CD-Tipps

Diese Piano-CDs bringen den Sommer herbei

Piano-CDs für eine Sommernacht: Neue Alben von Martin Tingvall, Fazil Say, Brad Mehldau und Fred Hersch.

Vier Pianisten, vier Temperamente: ein klassischer Tastenvirtuose, der als Komponist dem Trojanischen Krieg ein Tondenkmal setzt; ein umtriebiger Jazzer, der dem Engel Gabriel auf der Spur ist; sein Kollege, der mal weg ist; und ein Jazzveteran, der eine ganze Big Band aufmischt. Wir stellen kurz vier hörenswerte Alben vor, die eine schöne Bandbreite zeigen.

Brad Mehldau: "Finding Gabriel"

Brad Mehldau ist einer der vielseitigsten und produktivsten Jazzpianisten überhaupt, unterwegs als Solist, aber auch in allen erdenklichen Formationen. Und in der Bibel schmökert er auch noch. Genauer in den Büchern Daniel und Hosea – wo er mit dem Erzengel Gabriel Bekanntschaft machte. Wir werden jetzt nicht die Exegese des Musikers vertiefen.

Das Ergebnis ist jedenfalls eine faszinierende CD, „Finding Gabriel“ (Nonesuch), in der nicht nur Mehldaus „OB-6 Polyphonic Synthesizer“, sein Moog Synthesizer und Steinway-Flügel eine gewichtige Rolle spielen, sondern auch Gesang, Trompete und verschiedene Saxofone. Ein Abenteuer, bei dem man Mehldaus fulminantes, erfindungsreiches Klavierspiel wiedererkennt, aber sonst sehr viele klangliche Überraschungen erlebt. Jedem der zehn sehr unterschiedlichen, bisweilen traumhaft entrückten, partiell elektronisch überdrehten Stücke steht ein alttestamentarischer Vers voran.

Fred Hersch mit der WDR-Big Band

Fred Hersch ist nicht nur ein begnadeter Pianist auf den Spuren von Bill Evans, er ist auch ein toller Komponist. Beide Talente reizt der 63-jährige US-Amerikaner auf einer exzellenten Aufnahme mit der WDR Big Band unter Vince Mendoza, „Being Again“, aus (Palmetto Records). Mendoza hat Herschs Stücke kongenial für den Kölner Klangkörper arrangiert, gibt dem mitunter weich fließenden, traumverlorenen, bisweilen auch etwas sperrigen, in einer fast barocken Struktur verhafteten Spiel Herschs guten Raum. Die legendäre Big Band bettet den Solisten mit ihrem unnachahmlich weichen und dynamischen Sound wohlig ein, leistet sich aber auch rasante Attacken, bei denen die Solisten, über die die Kölner in verschwenderischer Anzahl verfügen, herrliche Glanzpunkte setzen.

Die Stücke des Albums – von „Being Again“ und „Havana“ bis „The Big Easy“ und „The Orb“ – bieten einen guten Überblick über Herschs Schaffen.

Fazil Say: "Troy Sonata"

Fazil Say hat nicht nur als gefragter Beethoven- und Strawinsky-Interpret und versierter Komponist von sich reden gemacht – „Er ist nicht nur ein genialer Pianist, er wird zweifellos einer der großen Künstler des 21. Jahrhunderts sein“, meinte „Le Figaro“. Say ist auch spätestens seit seiner Anklage wegen „Verunglimpfung religiöser Werte“ 2012 in seinem Heimatland Türkei als Bürgerrechtsaktivist unterwegs.

Jetzt hat er seine „Troy Sonata“ (Warner Classics) eingespielt, ein fast 38 Minuten langes Klang- und Schlachtengemälde über Homers Trojanischen Krieg. Mit fragilen Passagen, melancholischen Kantilenen, grollendem Tastendonner und opulenten Soundpanoramen, die sich geradezu raumfüllend manifestieren und wie in Cinemascope vor dem imaginären Auge des Hörers entfalten. Durch vehementes Spiel und Zupfen der Klaviersaiten erzeugt er eine unglaubliche Spannung. Say hat sich mit seiner Suite an Homers Epos, weiteren literarischen Stoffen – und an Filmen orientiert. Das hört man.

Troja lag wohl im Nordwesten der heutigen Türkei. So sind die Suite, „The Moving Mansion – Hommage an Atatürk“ und „Winter Morning in Istanbul“ musikalisch-wehmütige, hoch emotionale Annäherungen an die Heimat.

Martin Tingvall: "The Rocket"

Martin Tingvall lässt es in seinem dritten Soloalbum „The Rocket“ (Skip Records) schön ruhig angehen. „Hope“ treibt als angejazzter Wohlfühlsong dahin und legt den lockerleichten Tenor dieser CD fest, die sich unbedingt als Soundtrack für die Fahrt in den Urlaub anbietet.

„Floating“ fließt dahin, „In Motion“ feiert die Bewegung, „Echos from the Past“ schwelgt in Schubert'scher Seligkeit, leitet über zu „No Gravity“, wo die Schwerelosigkeit buchstäblich zum Programm wird – oder zur sehnsüchtigen Vision, denn hier und da macht sich Schwermut breit. Tingvall ist ein Meister der Stimmungen und Temperamentwechsel. Sein klasse Spiel, die exzellente Technik bestechen.

Mit dem sehr zarten „Lost in Space“ setzt der 1974 im schwedischen Tomelilla geborene Pianist einen zauberhaften Akzent. Mit der herrlichen, gefühligen Ballade „Goodbye for Now“, die sich sehr stark nach skandinavischer Volksmusik anhört und entsprechende Bilder aufsteigen lässt, verabschiedet sich Tingvall auf dieser CD.

Wer ihn live hören will – was unbedingt zu empfehlen ist –, hat beim kommenden Beethovenfest Gelegenheit: Am 11. September spielt er solo in der Harmonie. Wiederholt war er dort in den vergangenen Jahren mit seinem exzellenten Trio.