Ein Stück Zuhause

Bonner Fotografen bilden ihre Heimat ab

Bonn. Helmut Reinelt und Axel Thünker sind Fotografen. Gerne fotografieren sie ihre Heimat. Die neuen Bilder von Reinelt werden aktuell in der Talstation der Drachenfelsbahn ausgestellt.

"Heimatfotograf“ nennt sich der Oberstorfer Stefan Lindauer auf seiner Homepage. Sein Kollege Horst Götzl aus Schongau bezeichnet sich als „Der Heimatfotograf“. Lindauer feiert seine Heimat Oberstorf und Umgebung mit geradezu dramatischen, bisweilen düsteren, bedrohlich bewölkten Landschaftsaufnahmen, die an Bilder der Romantik erinnern. Großes Heimatkino. Götzl fängt in der Serie „Land und Leute“ charakteristische Ansichten und Menschen seiner Heimat ein. „Schlaflos“ nennt sich eine Bilderreihe, in der die Landschaft in der Dämmerung und Nachts eine ganz ungewohnte Farbigkeit und Stimmung bekommt.

Die Erfassung der Heimat mit der Kamera scheint ein Grundbedürfnis zu sein, hat eine Geschichte, ist bei Amateuren, die ihre Impressionen und Selfies mit Landschaft posten ebenso verbreitet wie bei Fotoprofis, die das Phänomen Heimat unter künstlerischen Aspekten analysieren und mit unterschiedlichen Konzepten bearbeiten.

„Niemandsland“ hat etwa der Bad Honnefer Fotograf Helmut Reinelt seine neuen Fotos genannt, die gegenwärtig in der Talstation der Drachenfelsbahn in Königswinter ausgestellt werden. Er entzieht seiner gewohnten Umgebung alle Bestandteile, die der Mensch hinzugefügt hat, lässt sie rein und ursprünglich – und damit fremd wirken. Am Computer wird alles, was nach Zivilisation aussieht, was von Menschenhand hinzugefügt wurde, getilgt. Die reine, durch den Gang der Zeit geformte Landschaft bleibt übrig. Ist das noch Heimat? Eine spannende Frage, die auch Reinelt, der höchst fasziniert von dem visuellen Experiment ist, nicht so leicht beantworten kann.

"Wo ich mich zuhause fühle"

Für Reinelt ist Heimat „etwas, wo ich hingehöre, das mit meiner Herkunft zu tun hat, wo ich mich zu Hause fühle“. Damit hat er seine unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht. Er ist in Bonn geboren, ist im Siebengebirge und in Graurheindorf aufgewachsen. Zum Fotografiestudium ging es nach München. „Fünf Jahre habe ich es dort ausgehalten“, erzählt er, „habe in Bayern viele Kölner, Rheinländer kennengelernt – das war ein Stück Zuhause –, und ich habe gemerkt, dass ich ins Rheinland gehöre“.

Also ging es zurück nach Ittenbach, seit 1988 lebt Reinelt in Bad Honnef. Er war für verschiedene TV-Sender in aller Welt, hat überlegt, ob er auch woanders leben könnte. „Aber Bonn, das Siebengebirge, der Rhein sind meine Heimat.“ Hier blickt er „mit besonderem Auge“ auf die Leute, auf die Natur. „Ich versuche, in meinen Bildern, Ursprüngliches wiederzufinden“, sagt er, „was ist das für eine Landschaft, lässt sie sich mit anderen vergleichen?“ Indem er die Landschaft auf ihre tatsächliche Morphologie reduziert, kommt er ihr näher, entdeckt er sie neu.

Mit fantastischen Bildern vom Rhein im Dunstkreis von Bonn, vom Siebengebirge und aus der Eifel glänzt der Fotograf Axel Thünker. Seine Motivation: „In erster Linie meine Umgebung zu sehen.“ Sein Problem: Er kennt die Region nur allzu gut. Fasziniert blickte er auf die amerikanische Westküstenfotografie als Inspirationsquelle – „die Fotografen haben dort größere Möglichkeiten als in Eifel oder Siebengebirge“, erklärt er. Er unternahm eine Rundreise durch die USA, um dem Phänomen nachzugehen – und sich letztlich einzugestehen, dass man dort viel mehr findet als hier am Rhein.

Wichtig ist der erste Kontakt

Allerdings widerlegen das seine Fotos aus der Eifel und der Bonner Region: Welche Farben und Formationen er hier entdeckt, welche Stimmungen, geologische und topografische Besonderheiten, man erkennt Naturphänomene, bizarre Steine und urwüchsige Vegetation. Wichtig sei der „erste Kontakt“, der unmittelbare Zugriff. Den hatte er an der Westküste der USA – weil er sie nicht kannte. Den hat er in seiner rheinischen Heimat nicht hingekriegt, weil er sie zu gut kennt.

Und trotzdem sei es spannend, das Besondere im Gewohnten zu entdecken. Und Thünkers Fotos vermitteln diese Faszination. „Ich mag die Einsamkeit der Eifel, die Natürlichkeit, die sich dort erhalten hat, die man besonders als Städter erleben kann“, sagt er, der lange in der Eifel lebte, seine Schulzeit in Rheinbach verbracht hat. Seine Fotos seien übrigens unbearbeitet, sagt er, „ich mache nur das, was man bei einem analogen Foto auch machen würde“.

Vier Meter breit etwa ist seine Panorama-Ansicht vom Siebengebirge, das seit der Wiedereröffnung des Siebengebirgsmuseums in Königswinter als Großdia die Besucher empfängt. Vom Rodderberg aus schoss er das Panoramafoto – es ist aus über 50 Einzelaufnahmen am Computer zusammengesetzt, wie er dem General-Anzeiger bei der Vorstellung des Riesenwerks vor sechs Jahren verriet. „Ich habe nur an Helligkeit und Kontrast geschraubt“, räumte er damals ein.

Naturraum Siebengebirge

Thünker, der in Erftstadt-Gymnich geboren ist, in Rheinbach aufwuchs, dann in Münstereifel lebte und jetzt in Bonn wohnt, empfindet den Lebensraum der nördlichen und mittleren Eifel als viel sanfter als den „mächtigen Naturraum“ Siebengebirge. Und er macht sich Gedanken, wie diese Unterschiede das Lebensgefühl verändern und prägen. „Man muss die Geschichte der Landschaft lesen können“, sagt er. In faszinierenden Bilderserien hat Thünker vorgemacht, wie man die so unterschiedliche Landschaft in der Tat in ihrem ganzen Reichtum lesen und begreifen kann. „Man muss sich lange damit beschäftigen.“

Wie mit dem Begriff der Heimat, der sich, so Thünker, sehr stark verändert habe. Heimat könne man auch verlieren, wie die aktuelle Flüchtlingsthematik zeige. Für Thünker ist Heimat „der Ort, der Raum, in dem mein Leben in allen Facetten stattfindet, zu dem ich zurückkehre, um immer wieder neu zu starten“. Heimat habe etwas mit Wohlfühlen zu tun.