GA-Gespräch

"Das Buch ist heute wichtiger denn je"

„Unsere Vielfalt ist programmatisch“: Kiepenheuer & Witsch-Verlegerin Kerstin Gleba. FOTO: HYOU VIELZ

„Unsere Vielfalt ist programmatisch“: Kiepenheuer & Witsch-Verlegerin Kerstin Gleba. FOTO: HYOU VIELZ

Bonn. Im GA-Gespräch schildert Kerstin Gleba, neue Verlegerin von Kiepenheuer & Witsch, ihre Pläne und die Perspektiven der Branche. "Ich glaube an die Kraft des Buches", sagt sie.

Seit Jahresbeginn ist Kerstin Gleba als Nachfolgerin von Helge Malchow Verlegerische Geschäftsführerin des Kölner Verlags Kiepenheuer & Witsch. Über ihre Arbeit und die Lage der Branche sprach sie mit Hartmut Wilmes.

Sie haben 23 Jahre lang mit Helge Malchow zusammengearbeitet und werden nun selbst Verlegerin. Ist das eine Selbstverständlichkeit oder doch etwas Besonderes?

Kerstin Gleba: Auf jeden Fall etwas Besonderes. Ich begegne der neuen Aufgabe mit Respekt, Freude und großer Dankbarkeit. Ich bin gewissermaßen hier im Haus groß geworden, und schon als Reinhold Neven DuMont hier Verleger war, gab es große Gestaltungsfreiheit. Es waren also erfüllende Jahre. Und obwohl ich mich seit Längerem darauf einstellen konnte, Helge Malchows Nachfolgerin zu werden, ist es noch einmal ein großer Schritt, es nun wirklich zu sein.

Sie waren zuvor Cheflektorin. Müssen Sie als Verlegerin eventuell öfter gegen ein Buch entscheiden, das zwar literarisch wertvoll, aber kaum verkäuflich erscheint?

Gleba: Schon in den letzten Jahren haben wir die Strategie verfolgt, das Programm quantitativ nicht auszuweiten. Deshalb müssen wir stark selektieren und manches gute Buch absagen. Weil wir zum Glück einen Autorenstamm haben, der diesem Verlag die Treue hält, gibt es einfach wenig freie Programmplätze. Wir diskutieren jedes Buch in der Lektoratsrunde, und bei kontroversen Meinungen muss ich jetzt die Entscheidung treffen.

Ihr Sortiment reicht von internationalen Stars wie Michael Chabon oder Julian Barnes über deutsche Autoren von Frank Schätzing bis Uwe Timm, dazu kommen Titel zu Popkultur, Memoiren von Schauspielern und politische Bücher. Wollen Sie das Spektrum verschlanken oder sogar ergänzen?

Gleba: Ich möchte es beibehalten und weiterentwickeln, denn diese Vielfalt ist programmatisch gewollt. Wir haben uns immer gegen die Unterscheidung zwischen E und U gewehrt, weil sie nur vorgefasste Meinungen bedient.

Ein Beispiel?

Gleba: Die hervorragenden, jetzt weithin literarisch anerkannten Romane von Joachim Meyerhoff. Manche gehen ja schon in Deckung, wenn ein Schauspieler ein Buch schreibt. Dagegen wehren wir uns und wollen weiterhin mutig Neuland erobern.

Auch Sie stehen unter dem Konzerndach der Holtzbrinck-Gruppe, die 2018 Ihre Kollegin Barbara Laugwitz bei Rowohlt abgesetzt hat. Fürchten Sie, dass Ihnen Ähnliches drohen könnte?

Gleba: Ich vertraue sehr darauf, dass die Holtzbrinck-Gesellschafter Kontinuität an der Spitze eines Verlags schätzen. Dessen Kapital ist ja das Vertrauen der Autoren. Deshalb durfte ich diese Position auch übernehmen, wobei es zudem ein großes Glück ist, dass Helge Malchow weiterhin für uns arbeitet.

Kurze Rückblende in die Zeit als Cheflektorin: Auf welches „Ihrer“ Bücher sind Sie besonders stolz?

Gleba: Wichtig war für mich „Soloalbum“ von Benjamin Stuckrad-Barre. Ich hatte gerade die KiWi-Paperback-Reihe übernommen. Ich war damals 25 und hatte den Ehrgeiz, Gleichaltrige, die sich anders als ich nicht für Joyce, Flaubert und Balzac interessierten, fürs Buch zu begeistern. Es freut mich sehr, dass Stuckrad-Barre, den man anfangs eher als Störfaktor sah, heute als einer der großen Autoren deutscher Sprache anerkannt ist.

Und welcher Titel ist Ihnen durch die Lappen gegangen und hat anderswo reüssiert?

Gleba: Wir hatten früh einen Buchvertrag mit Naomi Klein über „No Logo!“. Das Exposé von 30 Seiten fanden wir unglaublich gut, aber dann wurde das Manuskript über drei, vier Jahre nicht fertig. Als es dann kam, hatte es 650 Seiten, wobei wir an einen schmalen Klappenbroschurband gedacht hatten. Also haben wir den Vertrag aufgelöst. Dann ist das Buch bei Bertelsmann zu Recht ein großer Erfolg geworden, und wir haben uns über uns selbst geärgert.

Sorgen Sie sich um die Zukunft des Buchs?

Gleba: Ich glaube an die Kraft des Buchs, den schlagzeilengetriebenen Debatten und immer auf höchster Erregungsstufe ausgetragenen Onlinegefechten etwas entgegenzusetzen. Das ist heute wichtiger denn je. Andererseits steht das Buch in Konkurrenz zu oft kostenlosen Medienangeboten. Und die großen Onlineplattformen wie Amazon und Google erweitern laufend ihr Portfolio. Deshalb müssen wir die Bücher mit den Autoren noch besser machen und die richtige Ansprache an die Leser finden.

Helge Malchow war ja mit Frank Schätzing bei dessen Recherchen im Silicon Valley. Pflegen Sie ähnlich enge Verbindungen zu Autoren?

Gleba: Ja, einige. So begleite ich Sibylle Berg seit Jahren, die jetzt erfreulicherweise im ersten Programm, das ich verantworte, zu uns zurückkommt. Ich habe auch intensiven Kontakt mit unseren internationalen Autoren wie Jonathan Safran Foer, Dave Eggers oder Don DeLillo, mit denen ich mich auch immer schon über ihre entstehenden Werke austausche.

Woran wird man in ein paar Jahren am ehesten Ihre Handschrift erkennen?

Gleba: Einmal ist es mein Ziel, dass uns alle Autoren, die bisher bei Kiepenheuer & Witsch schreiben, treu bleiben. Darüber hinaus möchte ich neue Akzente setzen, die ich aber jetzt nicht großsprecherisch als Strategiewechsel ankündigen möchte. Wir planen eine neue Reihe, über die ich noch nicht sprechen kann, und ich werde mich weiter dafür einsetzen, dass wir wichtige Autorinnen und Autoren gewinnen und an uns binden und mit Mut und Phantasie neue Felder erschließen, in der Literatur wie im Sachbuch.