Karlheinz Stockhausen

Die Harmonie der Sterne

Klangrevolutionär und Tonbilderstürmer, Katholik und Esoteriker, Bürger- und Musikerschreck: Vor zehn Jahren starb Karlheinz Stockhausen, dessen Musik die Laien verwirrt und die Fachwelt elektrisiert.

Jahrzehntelang hat der alte Schafhirte auf seiner Flöte wunderschöne Musik gemacht. Dann schleppt ihn irgendjemand in die große Stadt, und er betritt einen Konzertsaal. Ihn packt der Schrecken. Da sitzen mehrere hundert Musiker statt bloß einer, wie es doch sein soll. Sie spielen seltsame Instrumente: keine Flöten, sondern quietschende Metallfäden, dröhnende Rohre, hämmernde Kessel, schwarze Kästen mit weißen Tasten.

Alle spielen gleichzeitig: Man kann der Melodie nicht mehr folgen. Das Stück dauert den ganzen Abend (statt ein paar Minuten, wie es doch sein soll). Was wird der alte Hirte über so eine Musik sagen, die von seiner Gewohnheit um mehrere hundert Jahre entfernt ist? Im besten Falle wird er sagen: Das ist keine Musik. Im schlimmsten Falle wird er sagen: Das ist Krach. Oder: Lästerung.

Tja, sagt der Bildungsbürger und zuckt mit den Achseln. Das passiert, wenn einer geschmacklich in der Vergangenheit steckenbleibt. Musik entwickelt sich eben weiter. Wer das nicht versteht, hat keine Kultur. Spricht's und greift zur 300 Jahre alten Bach-Kantate.

Es gibt Musik, vor der stehen auch wir voll entsetzten Unverständnisses wie der Hirte vor dem Philharmonischen Orchester. Musik wie aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit. So eine Musik (viele solche Musiken) hat Karlheinz Stockhausen komponiert, Neust-Töner und Mythenschöpfer, Esoteriker und Weltraumguru, Musiker- und Bürgerschreck. Vor zehn Jahren, am 5. Dezember 2007, ist er in Kürten gestorben.

Keine beschauliche Kindheit

Eine beschauliche Kindheit war dem 1928 geborenen Sohn eines Lehrers nicht vergönnt. Seine Mutter wird psychisch krank, kann eines Tages (während der kleine Karlheinz zusieht) nur mit Gewalt daran gehindert werden, sich aus dem Fenster zu stürzen, wird in die Heilanstalt Hadamar eingewiesen und dort zum Opfer des mörderischen „Euthanasie“-Programms der Nazis.

Stockhausens Vater fällt im Krieg; er selbst wird als Lazaretthelfer verpflichtet, ist täglich vom Leid der Schwerstverwundeten und Sterbenden umgeben („Der Tod wurde etwas vollkommen Relatives für mich“). Er flüchtet aus dem Schrecken in die Welt der Kunst. Nach dem Krieg will er Schriftsteller werden und schickt einige Werke an keinen Geringeren als Hermann Hesse. Der Nobelpreisträger antwortet sogar. „Gefallen hat mir Ihre Begabung, sie ist die eines Dichters. Nicht gefallen hat mir [...] etwas Verstiegenes und in Leid und Verzweiflung Verliebtes, etwas »Faustisches«.“

Vielleicht liegt es an Hesses freund-licher Kritik, dass der junge Stockhausen sich von der Sprache ab- und der Musik zuwendet. Schon als Kind hat er gelernt, das Klavier und die Orgel zu spielen; jetzt lernt er Chöre und Theatergruppen zu leiten, beginnt in Köln ein Studium der Schulmusik (sowie der Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft).

Die zwölf Töne der Vorkriegs-Musik nach Schönberg'schem Muster sind ihm zu wenig; die sieben Töne der noch älteren Musik sowieso; die altbekannten Instrumente und Klangfarben auch. Begeistert stürzt er sich auf die technischen Möglichkeiten der Moderne, sitzt stunden-, tage-, nächtelang in den brandneuen Tonstudios. Er versucht, ein Maximum an Information auf nur wenigen Zentimetern Tonband unterzubringen: „Wie klingt es, wenn man eine Beethoven-Sinfonie so zusammenstaucht, dass sie nur noch zwei Sekunden dauert?“

Die Stücke einzeln kurz zu beschreiben, ist unmöglich.

