"Die Niere" von Stefan Vögel

Contra-Kreis-Theater zeigt anspruchsvolle Komödie

BONN. Das Bonner Contra-Kreis-Theater inszeniert eine anspruchsvolle Komödie von Stefan Vögel. Premiere ist am 21. Februar. Ein Besuch bei den Proben.

Diana und Kathrin stehen draußen auf dem Balkon und unterhalten sich angeregt. Arnold bringt derweil Kuchen ins Wohnzimmer. Vor ihm steht sein Freund Götz. Der Dialog der beiden Männer hat es in sich: „Wahrscheinlich spendest du Kathrin deine Niere nur, um sie ins Bett zu kriegen“, ätzt Arnold, immerhin Kathrins Ehemann. „Das ist doch absurd“, kontert Götz, „wer will schon mit seiner eigenen Niere schlafen.“

Die beiden Ehefrauen kehren vom Balkon zurück. „Was habt Ihr da draußen so lange gequatscht?“, fragt Arnold genervt. „Ein wichtiges Thema“, entgegnet Diana und wendet sich Ihrem Gatten Götz zu: „Ich finde nämlich, dass ich als deine Frau ein Wörtchen mitzureden habe, ob sich mein Mann einen Teil seines eigenen Körpers rausschneiden lässt.“ Götz schaut verständnislos. „Und was“, insistiert Diana, „wenn ich eines Tages ebenfalls eine Niereninsuffizienz entwickle, und du hast dann nur noch eine Niere übrig?“ Götz schüttelt den Kopf: „Das ist unwahrscheinlich, außerdem hast du eine andere Blutgruppe.“

„Sehr schön“, ruft Lajos Wenzel in die Runde. „Lasst uns die Szene trotzdem noch mal wiederholen.“ Es ist 10.30 Uhr am Montag dieser Woche. Der Regisseur Wenzel trifft sich mit den Schauspielern Rudolf Kowalski, Eva Scheurer, Tina Seydel und Marko Pustišek im Bonner Contra-Kreis-Theater zur Probe für das Stück „Die Niere“. Die Komödie von Stefan Vögel steht vom 21. Februar bis zum 21. April auf dem Spielplan.

Der Name des österreichischen Autors hat einen guten Klang in Bonn. Vor fünf Jahren produzierte das Contra-Kreis-Theater Vögels Multi-Kulti-Stück „Achtung deutsch!“. Gleich zwei Spielserien waren ausverkauft, man ging damit auf Deutschlandtournee und erhielt bei den Privattheatertagen in Hamburg den Monica-Bleibtreu-Preis für die beste Produktion in der Kategorie Komödie.

Das beleibt im Gedächtnis – und generiert ein stabiles Grundvertrauen, wenn derselbe Autor plötzlich mit dem Thema Organspende um die Ecke kommt. Kann, darf Boulevard das? Nun, Boulevard tut einfach und folgt zunächst den humorerprobten Leitplanken des Genres. Es darf geschmunzelt und gelacht werden, wenn der Architekt Arnold (Rudolf Kowalski) die Sektkorken knallen lässt, weil er mitten in Paris ein schickes Hochhaus in den Himmel bauen darf. Mit Gattin Kathrin (Eva Scheurer) und dem Ehepaar Diana (Tina Seydel) und Götz (Marko Pustišek) will Arnold feiern. Doch dann ist erst mal Schluss mit lustig: Kathrin berichtet, dass man bei ihr eine Niereninsuffizienz festgestellt hat. Heißt: Kathrin benötigt eine Spenderniere. Nach dem ersten Akt sind alle Personen und Problemfelder klar definiert.

Spontane Glücksmomente

„Das Stück folgt dem klassischen Dramenaufbau“, sagt Regisseur Wenzel völlig losgelöst vom emotionalen Sprengstoff des Stückes. Auf dem Probeplan an diesem Montag steht der zweite Akt, erste Szene. Also auf ein Neues. „Außerdem hast du eine andere Blutgruppe“, wiederholt Marko Pustišek seinen Satz als potenzieller Nierenspender Götz. Seine Frau Diana wendet sich ihrer Freundin zu: „Kathrin, ich muss dich bitten, die Niere meines Mannes abzulehnen.“ Der Spender regiert eingeschnappt: „Wer sagt denn, dass ich sie noch hergebe“, sagt Götz. „Auch eine Niere hat ihren Stolz!“ Alle lachen, obwohl das nicht als Anweisung im Textbuch steht. Ein spontaner Reflex. Auch der Regisseur grinst sich in die Faust.

Der spontane Glücksmoment ist ein gutes Zeichen: Wenn schon die Künstler bei den Proben ihren Spaß haben, wird dieser Stoff wohl auch vor Publikum als Komödie funktionieren. Zumal sich in dieser Personenkonstellation die Widersprüchlichkeiten des Alltags vorzüglich spiegeln lassen: Zwei Paare aus der besseren Gesellschaft formulieren hehre Lebensweisheiten – und geraten mit ihren Argumentationsketten schnell in Schieflage, wenn es darum geht, Theorie in Praxis umzusetzen. Niere spenden – ja. Aber ausgerechnet ich?

Das Stück hält einige überraschende Wendungen bereit. Die Schauspieler halten sich beim GA-Gespräch jedoch vornehm zurück. Bitte nicht zu viel verraten, so der Wunsch. Eva Scheurer kreist das Erfolgsrezept des Stückes vorsichtig ein: „Entscheidend ist die Balance zwischen dem ernsten Anlass und der Reaktion der einzelnen Personen“, sagt sie. „Die Komik entsteht gerade durch die Ernsthaftigkeit“, betont Marko Pustišek. „Ich kenne keine gute Komödie, die nicht ein ernsthaftes Thema hätte.“

Tina Seydel schätzt es, wenn ein Textbuch auch Freiräume zulässt: „Man sollte nicht ausschließlich auf die geschrieben Pointen hinarbeiten, sondern auch zulassen, wenn sich witzige Situationen ergeben, die jeder Besucher aus seinem Alltag kennt.“ Die intime Nähe im Contra-Kreis spielt dabei immer eine Rolle. „Es ist das einzige Theater, bei dem man darauf achten muss, den Zuschauern nicht auf die Füße zu treten“, weiß Rudolf Kowalski.

Klar ist: Die Besetzung passt. Tina Seydel hat in TV-Serien wie „Pastewka“, „Tatort“ und „Marie Brand“ mitgewirkt, im Contra-Kreis stand sie mit Tom Gerhardt in „Dinner für Spinner“ auf der Bühne. Marko Pustišek spielte neben Jochen Busse im Publikumserfolg „Der Pantoffel-Panther“. Eva Scheurer („Die Anrheiner“, „Kommissar Stolberg“) und Rudolf Kowalski („Loriot“, „Bella Block“, „Der Junge muss an die frische Luft“) sind auch im echten Leben ein Ehepaar. Der gemeinsame Wohnsitz Sankt Augustin garantiert ihnen eine kurze Anreise zum Arbeitsplatz. Bei mehr als 50 Vorstellungen ab dem kommenden Donnerstag ist das sicherlich von Vorteil.