Nachfolge von Michelle Cotton

Bonner Kunstverein ist auf Direktorensuche

Bonn. Der Bonner Kunstverein ist auf Direktorensuche. Gerade ist auf der Homepage eine entsprechende Stellenausschreibung erschienen. Gesucht wird ein Nachfolger für Michelle Cotton.

Der Bonner Kunstverein ist auf Direktorensuche. Gerade ist auf der Homepage eine entsprechende Stellenausschreibung erschienen. Direktorin Michelle Cotton postet derweil auf Facebook ihre Ankunft in Luxemburg. Nach nur vier Jahren hat Cotton den Kunstverein verlassen und wechselt als Programmleiterin ans Mudam, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, in Luxemburg. Cotton hat in Bonn ein ambitioniertes Programm gezeigt. In Erinnerung bleibt sicherlich ihre Ausstellung über Künstliche Intelligenz in der Kunst, „The Policeman’s Beard is Half Constructed“, die zu den umfangreichsten Ausstellungen gehört, die der Kunstverein bislang gezeigt hat.

Etlichen Künstlern ermöglichte Cotton ihnen ersten großen Auftritt in Deutschland, etwa Marvin Gaye Chetwynd, Banu Cennetoglu, Nick Relph, Amanda Ross-Ho, Josh Smith, Hayley Tompkins, Fredrik Værslev und Guan Xiao. Meisterhaft gelang es ihr, die Räume am Hochstandenring in Szene zu setzen. Den nicht gänzlich geglückten Versuch einer recht kryptischen Retrospektive unternahm Cotton mit der Schau über den Niederländer Wim T. Schippers. 2019 wurde der Kunstverein mit weiteren 17 Institutionen für den ADKV-Art Cologne Preis nominiert. Sieger wurde der Verein für zeitgenössische Kunst Leipzig.

„Ein ganz fantastisches, abwechslungsreiches Programm“, lobt Hennig Boecker, Erster Vorsitzender des Kunstvereins. „Wir haben uns für Michelle und ihren neuen Job gefreut, man kann ihr nur gratulieren.“ Es ist nicht das erste Mal, dass der Bonner Kunstverein zur Startrampe für eine Karriere wurde: Ex-Direktorin Christina Vègh und die Kuratorinnen Oriane Durand und Fanny Gonella haben sich nach dem Weggang von Bonn durchaus verbessert.

Dass Cottons Wechsel relativ früh kam – vor den angepeilten fünf Jahren – sieht Boecker nicht als Problem: „Es tut uns auch konzeptionell gut, wenn es bei den Stellen eine begrenzte Laufzeit und Wechsel gibt“, sagt er und freut sich auf neue Impulse.

Wunschliste des Vorstands

Der Vorstand sucht nun als Nachfolge der Direktorin „eine in der zeitgenössischen Kunstwelt gut vernetzte Persönlichkeit mit einer ausgewiesenen Expertise in der Ausstellung und Vermittlung wegweisender Positionen in der Gegenwartskunst“, wie es in der Ausschreibung heißt. Gewünscht werde ein Direktor, eine Direktorin, der, die „ein autarkes und innovatives künstlerisches Programm verantworten kann, welches unserem Anspruch nach überregionaler und internationaler Sichtbarkeit nachkommt“.

Der Vorstand wünscht sich „eine funktionierende und effektive Administration, die im direkten Verantwortungsbereich“ der zukünftigen Leitung des Kunstvereins liegt. Ferner stehen Organisations- und Kommunikationsgeschick, Erfahrungen in der Mitarbeiterführung, im Fundraising, in der Budgetplanung sowie im kulturpolitischen Dialog, schließlich „profunde Deutschkenntnisse in geschriebener und mündlicher Form“ auf dem Wunschzettel des Vereinsvorstands.

Wer will, kann aus diesem Anforderungsprofil auch Defizite der scheidenden Amtsinhaberin herauslesen. Ihre Bonner Zeit war von einer extremen Bonnferne geprägt. So richtig ist die Britin mit den rudimentären Deutschkenntnissen nie am Hochstadenring angekommen. Anders als ihre Vorgängerinnen Christina Vègh, Annelie Pohlen und Margarethe Jochimsen hat Cotton kaum Kontakt zur lokalen Szene aufgenommen, hat auch kaum mit hiesigen Institutionen kooperiert. Dass sie sich programmatisch nicht in die Videonale einklinkte, löste Verwunderung aus – seit der 3. Videonale war der Bonner Kunstverein Gastgeber des Festivals gewesen, 2004 wechselte die Videonale ins Kunstmuseum, der Kunstverein blieb ihr aber verbunden. Die insbesondere unter Christina Vègh betriebene auch programmatische Öffnung des Kunstvereins nach außen – mit Konzerten, Vorträgen und Lesungen – wurde in der Ära Cotton stark zurückgefahren. Von lokalen Programmen wie „Bon direct“ – einst von Annelie Pohlen ins Leben gerufen – hielt Cotton nichts. Ebenso wenig von einer personellen Kontinuität: Selten war so viel Fluktuation wie unter der Britin.

Die Bilanz ist künstlerisch mitunter exzellent, aber sonst durchaus durchwachsen. Bis zur Entscheidung über eine neue Leitung führt Susanne Mierzwiak interimistisch den Verein. Ihr assistiert Maximilian Rauschenbach, bis vor kurzem Volontär am Kunstmuseum Bonn und derzeit mit der Digitalisierung der Videos aus der Schenkung Oppenheim betraut.

Ausstellung zum Beethovenjahr

Cottons Programm wird noch bis Ende April 2020 laufen. Zu den kommenden Ausstellungen gehört eine internationale Überblicksausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem Kölnischen Kunstverein und dem Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, erarbeitet und im Herbst 2019 eröffnet wird. Cottons letzte Ausstellung wird eine Neuproduktion des Künstlers Jeremy Deller sein, die anlässlich Ludwig van Beethovens 250. Geburtstages in Bonn realisiert wird.

Cottons neues Wirkungsfeld liegt in Luxemburg, im Finanzviertel Kirchberg, wo 2006 das Museum Mudam des Architekten I.M. Pei (100 Millionen Euro) eröffnet wurde. Im vergangenen Jahr hatte das auf zeitgenössische Kunst abonnierte und mit 8,06 Millionen Euro finanzierte Haus 133 500 Besucher. Seit Ende 2017 ist die Australierin Suzanne Cotter Chefin des Mudam und Nachfolgerin des im Zuge der „Lunghi Affäre“ zurückgetretenen Enrico Lunghi. Er soll bei einem Interview mit einer Journalistin handgreiflich geworden sein, berichteten damals das „Tagblatt“ und „L'Essentiel“.

Auch Cotter ist nicht unumstritten. Anfang dieses Jahres protestierten die Mitarbeiter in einem offenen Brief: „Das Team ist erschöpft.“ Chefin Cotter sprach von einer schwierigen „Transitionsphase“, gelobte Besserung und schuf jetzt sechs neue Stellen, berichtete das „Tagblatt“ Mitte März.

Eine davon geht nun offenbar an Cotton. Boecker hofft, bis September eine Nachfolge vorstellen zu können. Ob sich der Vorstand wie bei der Cotton-Wahl externen Beistand holt, ist noch nicht ausdiskutiert. Mit einem Problem muss sich der Nachfolger oder die Nachfolgerin aber herumschlagen: „Es ist ein extrem hartes Business“, warnt Boecker und verweist auf einen seit 14 Jahren stagnierenden Zuschuss der Stadt, der vollständig in die Infrastruktur fließt. Für jede Ausstellung müssen Drittmittel eingeworben werden.