Aus den Ergebnissen setzt er seine Werke zusammen, die den Laien verwirren und die Fachwelt elektrisieren. Rund 370 Stücke entstehen bis zu Stockhausens Tod. Die genaue Zahl anzugeben ist schwierig; vieles liegt in verschiedenen Versionen vor, wird bisweilen auch zu eigenständigen Varianten kombiniert oder auseinandergenommen. Die Stücke einzeln kurz zu beschreiben, ist unmöglich.

Nicht nur, weil es „Kürze“ bei Karlheinz Stockhausen so gut wie nie gibt. Eine Einführung für Anfänger existiert nicht (nur eine für Musikwissenschaftler: drei Bände, 1420 Seiten, 120 Euro). Unmöglich ist es auch, weil jedes Stück ein eigenes Buch erfordern würde. Denn Stockhausen hat keine Lust, die Musik einfach neu zu erfinden. Er tut's gleich mehrfach. Sich zu wiederholen, langweilt ihn: „Ich fange gar nichts an, wenn mich nicht etwas fasziniert, was ich noch nie probiert habe.“ Sobald ein Werk fertig ist, steht das nächste unter ganz anderem Programm. „Serielle“ Musik. „Punktuelle“ Musik. Elektronische. Variable. Intuitive. Aleatorische. Statistische. Universale. Szenische.

„Das Ideal, dass jedes Stück seine eigene Klangwelt hat, ist schwer zu realisieren, aber ich stehe dazu“, erklärt er und macht jedes seiner Werke zu einem neuen Experiment. Jedes ein neues Rätsel, eine neue Aufgabe des Erkennens – erst für den Komponisten, dann für die Musiker, dann für den Zuhörer. Nichts soll Beiwerk sein, alles soll Bedeutung haben – jeder Ton, jede Zeitdauer, jede Klangfarbe, auch die Architektur des Stückes. Ein Kerngedanke wird ihn bis an sein Lebensende nicht loslassen: Eine neue Zeit verlangt eine neue Musik, weil sie dem Menschen ein neues Hören beibringen kann. Aus ihm kann neues Fühlen erwachsen – und daraus ein neuer, besserer, kosmischer Mensch.

Kaum ein Wunder also, dass er ab den 70er Jahren den Weltraum ins Zentrum seines Schaffens stellt. Es entsteht zum Beispiel „Sirius“: Vier außerirdische Besucher landen auf der Erde, um den Menschen die Harmonie der Sterne zu lehren. Oder „Tierkreis“: Die zwölf kleinen Stücke sollen ausdrücklich für viele Instrumente immer neu arrangiert werden (auf Youtube gibt es eine Version für Laute zu hören – ein Tanz auf der Nadelspitze zwischen mittelalterlichem Klang und astraler Melodie; vielleicht der beste Einstieg für Neulinge).

„Inori“: eine Reise zum Kern der Musik, in der sich Rhythmus, Lautstärke, Melodie und Harmonie aus sich selbst entwickeln – ergänzt um ein neues Instrument, den menschlichen Körper, der sie mit meditativen Gesten begleitet. Einen Text hat das Stück auch. Ein einziges Wort. Es lautet „Hu!“ und soll heißen: Gott.

Spirituelle Erfahrungen im Dom von Altenberg

„Der Inhalt meiner Stücke war immer religiös“, sagt Stockhausen: „Der transzendentale Charakter war und ist immer da.“ Tiefe spirituelle Erfahrungen hat er im Dom von Altenberg, wo die Stockhausens im Krieg lebten; lange Jahre war er überzeugter Katholik. Später lernt er das „Urantia-Buch“ kennen – eine esoterisch-science-fictionhafte Gesamtgeschichte des Kosmos und der Erde, 2100 Seiten lang, erschienen 1955 in Chicago und den Herausgebern angeblich von extraterrestrischen Intelligenzen übermittelt. Es inspiriert ihn zu seinem Opus magnum maximum, dem Opernzyklus LICHT (zu schreiben natürlich in Großbuchstaben): Er rankt sich um „Michael“, „Luzifer“ und „Eva“, drei überzeitliche Wesenheiten, die mitein-ander um Einfluss auf die Menschheit und um kosmischen Fortschritt ringen.

