Karlrobert Kreitens

Echo eines Jahrhundert-Genies

Der in Bonn geborene Pianist Karlrobert Kreiten. FOTO: DPA

Der in Bonn geborene Pianist Karlrobert Kreiten. FOTO: DPA

Florian Heinisch führt zum 100. Geburtstag Karlrobert Kreitens „Das ungespielte Konzert“ auf. Damit wird an einen Pianisten erinnert, der von den Nazis ermordet wurde.

Am 3. Mai 1943 sollte der Pianist Karlrobert Kreiten ein Konzert in der Neuen Aula der Heidelberger Universität geben. Beethovens „Appassionata“ stand auf dem Programm, außerdem Werke von Bach/Busoni, Chopin, Mozart und zum Finale die abenteuerlich virtuose „Rhapsodie espagnole“ von Franz Liszt. Das Publikum hatte also allen Grund, sich auf das angekündigte Klavier-Recital zu freuen. Zumal die Musikfreunde in Heidelberg sicher wussten, dass sie eine außergewöhnliche pianistische Begabung erleben würden. „Es scheint mir, dass er das größte Talent war, vielleicht dieses Jahrhundert“, würdigte sein Lehrer, der große chilenische Pianist Claudio Arrau, einmal die pianistischen Fähigkeiten seines Schülers Kreiten, den er in Berlin unterrichtet hatte.

Für Arrau war die Erinnerung schmerzlich. Denn der am 26. Juni vor hundert Jahren in Bonn geborene Kreiten wurde an jenem Tag im Mai, als er in Heidelberg auftreten sollte, in den frühen Morgenstunden von der Gestapo verhaftet und sollte nicht mehr freikommen. Nachdem ihn eine Freundin seiner Mutter denunziert hatte, geriet er in die Mühlen der Freisler'schen NS-Justiz und wurde am 7. September 1943 in Berlin-Plötzensee erhängt.

An den Pianisten wird in diesen Tagen in seiner Geburtsstadt gleich mit mehreren Veranstaltungen erinnert. Unter anderem am morgigen Sonntag, 18 Uhr, mit einem Klavierabend des Pianisten Florian Heinisch im Bonner Beethoven-Haus, der den Titel „Das ungespielte Konzert“ trägt. Es ist der Auftakt einer von dem Musikautor Moritz von Bredow initiierten Tournee mit bislang elf Konzerten, die an den für Kreiten bedeutsamsten Städten haltmacht. Bereits am Dienstag, 21. Juni, gastiert Heinisch in Köln (19.30 Uhr, Steinway-Haus), wo Kreiten die Musikhochschule besuchte. Düsseldorf, wohin die Eltern ein Jahr nach seiner Geburt übersiedelten, folgt am 22. Juni. Zum hundertsten Geburtstag, am 26. Juni, spielt Heinisch das „ungespielte Konzert“ dort, wo Kreiten es hätte spielen sollen – in Heidelberg.

Moritz von Bredow, der im bürgerlichen Beruf Kinderarzt ist, hat unter anderem auch eine Biografie über die von den Nazis vertriebene Pianistin Grete Sultan („Rebellische Pianistin“, Schott) verfasst. „Über die jüdische Abstammung meiner Mutter hatte ich immer einen besonderen Zugang zur Geschichte des Dritten Reichs“, erzählt er. Über Kreiten las er erstmals 1987 in einem Artikel des „Spiegel“, der die Verstrickung des Fernseh-Journalisten Werner Höfer in den Fall zum Gegenstand hatte. Höfer hatte unmittelbar nach der Hinrichtung im Berliner „12-Uhr-Blatt“ die Hinrichtung des Pianisten, ohne dessen Namen ausdrücklich nennen, im schlimmsten Nazi-Jargon befürwortet. Höfer, der die Autorschaft des Artikel jahrzehntelang geleugnet hatte, musste nach den neuerlichen Berichten über den Artikel seinen Hut als Moderator des „Internationalen Frühschoppens“ nehmen.

Als sich nun der hundertste Geburtstag des Pianisten näherte, war von Bredow klar: „Man muss an Kreiten erinnern, indem man Musik macht.“ Der junge Pianist Florian Heinisch sei von der Idee, das überlieferte Programm einzustudieren, sofort fasziniert gewesen, berichtet von Bredow. Die Idee zu dem Titel hatte Bredow, als ihm in seiner Bibliothek ein Bildband von Emil Nolde in die Hände fiel: Titel des Bandes: „Ungemalte Bilder“.