Chorkonzert in Balve, Sauerland

Ein Hoch auf euch!

Ein Mega-Konzertsaal aus dem Architekturbüro von Mutter Natur: Die Höhle im Sauerlandstädtchen Balve ist 70 Meter tief, 18 Meter breit, zwölf Meter hoch und bietet Platz für bis zu 2000 Zuschauer. Musiker wissen's zu schätzen: So spielten dort zum Beispiel schon Die Fantastischen Vier.

Ein Mega-Konzertsaal aus dem Architekturbüro von Mutter Natur: Die Höhle im Sauerlandstädtchen Balve ist 70 Meter tief, 18 Meter breit, zwölf Meter hoch und bietet Platz für bis zu 2000 Zuschauer. Musiker wissen's zu schätzen: So spielten dort zum Beispiel schon Die Fantastischen Vier.

In gewissen Großstädten lässt der Kulturfreund sich allzu gern vor allem von außen her bespaßen. Unser Autor war auf einem Chorkonzert im Sauerland und freut sich: Es gibt kleine Orte, die schaffen magische Musikmomente im (und nach dem) Konzert mit ganz viel Eigeneinsatz und noch viel mehr Begeisterung selbst. Ein Besuch bei den Meistersängern in Balve.

Er ist gar nicht so leicht zu finden, der kleine Ort irgendwo zwischen Werdohl und Lendringsen, zwischen Küntrop und Mellen, zwischen Garbeck und Sundern. Er protzt nicht mit seinen Trümpfen. Mit diesem Mega-Konzertsaal zum Beispiel, den Mutter Natur dort in den Berg hineingebaut hat: 70 Meter tief, 18 Meter breit, zwölf Meter hoch. 800 Zuhörer hat der örtliche Männerchor zum Konzert geladen. Um die Aufnahmetechnik kümmert sich der örtliche Tonstudiobesitzer (er ist Mitglied des Chores). Den Grill beschickt der örtliche Wurstwarenstudiobesitzer (er ist es ebenfalls). Ums Kuchenbüffet (es füllt einen ganzen Raum) kümmern sich die Familien der Sänger. Jeder packt selbst mit an – nicht wie in gewissen Großstädten, wo so mancher die Dauerbespaßung frei Haus einfordert, „weil wir ja schließlich Steuern zahlen“.

Vier Gast-Chöre sind angereist: Einer vom Unterlauf der Trave, einer vom Unterlauf der Bigge, zwei vom Oberlauf der A45. Sie alle kleben nicht an vergangener Am-Brunnen-vor-dem-Tore-Ästhetik, sondern pflegen zweieinhalb Stunden lang die musikalische Gegenwart. Etwa die heitere Drei-Nüsse-für-Aschenbrödel-Hymne „Küss mich, halt mich, lieb mich“. Leonard Cohens pathetisches „Hallelujah“. Andreas Bouranis Weltturnier-Ohrwurm „Ein Hoch auf uns“ (heiter und pathetisch zugleich, und wegen seiner Off-Beat-Lastigkeit gar nicht so einfach zu singen, wie der Radiohörer glaubt). Ein stratosphärisches „Lux Aeterna“ von 2005. Die Sänger ernten hochverdienten Applaus. Und dann – dann hetzt keiner zum Auto wie in gewissen zum Überdruss totbespaßten Großstädten. Denn es folgt die After-Show-Party an der Höhlentheke.

Die Regeln sind einfach. Erstens: Wer länger als fünf Minuten irgendwo herumsteht, kriegt kommentarlos ein Glas Bier in die Hand gedrückt. Zweitens: Die Sitte gebietet, sich in gleicher Weise erkenntlich zu zeigen und ... (zurück zum Anfang). Rein mathematisch könnte das zum Massenbesäufnis ausarten. Tut es aber nicht. Plötzlich singen die Damen den Gefangenenchor aus „Nabucco“. Die Herren antworten mit einem Trinklied. Dann wieder die Damen: Sie schmettern den Gospelsong „Wir marschieren im Lichte Gottes“ (natürlich, leichteste Übung, im zulusprachigen Original „Siyahamba ekukhanyeni kwenkos“). Das alles mal eben zwischendurch, auswendig, das Bier in der Hand und ohne jede Guckt-mal-wir-sind-Künstler-Attitüde. Wenn es ein Wort für diese Stimmung gibt, dann lautet es: magisch.

Was ist der Unterschied zwischen bloßer Trällerei und echter Kunst? Richard Wagner hat es gewusst. „In holder Jugendzeit (...) ein schönes Lied zu singen, mocht' vielen da gelingen“, schreibt er in seiner Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“. Die wahre Herausforderung hingegen sei der Alltag: „Kam Not und Sorg' im Leben (...), Geschäfte, Zwist und Streit: Denen's dann noch will gelingen, ein schönes Lied zu singen – seht: Meister nennt man die.“

Geschäfte, Zwist und Streit im Alltag: Wie überall sonst gibt es sie auch in dem kleinen Ort zwischen Werdohl und Lendringsen. Seine Menschen diskutieren um Abbiegespuren zu Supermarktparkplätzen, um Einzelhandelskonzepte und Leerstände an der Hauptstraße. Sie halten sich nicht für etwas Besseres wie gewisse kulturüberdrossene Großstädter. Brauchen sie aber auch nicht. Denn sie nehmen ernst, was sie tun.

Ein Hoch auf euch, ihr Meistersänger im Sauerland und anderswo! So lange es solche Konzerte gibt, muss einem trotz aller Krisen nicht bang sein. Einen magischen Abend lang war dieser Ort dem Bayreuther Festspielhaus ebenbürtig, der Metropolitan Opera, der Mailänder Scala. Denn einen Abend lang war hier die Musik selbst zu Besuch. Und bestimmt hat sie auch das eine oder andere Bier getrunken.