Am Freitag

Die längste Mondfinsternis des 21. Jahrhunderts

Blutmond wird der Erdtrabant genannt, wenn ihn während einer Mondfinsternis kein Sonnen-, 
sondern nur noch reflektiertes Erdlicht trifft. 
Am 27. Juli ist es in 
hiesigen Breiten wieder so weit: 104 Minuten lang wird der Mond im Kernschatten der Erde 
liegen, es ruft die längste „Mofi“ im 21. Jahrhundert.

Blutmond wird der Erdtrabant genannt, wenn ihn während einer Mondfinsternis kein Sonnen-, 
sondern nur noch reflektiertes Erdlicht trifft. 
Am 27. Juli ist es in 
hiesigen Breiten wieder so weit: 104 Minuten lang wird der Mond im Kernschatten der Erde 
liegen, es ruft die längste „Mofi“ im 21. Jahrhundert.

BONN. Am Freitag wird die längste Mondfinsternis des 21. Jahrhunderts zu sehen sein. Der um unseren Planeten rotierende Mond fasziniert die Menschen seit Urzeiten.

Was für eine surreale Nacht, als Neil Armstrong am 21. Juli 1969 um 3:56 Uhr MEZ als erster Mensch den Mond betrat. Eltern starrten mit ihren Kindern auf eine Schwarz-Weiß-Flimmerkiste, auf der zwei schemenhaft zu erkennende Gestalten (neben Armstrong noch Edwin Aldrin) in weißen Raumanzügen eine triste Landschaft betraten. Zwei von uns, die jetzt tatsächlich da oben sind? Es ließ sich nicht so recht vorstellen, obwohl der Fernseher glaubhaft das Gegenteil versicherte. Armstrong sagte: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit.“ Und obwohl es hier rein gar nichts gebe – kein Wetter, keine Pflanzen, kein Regen –, so Apollo-11-Kollege Aldrin, „ist das hier eine großartige Einsamkeit“.

Bis zu 600 Millionen Menschen hörten seine Worte, etwa 16 Prozent der 1969 lebenden Menschheit. Damals ein TV-Weltrekord. Heute sind es immer weniger Menschen, die das unscharfe Live-Erlebnis aus 384 000 Kilometern Entfernung noch im Gedächtnis tragen. Es wird ihnen unweigerlich wieder in den Kopf schießen, wenn am 27. Juli in Deutschland die längste Mondfinsternis des 21. Jahrhunderts zu sehen sein wird. 103 Minuten soll dieses Spektakel gegen Mitternacht dauern. Rot wird er scheinen und „Blutmond“ genannt werden.

Insgesamt waren bisher „zwölf von uns“, allesamt Amerikaner, auf dem Mond, der seit 4,5 Milliarden Jahren um unseren Planeten rotiert und damit ein stummer Zeuge unserer Evolution ist. Insofern können wir ihn nicht befragen, wie das genau war mit dem Werden des Menschen und der Entstehung des Lebens überhaupt. So blieb der Mensch weiter auf seine Kombinationsgabe angewiesen und brachte dazu wahrscheinliche und weniger wahrscheinliche Theorien hervor. Dass der Mond selbst das Leben auf Erden ermöglichte, ist hingegen das Ergebnis einer vergleichsweise jungen Denkoperation.

Für manche war die Mondfahrt eine Entweihung

Das Surreale der Live-Mondnacht von 1969 bestand auch darin, dass der Mensch mit der Mondwüste seine jahrtausendealte und kulturübergreifende Inspirationsquelle betrat; die „Sonne der Nacht“ hatte schließlich reichlich gespendet – Geschichten, Mythen, Fruchtbarkeitsriten, Aberglauben, auch Stoff für Science-fiction. Und nun betraten Erdlinge tatsächlich diesen magischen Ort. Für manchen fühlten sich diese Apollo-Missionen an wie Akte der Entweihung – „als sei mit dem Betreten des Mondes die natürliche Ordnung der Welt verletzt worden“, schreibt Eckart Kuphal in seinem Buch „Den Mond neu entdecken“ (Verlag Springer Spektrum). Das „Gestirn der Liebenden“, so Kuphal, wirke reizvoll aus der Entfernung, „doch beim Betreten entpuppt es sich als lebensfeindlich“.

Denkbar, dass sich dieses irrationale Unbehagen über die Entzauberung des Erdtrabanten auf ebenso irrationalen Wegen ein Ventil suchte, um die Entweihung der Sehnsuchtsstätte einfach als ungeschehen zu betrachten und sich der sogenannten Mondlandelüge zuzuwenden – jener Verschwörungstheorie, wonach die Amerikaner gar nicht dort waren, sondern die Welt von einer perfekten Hollywood-Inszenierung im Auftrag der Nasa getäuscht worden sei. Diesen psychologischen Mechanismus vermutet auch Essayist Joachim Kalka in seiner Kulturgeschichte des Mondes (Der Mond, Berenberg-Verlag): die Mondlandelüge als Reaktion auf die wissenschaftlichen Ernüchterungen zum Erdtrabanten. Der Mond solle doch, bitteschön, seine ganze Kraft als Katalysator kosmischer Fantasien behalten.

