Martin L. Kings Rede in Washington

Die Geister im Hintergrund

Bonn. Die Kunst der Rede. Professionelle Redenschreiber legen mit ihrer Arbeit die Basis für gelungene Ansprachen. Aber zuletzt zählen Charisma und Improvisationstalent des Redners.

Sie gilt als Meisterwerk der Rhetorik und fand Eingang in zahlreiche Lehrbücher, nicht nur für den Englischunterricht. Dabei dient die Rede, die der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King am 28. August 1963 in Washington vor dem Lincoln Memorial hielt, unter professionellen Redeschreibern als legendäres Beispiel für eine nur knapp abgewendete Panne.

Die Worte „I Have a Dream“, bis heute das Erkennungszeichen der Ansprache, standen gar nicht im Manuskript. King und seine Redenschreiber hatten beschlossen, diesmal auf die bereits zuvor benutzte, womöglich abgedroschene Wendung zu verzichten. Erst als Mahalia Jackson ihn wiederholt aufforderte „Tell 'em about the dream, Martin!“ improvisierte King den „I Have a Dream“-Teil und den Schluss der Rede.

Die Rede über den geplatzten amerikanischen Traum strotzt nur so von Zitaten aus der Bibel, aus der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, der US-Verfassung, der Erklärung zur Sklavenemanzipation und der Gettysburg-Note, beide von Abraham Lincoln, einer weiteren Gottheit aus dem amerikanischen Redner-Olymp. Aufgeschrieben von Profis des professionellen Redenschreibens. Und doch hat der Redner King mit seinem Mut zur Improvisation und seinem Talent, die Zuhörer mitzureißen, erst das an eine Predigt erinnernde Gesamtkunstwerk vollendet und damit Geschichte geschrieben.

„Eine Rede ist ein Dialog, kein Monolog“, bringt es Claudius Kroker, professioneller Redenschreiber aus Bonn, auf den Punkt. „Ein guter Redner kann reagieren.“ Allerdings sei diese Freiheit bei Hauptversammlungen oder programmatischen Reden, wo anschließend jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, mitunter heikel.

Das Verhältnis zwischen Redner und Redenschreiber beschreibt er als ähnlich wie beim Ghostwriter, der für einen anderen dessen Biografie schreibt. Beide bleiben im Hintergrund, müssen aber ihren Kunden gut genug kennen, um seinen Ton zu treffen. „Authentizität ist ganz wichtig“, betont Kroker. Eine Rede könne nicht einfach von einer anderen Person gehalten werden, wenn der Redner krankheitsbedingt ausfalle.

Um den Ton, aber auch Redewendungen und Sprachduktus seiner Klienten zu kennen, drängt Kroker zumindest auf ein Telefongespräch mit dem Redner. Da reichen ihm Vorzimmer oder Pressestelle nicht aus. Idealer seien persönliche Treffen oder eine längerfristige Zusammenarbeit. Manche seiner Kunden kommen jedes Jahr wieder, wenn die Bilanzpressekonferenz oder die Wahlkampfrede ansteht, aber auch für private Anlässe greifen Menschen auf Redenschreiber zurück.

Der 45-jährige Kroker, der wie rund 450 seiner Kollegen im Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) organisiert ist, kalkuliert mit einer Stunde Arbeit pro Minute gehaltener Rede. Den Löwenanteil mache dabei die Recherche aus. „Für bedeutende Reden gibt es aktenordnerweise Material“, erzählt Kroker.

Der Aufwand will bezahlt werden: Der Verband der Redenschreiber veranschlagt in seiner Honorarempfehlung für eine fünfminütige Rede aus privatem Anlasse 700 Euro, für geschäftliche Anlässe 900 Euro. Und führt als Begründung ins Feld, dass es sich um das „Ergebnis eines kreativen Wertschöpfungsprozesses“ handele. „Der Wert einer Rede“, so der VRdS, „kann unermesslich sein.“ Zumal wenn sie als Führungsinstrument wirke, eine Gemeinschaft festige oder Denkweisen verändere.

Trotz der Preise, die aufgerufen werden, sichert das Redenschreiben kaum einem Profi das komplette Einkommen. „So gut wie keiner schreibt nur Reden“, weiß der Kroker aus dem Austausch mit Kollegen. PR, Seminare und anderes komplettieren das ohnehin schwer definierbare Berufsbild. Wie kam er zum Redenschreiben? „Durch Zufall“, sagt der Bonner. Ein großer Kunde sei auf ihn zugekommen, weil zum PR-Auftritt noch die Rede fehlte. Ab dann lief vieles über Mundpropaganda. Meist endet der Auftrag nicht mit dem Ausformulieren der Rede, sondern schließt Hinweise für den Redner mit ein. „Die meisten sind offen, lassen sich mit Blick auf Pausen, Betonung und anderes mehr Tipps geben.“

„Tritt fest auf, mach's Maul auf, hör bald auf“, soll schon Martin Luther gesagt haben. Und der letzte seiner drei Ratschläge sollte eigentlich für jeden Redner leicht zu befolgen sein. Anders als die anderen. „Wer mit Sprachen umgehen und gut reden kann, kann auch introvertiert sein“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Sylvia Löhken und nennt unter anderem Bundeskanzlerin Angelika Merkel als Beispiel.

Löhken, Autorin des Buchs „Leise Menschen – starke Wirkung“, glaubt, dass diese Redner punkten, wenn sie „eine Geschichte zu erzählen haben“. Besinnung auf eine Kernbotschaft, reduzierter Einsatz von Zitaten, auch Kroker rät zur Beschränkung im Sinne des Effekts. Und genau den erlebt der Redenschreiber meist nicht mit. Aus verschiedenen Gründen. „Ich bin der Einzige im Publikum, der den Inhalt der Rede schon vorher kennt“, beschreibt Kroker die spezielle Situation des Redenschreibers in der Zuhörerrolle. Da muss er loslassen, kann nicht mehr eingreifen.

Lob und Ehre heimst der Redner ein, wenn alles gut geht. Aber auch im Mittelpunkt von Schimpf und Schande stehen die Geister hinter der Rede eher selten. Allenfalls dann, wenn sie abgeschrieben haben. So wie unlängst die Beraterin von Melania Trump, die für die Parteitagsrede bei den Republikanern ausgerechnet bei der demokratischen First Lady Michelle Obama abgekupfert hatte. Ganz schön geistlos.