger übernahmen diese Aufgabe, darunter auch Christopher Loewen aus Leiwen. Sie erschufen ein Erfolgskonzept. Vom 9. bis zum 11. Juni 2017 geht „Mythos Mosel“ bereits in die vierte Runde.

Am Freitagabend, 9. Juni, steigt wieder die Eröffnungsfeier, diesmal auf einer Mini-Moselkreuzfahrt. Es gibt ein „Flying-Captains-Dinner“, und alle Winzer bringen Magnumflaschen mit – ein Event, der sich über die ersten drei Jahre so beliebt gemacht hat, dass er bereits ausgebucht ist. Aber das große Aufgebot gibt es ja erst an den folgenden zwei Tagen: 92 Weingüter zeigen Samstag und Sonntag 552 Weine – und jeder Besucher hat zumindest die theoretische Chance, sie alle zu probieren.

Wie das gehen soll? Gemeinsam! Eigentlich ist die Mosel ja rund 150 Kilometer lang, zieht tief unten im Tal ihre Kurven von der luxemburgischen Grenze bis nach Koblenz, rechts und links gesäumt von den steil aufsteigenden Weinbergen. Rauf und runter geht es, über Brücken und durch verwinkelte Ortschaften. Eine mühsame Strecke, wenn man viele Winzer in möglichst kurzer Zeit besuchen und dabei auch noch viele Weine probieren möchte. Die Lösung, mit der die Moseljünger es gangbar machten: Sie schrumpften das Weinbaugebiet quasi zu kleinen Abschnitten von je 20 Kilometern. Jedes Jahr findet Mythos Mosel in einem anderen Abschnitt statt. Dieses Jahr reicht die Mythos-Mosel-Zone von Detzem/Thörnich bis Piesport/Minheim. 25 Weingüter, die auf diesen 20 Kilometern ansässig sind, übernehmen eine Gastgeberrolle für jeweils drei zusätzliche Weingüter, die weiter entfernt liegen. Jeder Winzer darf bis zu sechs Weine mitbringen und ausschenken.

Mit von der Partie sind kleinere Familienweingüter wie das von Matthias Meierer, der zusammen mit dem Vater sechs Hektar rund um Kesten beackert. Meierer ist Gastweingut bei Grans-Fassian in Leiwen. Oder Daniel Twardowski, der nur einen einzigen, dafür aber auch einen großartigen Spätburgunder auf drei Hektar bei Neumagen Dhron herstellt, den er diesmal beim Weingut Lehnert-Veit in Piesport ausschenkt. Aber auch die Stars von Mosel-Saar-Ruwer sind dabei: Markus Molitor aus Wehlen beispielsweise, der seine von Kritikern weltweit geschätzten Weine beim Kollegen Nik Weis vom St. Urbans-Hof in Leiwen anbietet. Oder Roman Niewodniczanski von Van Volxem in Wiltingen, einer der engagiertesten Winzer von der Saar, der beim Weingut Kirsten in Klüsserath vertreten sein wird.

Weil es bei einer Station und vier Weingütern (und damit etwa 24 Weinen) an diesem Wochenende natürlich nicht bleiben soll, kann man weiterziehen: von Wein zu Wein, von Weingut zu Weingut. Zu Fuß oder mit dem Rad. Am einfachsten geht es jedoch mit einem der Shuttlebusse, die im Kreisverkehr zwischen den Weingütern pendeln. Spätestens alle 30 Minuten, das versprechen die Veranstalter, wird jede Haltestelle angefahren. So lässt sich mit etwas Kondition und Trinkfestigkeit die Hälfte der Locations am Samstag, die andere am Sonntag schaffen.

Anschließend könnten die Besucher – letztes Jahr kamen mehr als 2500 aus elf Nationen – natürlich nach Hause zurückkehren. Oder sich andernfalls fit machen für den Abend. Um 16 Uhr ist am Samstag ein Viertel-Marathon angesetzt, ein Freundschaftslauf ohne Wettkampfmodus auf der Panoramastrecke rund um Trittenheim. Die rund zehn Kilometer müssten in einer guten Stunde zu schaffen sein, also rechtzeitig, um noch eine Dusche zu nehmen und das Lauftrikot gegen den Partydress zu tauschen. Denn ab 18 Uhr laden die Moseljünger zu „Rhythm & Wine“ ins Weingut Clüsserath-Weiler in Trittenheim ein, wo im Gewölbekeller eine Liveband einheizt. Oder man besucht den „Nacht-Mythos“, um „die langen Schatten von Riesling, Sekt und Champagner“ auszutesten auf einer Party im Sektgut St. Laurentiushof.

Spätestens dann muss jeder zugeben: An diesem Wochenende mag die Mosel zwar urdeutsch, aber überhaupt nicht spießig sein. Und die Winzer schon gar nicht zu stur, um nicht auch die Weine der Kollegen zu trinken.