Ermüdend und skurril: die Mondlüge-Debatte

Dieser Glaube wird hartnäckig verteidigt. Ermüdend lang und zäh zieht sich die Mondlüge-Debatte bis heute durch diverse Internetforen, wo Skeptiker alle ihre Zweifel nennen und angebliche Widersprüche auf den Mondlandefotos erklären, während die Physikerfraktion keine Ermüdungserscheinungen erkennen lässt, das Gegenteil wissenschaftlich zu beweisen. Für die Apollo-Skeptiker stammt auch der nachfolgende Dialog aus einem Hollywood-Tonstudio.

Jedenfalls will Gerald Carr von der Kontrollstation in Houston von der Besatzung von Apollo 8, einer Vormission ohne Landeversuch, wissen: „Wie sieht der alte Mond aus 60 Meilen Entfernung denn aus?“ Astronaut Jim Lovell: „Der Mond ist im Wesentlichen grau. Keine Farbe. Sieht aus wie gebrannter Gips oder eine Art gräulicher Sandstrand.“ Das unterschied sich kaum von einer nüchternen Beschreibung rund 500 Jahre vor Christi Geburt: „Ein Steinklumpen, der von der Sonne beleuchtet wird“ – und hält die US-Astronauten bei der ersten Live-Schaltung zum Mond an Heiligabend 1968 nicht davon ab, Zeilen der biblischen Schöpfungsgeschichte als Weihnachtsbotschaft zu verlesen.

Unabhängig von der skurrilen Mondlüge-Debatte hat auch der sogenannte aufgeklärte Mensch eine besondere, „seine“ Beziehung zum Mond – und lässt sich nicht von der durch Wissenschaft und Technik geprägten Moderne beeindrucken. Der Vollmond hat es demnach in sich, puscht zwar die Liebenden, stört aber den Schlaf, verursacht auf geheimnisvolle Weise mehr Arbeits- und Verkehrsunfälle, mehr Menstruationsbeschwerden, mehr Gewalttaten und Aggressionen: Immer ist, so das Gefühl, der Mond im Spiel. Alle wissenschaftlichen Studien dazu haben zwar akribisch das Gegenteil bewiesen, aber das Gefühlte wird verteidigt. ZDF-Wissenschaftserklärer Harald Lesch ließ das schier verzweifeln: „Wer so bekloppt ist, chirurgische Eingriffe nach dem Mondkalender zu planen, dem ist nicht zu helfen.“

Der Mond bleibt also für viele Menschen eine Projektionsfläche, eine Art weißes Blatt Papier, auf das sie schreiben können, was sie sich wünschen, erträumen, aber auch, was sie fürchten. Gleichzeitig taugt aber die weniger erforschte „Rückseite des Mondes“ weiter als Metapher für das Nicht-Wissen der Aufgeklärten. Etwa so: Über die Tiefsee auf der Erde weiß der Mensch weniger als über die Rückseite des Mondes.

Es beginnt ein neuer Wettlauf zum Trabanten

Geblieben ist indes der Mond als nationales Statussymbol. Der Kalte Krieg war der Humus, auf dem der Wettlauf zum Mond entstanden war. Für alle Welt sichtbar hatten die Amerikaner 1969 die Sowjets geschlagen, während das DDR-Fernsehen den entscheidenden triumphalen Moment der Mondlandung konsequent missachtete und ein Testbild sendete. Menschen haben den Mond seit Apollo 17 (1972) nicht mehr betreten. Nun üben sich wieder verstärkt Schwellenländer oder neue und alte Industriestaaten in Raumfahrt – und signalisieren: Wir sind ernstzunehmen. Reisen zum Mond eignen sich dafür besonders: Die Inder, die Japaner, die Chinesen – alle waren mit ihren Sonden schon dort, und einige müssen sich diesen Status, wie die Südkoreaner 2020, erst noch erarbeiten, während den Europäern eher eine internationale, gemeinsam betriebene Mondbasis vorschwebt.

Gelegentlich liest man von Mondfieber 2.0 auf Erden, wenn der marketinggetriebene Tesla-Chef Elon Musk nicht Roboter zu einer thailändischen Höhle, sondern Touristen auf den Mond schicken will. Oder eben Donald Trump, der das Statussymbol nun ebenfalls begehrt, seitdem die Chinesen große Pläne schmieden. Ende 2017 beauftragte er die Nasa für neue bemannte Missionen zum Mond, um dort „nicht nur eine Flagge in den Boden zu rammen und Fußabdrücke zu hinterlassen“. Der US-Präsident will eine Mondstation, und von dort geht's, so Trump, gleich weiter zum Mars. Ernst nimmt das keiner, aber berichtet haben es alle.

Nun gut, denkt der Mond: Ich habe schon viel gesehen und gehört. Seit ewigen Zeiten rotiere ich schon um euren Planeten, habe beobachtet, wie ihr von den Bäumen gestiegen seid und begonnen habt, aufrecht zu gehen, dazu die vielen Kulturen und eure Neigung, in Nationen zu leben und sich zu bekriegen. Dass einige von euch mich mit Mondfesten und lautem Böller ehren, ist übrigens angemessen, schließlich gäbe es euch ohne mich gar nicht. Jedoch warte ich weiter darauf, dass ihr mich mal als Erdvolk, als Einheit besucht und ohne dieses alberne Imponiergehabe. Ich habe zwar nicht viel zu bieten, außer den Blick auf euch selbst. Aber das könnte euch zur Vernunft bringen.