Ausstellung der Bundeskunsthalle

Die goldenen Kinojahre in Bonn

Der Reiz des Exotischen: Marlene Dietrich trug diesen Kimono als Lola Lola in „Der blaue Engel“.

Der Reiz des Exotischen: Marlene Dietrich trug diesen Kimono als Lola Lola in „Der blaue Engel“.

Bonn. Schon Kafka wusste um die Qualitäten des Kinofilms. Die Bundeskunsthalle widmet der den "goldenen" Kinojahren 1918 bis 1933 jetzt eine Ausstellung.

"Im Kino gewesen. Geweint.“ Am 20. November 1913 schreibt Franz Kafka dieses berühmte Zitat in sein Tagebuch. So geht es weiter: „'Lolotte'. Der gute Pfarrer. Das kleine Fahrrad. Die Versöhnung der Eltern. Maßlose Unterhaltung. Vorher trauriger Film 'Das Unglück im Dock', nachher lustiger 'Endlich allein'. Bin ganz leer und sinnlos, die vorüberfahrende Elektrische hat mehr lebendigen Sinn.“ Das Kino als Ort großer Gedanken, tiefster Emotionen sowie fesselnder Erlebnisse.

Vielleicht ist es das wirklich Besondere der Ausstellung „Kino der Moderne. Film in der Weimarer Republik“, die die Deutsche Kinemathek Berlin zusammen mit der Bundeskunsthalle in Bonn zeigt, dass es bei aller wissenschaftlichen Akribie und Faktenfülle gelang, gerade diese Emotionalität zu bewahren und den Zauber, den die Bilder der goldenen Kinojahre 1918 bis 1933 noch heute verbreiten, zu erhalten. Natürlich gilt es, kapitelweise dieses kurzlebige cineastische Phänomen, das die deutsche Ufa auf Augenhöhe mit Hollywood brachte und den Film als neues Leitmedium installierte, auf- und abzuarbeiten. Doch es sind zunächst die Bilder, die begeistern, die Dramen, die schicksalsträchtigen Begegnungen, die Momente, in denen sich das Kino vom entrückten Sehnsuchtsort zum Spiegel einer quirligen, überhitzten Gesellschaft wandelt, die gar nicht so weit weg von unserer Gegenwart zu sein scheint.

Posieren wie die Stummfilmstars

Der letzte Schrei der 1920er Jahre war der Photomaton, der Fotoautomat für Jedermann. Außen klebten quasi als Anregung Porträts von Filmstars, innen posierten dann der Arbeiter und die Telefonistin, der Beamte und die Hausfrau nicht selten im Stil ihrer Filmhelden. Kuratorin Kristina Jaspers stellt Photomaton-Bilder der Berliner Sammlung Günter Karl Bosses auf eine Stufe mit Großaufnahmen von Stummfilmstars, lässt August Sanders fotografische Typisierung der Serie „Menschen des 20. Jahrhunderts“ auf Filmfiguren wie Asta Nielsens Bildhauerin Vera Holgk in „Unmögliche Liebe“ treffen.

Das Kino der Weimarer Republik rückt den Menschen in den Mittelpunkt, fährt ganz nah ran, geht ebenso direkt auf dessen Lebenswelt zu. Augen, Mund in Großaufnahme, Häuserfluchten quasi im Sturzflug gesehen, die Welt der Arbeit als lärmende Maschine in zerhackten Bilderfolgen. Der expressiven oder auch betont sachlichen Ästhetik des Kinos wird großer Raum gegeben: in Videostationen, die jedes Kapitel der Schau einleiten, in insgesamt drei Kinos, die sich in der Ausstellung bestimmten Themenfeldern widmen, und schließlich an den Wänden der großzügigen Plaza mitten in der Haupthalle der Bundeskunsthalle, wo ein trubeliger Platz im Berlin der 1920er Jahre simuliert wird. Da wir in einer Kino-Schau sind, wundert es keinen, dass hier alles Kulissenwerk zwischen Gerüststangen ist. Ein paar Schritte weiter in der Südgalerie befindet sich die Werkstatt Kino – alles Wissenswerte vom Drehbuch bis zur Regie, von der Kamera- bis zur Schnitttechnik, vom Kostüm bis zur Arbeit am Set mit einem Kamerawagen auf Schienen ist hier mit großer Liebe zum Detail versammelt.

Ein Tag im Leben der Berliner

Während auf der Plaza in drei synchronen Filmen der Tag im Leben unterschiedlicher Gesellschaftsschichten im Berlin der Weimarer Zeit rekapituliert wird und sich die Tür zum größten Kinosaal der Ausstellung öffnet, schärfen andernorts kleine Themenstationen den Blick auf dieses außergewöhnliche Filmuniversum. Da sind die Arbeitswelt und die soziale Frage, die in Filmen wie „Schaufelbagger 1010“ und „Kuhle Wampe“ in den Mittelpunkt rücken. Mobilität („Achtung! Liebe! Lebensgefahr!“) und Urbanität („Metropolis“) sind ebenso Themen wie Sport (Max Schmelings „Liebe im Ring“) und Körperkult („Wege zu Kraft und Schönheit“), Geschlechterrollen („Der Blaue Engel“) und Genderproblematik („Ich möchte kein Mann sein“).

Das Kino der Weimarer Republik lässt keinen Lebensbereich unbelichtet: Wunderbare Interieurs und neue Design- und Wohnkonzepte finden sich neben deutlichen Spuren der Avantgardekunst in vielen Filmen; ebenso gibt es Reflexe auf das Innenleben der Menschen, auf die Segnungen und Abgründe der Psychoanalyse, auf Sehnsüchte und mehr oder weniger verborgene Laster; der Starkult spielt eine gewichtige Rolle, das Exotische steht hoch im Kurs. Marlene Dietrich etwa war ganz vernarrt in ein Afrikaner- und ein Chinesenpüppchen, die sie eigenmächtig in eigenen Filmen wie „Gefahren der Brautzeit“, „Ich küsse ihre Hand, Madame“ und „Der blaue Engel“ platzierte.

„Kino der Moderne“ ist eine üppige und inspirierende Schau über den Film und das Leben, die auch buchstäblich Raum gibt, über beides nachzudenken – zum Beispiel in einer Rotunde am runden Tisch in Walter Benjamins Filmbibliothek. Die beeindruckende Schau endet mit Set- und Filmbildern der Serie „Babylon Berlin“, die im Stil und Kolorit den „Weimar Touch“ in unsere Zeit transportiert.