Bestseller-Verfilmung

Der Fall Collini ist neu im Kino zu sehen

Spannungen: Elyas M'Barek als Caspar Leinen und Alexandra Maria Lara als Johanna Meyer in „Der Fall Collini“.

Spannungen: Elyas M'Barek als Caspar Leinen und Alexandra Maria Lara als Johanna Meyer in „Der Fall Collini“.

Bonn. Marco Kreuzpaintner verfilmt Ferdinand von Schirachs Bestseller „Der Fall Collini“ mit Elyas M'Barek. Der Fall basiert auf einem der größten Justizskandale der Bundesrepublik.

Vollkommen overdressed erscheint der junge Anwalt zu seinem ersten Prozesstermin. Während Richter und Staatsanwalt salopp in Freizeitkleidung warten, schneit Caspar Leinen zur vorgerichtlichen Verhandlung verspätet mit wehender Robe herein. Das Missgeschick sorgt für arrogante Kommentare bei den Kollegen und für Sympathiepunkte beim Kinopublikum. Schließlich wird der Nachwuchs-Advokat von keinem Geringeren als Elyas M'Barek gespielt, der seit „Fack Ju Göhte“ als beliebtester Schauspieler des deutschen Films gilt. Es ist Caspars erster Fall als Pflichtverteidiger und der hat es in sich. Der Italiener Fabrizo Collini (Franco Nero) wird des Mordes angeklagt. Die Beweislast ist erdrückend und der Angeklagte schweigt sich aus. Erst nachdem er die Verteidigung des Mandanten übernommen hat, erfährt Caspar, wer der Ermordete ist: der Industrielle Hans Meyer (Manfred Zapatka) – der Großvater seiner Jugendliebe Johanna (Alexandra Maria Lara). Ohne dessen Hilfe hätte er es als Sohn einer alleinerziehenden, türkischen Mutter wohl nie zum Juristen gebracht. Trotzdem hält Caspar an dem Pflichtmandat fest und zieht damit einen Fall an sich, der eng mit einem deutschen Kriegsverbrechen verknüpft ist.

Einer der größten Justizskandale

Mit „Der Fall Collini“ verfilmt Marco Kreuzpaintner den Bestseller-Roman von Ferdinand von Schirach, der darin einen der größten Justizskandale der Bundesrepublik untersuchte. Mit der Verabschiedung des sogenannten „Dreher-Gesetzes“ 1968 galten die Verbrechen nationalsozialistischer Befehlsempfänger nicht mehr als Mord, sondern nur noch als Totschlag. Durch den juristischen Kniff konnten die Taten von Tausenden Nazi-Verbrechern nach dem Ablauf der zwanzigjährigen Verjährungsfrist nicht mehr geahndet werden. „Der Fall Collini“ verhandelt nun aus dem retrospektiven Blick des Jahres 2001 die Vergeltungsaktion eines Opfers, das als Kind mit ansehen musste, wie der eigene Vater von der SS ermordet wurde. Da das deutsche Rechtssystem für Collini keine Gerechtigkeitsoptionen bietet, nimmt er das Recht selbst in die Hand.

Kreuzpaintner inszeniert diesen klassischen Widerspruch zwischen Recht und Gerechtigkeit als geradliniges Justizdrama, das mit zunehmender Recherchearbeit immer neue Facetten des scheinbar eindeutigen Falles aufdeckt. Dabei geht er engagiert, aber auch wenig subtil zur Sache und versucht mit M'Barek als Zugpferd der jüngeren Zuschauergeneration die juristischen Folgewirkungen des Nationalsozialismus nahezubringen. Ein Thema, das vor zwanzig Jahren in Form eines trockenen Politschulfilms behandelt worden wäre, wird hier ins große Mainstreamformat aufgeblasen. Das führt zu einigen dramaturgischen Überdeutlichkeiten und wenig widersprüchlichen Figurencharakterisieringen. Direkt ins peinliche Pathos greift der omnipräsente, übersteuerte Soundtrack, und auch der Rückblende, in der die Liquidation der italienischen Dorfbewohner durch SS-Schergen gezeigt wird, fehlt es an der notwendigen Sensibilität. Mit den Mitteln des Unterhaltungskinos historisch-politisches Bewusstsein zu schaffen ist eine Kunst, die Kreuzpaintner leider nur unvollständig beherrscht. ⋌Woki, Kinopolis, Stern