Hilfe für betroffene Theater

Broschüre gibt Tipps für Umgang mit Rechtspopulisten

Berlin. Theater in Berlin, Hamburg und anderen deutschen Städten werden immer öfter Opfer von Störungen und Hassmails von rechter oder rechtspopulistischer Seite. Eine Broschüre gibt Tipps zur Gegenwehr.

Ein Angriff von rechts auf die Kultur geht zum Beispiel so: Bei einer Diskussion über sexuelle Übergriffe in der Filmbranche in Berlin springen plötzlich junge Frauen auf, die sich ins Publikum gemischt haben. Sie werfen kleine Plastiksender auf den Boden, die einen hohen Störton ausstoßen und entrollen ein Transparent. Schon ist aus einer Veranstaltung über die Selbstbehauptung von Frauen ein Auftritt der rechten Identitären Bewegung geworden, denn berichtet wird hinterher vor allem über die Störaktion.

Auch Theater etwa in Berlin und Hamburg berichten über Störaktionen, Hassmails, Einschüchterungsversuche oder müssen erleben, wie Inszenierungen von rechten Gruppen gekapert werden. Andere Künstler müssen die Kunstfreiheit vor Gericht verteidigen. Falk Richter etwa, der an der Schaubühne in Berlin das Stück „Fear“ herausbrachte, in dem es unter anderem um den Jargon der Neuen Rechten geht. AfD-Politikerin Beatrix von Storch klagte gegen das Stück, da Fotos von ihr verwendet wurden, blieb aber erfolglos.

Auch mit parlamentarischen Mitteln wird um Kultur gekämpft. So stellte etwa die AfD in Brandenburg im Landtag die Anfrage, wie viel Geld das Piccolo-Theater in Cottbus vom Land erhält, nachdem die Jugendbühne ein preisgekröntes Stück zum Thema Migration herausgebracht hatte. „Die AfD will Kunst und Kultur für ihre Vorstellungen von Volk, Heimat und Nation instrumentalisieren“, sagt Manuela Lück, Kulturreferentin der SPD in Sachsen-Anhalt, „da, wo die Partei in Landtagen sitzt, nutzt sie Mittel wie die Kleinen oder Großen Anfragen an die Landesregierung, um öffentliche Förderung infrage zu stellen und Einrichtungen oder Verbänden extreme Positionen zu unterstellen.“

Broschüre mit Tipps für Theater

Damit sich Theater gegen all das wehren können, hat der Verein für Demokratische Kultur in Berlin eine Broschüre herausgebracht, in der Beispiele für Angriffe von rechter oder rechtspopulistischer Seite auf Kultureinrichtungen geschildert und Tipps für den Umgang gegeben werden. Die Hinweise lauten etwa: „Bei tendenziösen Anfragen nicht die Ruhe verlieren“; oder: „Nicht das Wort nehmen lassen.“

Die Broschüre sei aus der Beratungspraxis entstanden, sagt Hamid Mohseni, einer der Autoren. Anfragen von Theatern und freien Gruppen hätten sich gehäuft. „Ziel rechtsextremer und rechtspopulistischer Gruppierungen ist es, die Freiheit im Kunstraum zu nutzen, um extreme Positionen auszusprechen, die auf die Abschaffung der Werte der Aufklärung und der Menschenrechte hinauslaufen“, sagt Mohseni, „sie nutzen die Aufmerksamkeit, die sie bekommen, wenn sie Theater angreifen, inszenieren sich aber selbst als Opfer der Meinungsfreiheit, wenn die Angegriffenen sich gegen beleidigende, pauschalisierende Aussagen wehren.“ Dieser Zirkel aus Diffamierung und Opferinszenierung sei schwer zu durchbrechen. Auch darum gebe es in der Broschüre „Alles nur Theater?“ am Anfang eine Analyse der Strategien des Kulturkampfes von rechts. In einer ersten Auflage wurde in diesem Teil der Broschüre ein Kulturkampf in den Feuilletons beklagt und einem „Zeit“-Redakteur fälschlich unterstellt, er habe die „Erklärung 2018“ gegen Migration unterzeichnet.

In einer neuen Auflage wurde das korrigiert. Doch wurde in der Folge mehr über mangelnde Differenzierung zwischen rechts, rechtspopulistisch und konservativ in der Broschüre diskutiert als über deren Anlass. Die Broschüre verbreite „ein Lagerdenken ganz alter Schule“, hieß es etwa in der „Zeit“. Eine Vorlage für die AfD. Gefragt nach ihrer Einschätzung der Broschüre zitiert die Partei nun die „Zeit“ und nennt die Handreichung für die Theater eine „Kampfschrift gegen die Meinungsfreiheit“. Die Partei habe diesen Kampf aufgenommen und werde davon nicht ablassen, „bis das stickige Klima linker Meinungsdominanz durchlüftet“ sei, so Marc Jongen, kulturpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag. Als kulturpolitische Ziele seiner Partei nennt er neben einem offensiveren Bekenntnis zur deutschen Leitkultur oder dem Aufbrechen einer angeblich auf die Zeit des Nationalsozialismus „enggeführten“ Erinnerungskultur den Kampf gegen den Multikulturalismus. Dieser stelle „kulturfremde Strömungen der einheimischen Kultur“ gleich und relativiere damit deren Wert.

Auf die schriftliche Anfrage, was genau gemeint sei, wenn die AfD fordere, auf deutschen Bühnen sollten klassische deutsche Stücke so inszeniert werden, dass sie „zur Identifikation mit unserem Land“ anregten, antwortet Jongen, eine „missverstandene Auslegung des Theaters als moralische Anstalt“ führe zu einer „zeitgeistigen Überformung vieler klassischer deutscher Theaterstücke“. An den meisten Bühnen würden hauptsächlich Spielformen in der Tradition von Erwin Piscator, Bertolt Brecht und Augusto Boal gezeigt. Bei manchen Regisseuren dränge sich der Eindruck auf, „dass sie Erziehung und Belehrung als Hauptzweck des Theaters“ ansähen.

Das deutsche Theater pauschal als linkslastig zu beschreiben, hält der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins für eine hohle Phrase. „Rechte Kräfte haben ein Problem mit der Freiheit der Kunst“, sagt Marc Grandmontagne. „Sie wollen ihr Weltbild verbreiten und akzeptieren nicht, dass die heutige Gesellschaft viel heterogener geworden ist.“

Schutz der Freiheit

Es sei aber gar nicht die Aufgabe von Theatern, irgendwelche Wahrheiten zu verkünden, sondern Fragen zu stellen und zum Nachdenken anzuregen. Zur Frage, wie die AfD den Theatern „Spielformen“, die ihr vorschweben, nahelegen will, antwortet Jongen nicht.

Schwer zu sagen, ob man die bisherigen Auseinandersetzungen um das Theater bereits „Kulturkampf“ nennen sollte. „Ich denke, mit dem Schutz der Freiheit der Kunst im deutschen Grundgesetz sind wir noch hinreichend gewappnet“, sagt Robert Koall, Chefdramaturg des Düsseldorfer Schauspielhauses. In seiner Zeit am Staatstheater Dresden hat er viele Gespräche mit Menschen aus dem Pegida-Umfeld geführt. „Es gibt keine Pauschalrezepte für den Umgang“, sagt er, „aber wir müssen die Debatten führen.“