Stockhausens Freunden aus der Tonbilderstürmer-Riege von einst ist das alles zu schwammig-vergeistigt, zu gesellschaftsfern, zu rückständig, zu guruhaft; viele wenden sich von ihm ab. Viele Orchestermusiker (auch in Bonn) unterlaufen Stockhausen-Konzerte durch verbeamteten Ungehorsam. Die Presse greift zum billigsten Schema-F-Rezept beim Umgang mit eigenwilligen Charakteren und Ideen: Sie macht blöde Witze.

Stockhausen kümmert sich nicht darum. 27 Jahre lang (von 1977 bis 2003) komponiert er an den sieben Opern, die nach den sieben Tagen der Woche benannt sind, zusammen knapp 29 Stunden dauern und aus 164 (auch separat aufführbaren) Einzelwerken bestehen. Chören. Tänzen. Arien. Musik für Düfte, Körperteile und Edelsteine. Einer „Reise um die Erde“. Einem „Weltparlament“. Einem „Helikopter-Streichquartett“ für Kammermusiker in Hubschraubern. Bisweilen schimmert auch Humor durch: So fragen sich Interpreten des „Mittwoch“, warum darin eine Figur namens „Luzi-Kamel“ auftritt. Sie könnten sich stattdessen auch fragen, ob hier nicht einfach ein rheinisches Wortspiel zum „Luzi-Fer(d)“ vorliegt.

Junge Paradiesvögel und distinguierte Rentner

Eine mehrteilige Super-Oper auf mythologischer Grundlage? Stockhausen wird nicht ernsthaft damit gerechnet haben, niemand deute das Mega-Projekt als Überbietungsversuch zu Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ (Opern: nur vier; Kompositionsdauer: nur 14 Jahre; Aufführungsdauer: nur 16 Stunden). Er lässt den Vergleich kaum an sich heran. Wagner blicke in die Vergangenheit, sagt er; er hingegen blicke in die Zukunft.

Das hindert ihn nicht an der Idee seiner eigenen Festspiele in der kleinen Stadt, wo er lebt. Bei den „Stockhausen-Kursen und -Konzerten“ in Kürten können junge Menschen seit 1998 lernen, wie sich à la Stockhausen komponieren und konzertieren lässt. Heute wird das organisiert von Stockhausens letzten Gleichzeit-Lebensgefährtinnen Kathinka Pasveer und Suzanne Stephens.

Da sitzen junge Paradiesvögel neben distinguierten Rentnern. Da stehen Trompeter auf dem Dach und spielen Melodien aus dem Werk (der Vergleich mit Bayreuth geht fehl – da sind es Posaunisten, und sie stehen auf dem Balkon). Die Mehrzweckhalle wird zum Konzertsaal, die Gesamt- zur Musikhochschule. Das Bestattungsinstitut stellt Särge als Requisiten für „Montag“. Das örtliche Blasorchester spielt den „Kinntanz“ aus „Samstag“. Musiker aus 33 Ländern sitzen in der Traditionskneipe „Zur Alten Ulme“. Eine Gemeinde im Sülztal wird Zentrum der großen Musik. Das sollen die „gesellschaftsnäheren“ anderen Neutöner erst mal nachmachen.

Als LICHT vollendet ist, komponiert Stockhausen unermüdlich weiter. Sein neues Projekt „Klang“ soll die 24 Stunden des Tages in Töne bringen. Anschließend plant er dasselbe mit den 60 Minuten der Stunde und den 60 Sekunden der Minute. Er schafft es nur bis zur 21. Stunde (sie heißt „Paradies“). Eines Nachts erwacht er und breitet die Arme aus. „Jetzt habe ich eine ganz andere Art zu atmen“, sagt er. Blickt „wie entrückt in einen fernen Raum“. Mit den Worten „Eine ganz neue Welt fängt an“ bricht er zusammen und stirbt.

Wie so vieles in seinem Leben ist auch der Tod bei Karlheinz Stockhausen um ein paar Nummern größer geraten. Seine Kürtener Grabstätte sprengt auf dem Waldfriedhof des kleinen Ortes sämt-liche Maßstäbe. Statt eines Grabsteins steht da ein Grabstahl: eine runde, polierte Metallplatte, geschätzt zwei Meter im Durchmesser. Eingraviert ist eine Version der Grundformel, aus der alle 29 LICHT-Stunden abgeleitet sind. Das letzte Wort des Textes ist: Hu.

Konzert Samstag, 16. Dezember, 18 Uhr, Gesamtschule Kürten, Olpener Straße 4. Der Eintritt ist frei