Im Kino

Der schillernde Außenseiter

Der Kinofilm „Bohemian Rhapsody“ deutet das Exzessive und Selbstzerstörerische in der Biografie von Freddie Mercury nur dezent an

Es gab eine Zeit, als Sacha Baron Cohen dazu ausersehen war, Freddie Mercury in dem Film „Bohemian Rhapsody“ zu verkörpern. Er stieg 2013 frustriert aus dem Projekt aus. Danach waren Ben Whishaw und Dominic Cooper im Gespräch. Am Ende erhielt der 37-jährige, in Los Angeles geborene Rami Malek die Rolle des charismatischen, 1991 mit 45 Jahren gestorbenen Sängers der Band Queen. Er macht das in dem gerade angelaufenen Film überzeugend. Malek hat die Körpersprache und Manierismen des Vorbilds intensiv studiert und perfekt umgesetzt. Sein Gesang im Film erreicht (mit Unterstützung des kanadischen Musikers und Mercury-Imitators Marc Martel) nahezu die Qualität des Originals.

Also alles wunderbar? Nein, wenn man Freddie Mercurys Biografin Lesley-Ann Jones glauben darf. Sie hätte gern Sacha Baron Cohen in der Rolle des innerlich zerrissenen Mercury gesehen. Cohen ist als „Borat“ berühmt geworden und hat in all seinen Rollen und Verwandlungen bewiesen, dass er keine Schmerzgrenze kennt und keinen Tabubruch scheut. Er, glaubt Jones, wäre die perfekte Reinkarnation eines überlebensgroßen Popstars gewesen, der die emotionale Nähe zu Frauen gesucht habe und den harten Sex mit Männern. Die deutsche Schauspielerin Barbara Valentin war eine seiner engsten Vertrauten. Sie diagnostizierte einen Todeswunsch in ihm.

Bryan Singers und Dexter Fletchers Film – es gab mehrere Regisseure und mehrere Skriptautoren im Laufe der Dreharbeiten – deuten das Exzessive und Lebensbedrohliche nur dezent an. Sex & Drugs, essenzielle Bestandteile des klassischen Rock 'n' Roll, vermittelt der Film nur in homöopathischen Dosen. Barbara Valentin kommt erst gar nicht vor. Dafür porträtiert „Bohemian Rhapsody“ Mercurys Freundin Mary Austin als geradezu engelhaft geduldige Partnerin. Das beschreibe sie nur unvollkommen, glaubt Biografin Lesley-Ann Jones.

Kreativität und Bühnenpräsenz

Der von den Queen-Mitgliedern Brian May und Roger Taylor produzierte Film will zeigen, wie wichtig Queen war – und ist. Die Band ist mit Gastsängern immer noch aktiv. May und Taylor als Kinofiguren, dargestellt von Gwilym Lee und Ben Hardy, erscheinen allerdings banal, austauschbar, offen gesagt: langweilig im Vergleich zum extravaganten Mercury. Damit artikuliert der immer wieder selbstbeweihräuchernd auftretende Film eine gültige Einsicht: Mercury war nicht alles, aber ohne ihn war alles nichts. Ohne seine Kreativität und Bühnenpräsenz wäre Queen nicht mehr als eine kompetente Band. Man hätte gern mehr erfahren über den Mann, der 1946 in Sansibar als Farrokh Bulsara geboren wurde. Der Sohn zoroastrischer Parsen landete mit acht in einem Internat in Indien, wo er sich einsam fühlte. Die innere Leere füllte er mit westlichem Pop.

Vor der Revolution in Sansibar floh die Familie 1964 und ließ sich schließlich in London nieder. Dort suchte Mercury in vielen Gruppen und Bewegungen seine (auch sexuelle) Identität. Mit Queen fand er seine Berufung und schrieb Popmusikgeschichte.

„Bohemian Rhapsody“ ist ein audiovisuelles Fest für Fans, die nicht alles wissen wollen über die öffentlich arrogant, schnippisch und hedonistisch erscheinende Diva. Eine Pose: Im Innersten war Mercury schüchtern, zeitlebens empfand er sich als Außenseiter.

Der Film „Bohemian Rhapsody“ läuft im Kino. Der Soundtrack dokumentiert unter anderem den Auftritt von Queen bei Live Aid 1985. Lesley-Ann Jones' Biografie von Freddie Mercury ist als Piper-Taschenbuch erschienen (448 S., 12 Euro).