Festival und Ausstellung

Das erwartet Besucher auf der 17. Videonale in Bonn

Bonn. Alternative Fakten und die Welt der Medien als Themen der "Videonale.17" im Kunstmuseum Bonn. Am Mittwoch wird die Ausstellung mit der Preisverleihung eröffnet. Dreitägiges Festival mit Vorträgen und Führungen

Zwei Männer stehen in einem Flüchtlingsboot auf dem Meer. Einer kramt aus dem Kleiderberg eine Korsage hervor, zieht sie an und fühlt sich sichtlich gut in der schwarzen weiblichen Reizwäsche. Dazu säuselnde Musik. Schnitt. Es folgen Science-Fiction-Szenen. Es wird geprügelt. Es gibt intime Geständnisse. Die Tonlage wird härter. Dann wird geschmust. Freaks bahnen sich ihren Weg durch den Alltag. Lustig und kritisch, betont provokativ, gleichzeitig naiv und albern geht es in Shu Lea Cheangs turbulenter Videoinstallation auf vier Monitoren zu, die sich konkret der Madrider Subkultur im Viertel Malasaña widmet, das auch Maravillas (Wunder) genannt wird. Allgemein dreht sich alles lustvoll um die dortige Queer-Szene, in der sich Schwule, Lesben, Bisexuelle, Intersexuelle, Transgender und Pansexuelle jenseits aller Geschlechterrollen und -identitäten tummeln. Ein Plädoyer für ein Leben ohne Grenzen.

Gender, Migration, den ganzen postkolonialen Komplex und den der Fluchtbewegungen – alle Diskurse der Zeit bringt die in Paris lebende Videokünstlerin auf den schrillen Punkt. Und bringt so die thematischen Hauptströme der Bonner Videonale.17 unter einen Hut. Wo Shu Lea Cheang mit Bild, Schnitt, Musik, Versatzstücken von der Telenovela bis zum Musik-Clip, vom Comic bis zur Dokumentation operiert, geht es bei anderen mitunter wortreich bis geschwätzig, leitartikelnd und nervig-belehrend zu. Mit fantastischen Ausnahmen wie in Johan Grimonprez' poetischer und philosophisch geerdeter Bilderflut („Raymond Tallis“) oder in Stefan Panhans' perfekt inszeniertem, sehr gut gespieltem und pointiert betextetem Diskurs einer Zufalls-WG zwischen Stockbetten und Yogamatten in „Hostel“. Werbebotschaften und Weltweisheiten, Nachrichten und ichbezogenes Gelabere korrelieren mit tollen Bildern.

Ältestes Videofestival Deutschlands

Vor 35 Jahren ging die erste Videonale in Bonn über die Bühne, das erste Videofestival Deutschlands, das sich inzwischen als „Festival für Video und zeitbasierte Kunstformen“ versteht und im Wettbewerb auch Mehrkanalarbeiten und Installationen erlaubt. Immer wieder haben sich das Festival – wie auch das Medium – neu erfunden, ästhetisch, thematisch, produktionstechnisch. Die 17. Videonale, die mittlerweile vierte von Tasja Langenbach verantwortete und im Kunstmuseum Bonn stattfindende Folge des Festivals, unterscheidet sich wiederum deutlich von ihren Vorgängerinnen.Zwischenüberschrift

Das Wettbewerbsfeld ist spürbar schlanker geworden: 29 Positionen wurden aus mehr als 1100 Bewerbungen zum Thema „Refracted Realities“ (gebrochene Wirklichkeiten) herausdestilliert. Vor zwei Jahren sah man noch 43 Beiträge im Kunstmuseum. Ruth M. Lorenz, seit der Videonale 15 für die Ausstellungsarchitektur zuständig, setzt die Beiträge (insgesamt über 13 Stunden) mit ihrem Prismensystem und individuellen Spielorten wunderbar in Szene.

Alternative Wahrheiten und Fake News, die Rolle der Medien und wie sie unsere Wahrnehmung prägen und verändern – das sind Themen, die Lagenbach unter dem Titel „Refracted Realities“ versammelt hat. Herausgekommen ist eine sehr politische und gesellschaftskritische Videonale mit Beiträgen, die häufig mit journalistischen Formaten arbeiten, in Gestalt von Reportagen, Dokumentationen oder Nachrichtenblöcken daherkommen. Auffällig ist auch die exzellente und hochprofessionelle Machart der meisten Beiträge, die nicht selten Kinoqualität erreichen.

Dokumentation über dern NSU

Mike Crane setzt in „UHF42“ – von bunten Werbeclips unterbrochen – den Alltag eines Senders im Westjordanland um. Mareike Bernien und Alex Gerbaulet legen mit „Tiefenschärfe“ eine fesselnde und bestürzende NSU-Doku vor. Eindringlich schildert „Anubumin“ von Zanny Begg & Oliver Ressler die Schilderungen von vier Whistleblowern aus der Krankenstation eines australischen Internierungslagers auf dem Inselstaat Nauru.

Hochgerüstete Soldaten, die in Zeiten von Terror und Verunsicherung durch Paris und Rom patrouillieren, filmt Eric Baudelaire in Zeitlupe und macht so die latente Bedrohung spürbar. Was Zukunftsängste, aber auch kulturelle Veränderungen bei Kindern auslösen, wird im autobiografischen Beitrag „The Craft“ der Kuwaiterin Monira Al Qadiri deutlich. Eindrucksvoll stellt die in London lebende Iranerin Maryam Tafakory die Parallelwelten persischer Soldaten und eines jungen Mädchens gegenüber. Eine ruhige Bildsprache bestimmen „Jellyfish“ von Maryna Makarenko mit ihren im blauen Wasser treibenden Protagonisten sowie das Roadmovie durch den Westen der USA von Eva van Tongeren, die die Impressionen mit dem Briefwechsel mit einem wegen sexuellen Missbrauchs inhaftierten Mann unterlegt.

Bildmächtig bringt Andrew Norman Wilson Visionen der Zerstörung mit Allegorien der Krankheit zusammen – Mückenstich, Injektion und Ölpumpe stehen als Symbole für die Zerstörung geschlossener Systeme.

Tobias Zielony toppt diese suggestive Bilderflut mit dem Bilder-Stakkato „Maskirovka“ – und Laurie Prouvost plädiert in ihrem Bilderrätsel „Dit Learn“ erfrischend offen für eine Welt ohne Worte. Eine frohe Botschaft bei dieser Quassel-Videonale. Die Preisjury hat bei dem hochkarätigen Wettbewerberfeld viel zu tun. Am Mittwoch nach der Eröffnung wissen wir mehr.