Bonner Theaternacht

Bonn macht Theater

BONN. Bei der Theaternacht am 24. Mai demonstriert die Bonner Kultur ihre enorme Kreativität. Gespielt wird auch an recht ungewöhnlichen Orten.

Mitten im Raum ist ein Schwarzes Loch. Eines, das zwar keine Materie oder Licht schluckt, wohl aber Schall. Hohe Töne, um genau zu sein. Alles klingt hier dumpfer, so als ob der Kopf in Watte gepackt wäre. Ein ebenso faszinierendes wie irritierendes Gefühl. „Toll, nicht?“, sagt Monika Osterheld und lacht. Die Hausherrin der ehemaligen Zentrifuge im Garten des Hauses der Luft- und Raumfahrt in der Godesberger Allee hat sichtlich Spaß daran, die Eigenheiten des kreisrunden Saales zu präsentieren, der erstmals auch während der Theaternacht seine Pforten öffnen wird.

„Wenn wir hier Veranstaltungen haben, achten wir natürlich darauf. In der Mitte werden wir auf keinen Fall bestuhlen. Aber ansonsten ist der Klang großartig“, sagt Monika Osterheld und ergänzt: „Wir hatten hier mal einen Gesangs-Workshop mit Ingeborg Danz, der eigentlich oben im Haus stattfinden sollte – aber alle Sänger wollten hier in der Zentrifuge singen, weil die Akustik einzigartig ist.“

Schon immer hat die Theaternacht die Gelegenheit geboten, neben den gewohnten Spielstätten zum Teil ungewöhnliche Orte für Schauspiel und Musik kennenzulernen. Doch in diesem Jahr liegt dank Magdalena Bahr auf diesem Aspekt ein besonderer Fokus.

Die 42-jährige Kulturmanagerin, die im Auftrag der Theatergemeinde Bonn erstmals das große Schaulaufen der lokalen Ensembles aus fester und freier Szene organisiert, liebt die Geschichten, die sich hinter so manchen Mauern verbergen. „Für mich bedeutet die Theaternacht auch, neue Erfahrungen zu machen“, sagt sie, während wir zusammen eine kleine Tour zu ein paar ganz besonderen Bühnen machen. „Die Ensembles und Häuser können neue Formate ausprobieren, während das Publikum hoffentlich neugierig genug ist, um auf Entdeckungsreise zu gehen.“

Und wer kann sich schon einer Zentrifuge entziehen, in der einst die ersten Beschleunigungsversuche mit deutschen Astronauten durchgeführt wurden? Sicherlich nicht das Ensemble Déjà Vu, das dort mit der Borsalino Street Band eine Art Revue auf die Beine stellen wird. „Wir wollten nach zwei ernsteren Produktionen mal etwas Komödiantisches machen“, erklärt Regisseur Achim Haag.

„Ein Freund kam dann mit der Idee für 'Hut ist Hut' an und hatte auch gleich diesen Ort als Proberaum im Kopf. Wir haben hier in der Villa und in der Zentrifuge so viele Möglichkeiten und schon einige Ideen für die Zukunft.“ Monika Osterheld lacht da nur. „Ja. Das Ziel von mir und meinem Mann ist es immerhin, das Haus aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Und das geht am besten mit Kultur.“

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Jörg Michael Pradler, Besitzer der NAFAB-Foams-Fabrik in Beuel. Unter den Fertigungsanlagen, die Modell- und Bauschaum herstellen und formen, will er eine Halle für Rock und Metal öffnen.

Zumindest während der Theaternacht – dann wird Schauspieler Hanno Friedrich aus den Autobiografien von Ozzy Osborne oder Peter „The Cat“ Criss (KISS) lesen und dabei von Gitarrist Nicolas Trznadel entsprechend begleitet werden.

„Ich habe die Fabrik vor zwei Jahren gekauft und möchte sie einfach ein wenig beleben“, sagt Pradler. „Der Skulpteur Rudolf Hürth nutzt unsere Materialien, die zum Teil auch beim Bühnenbau zum Einsatz kommen. Mit ihm hatten wir im Januar eine Ausstellung, die gewissermaßen ein Testlauf war. Bei der Theaternacht wollen wir ausprobieren, was noch so möglich ist.“

Das Areal bietet auf jeden Fall genug Möglichkeiten. Mitten im Industriegebiet Beuel gelegen, etwa zehn Fußminuten vom Pantheon und vielleicht zwölf vom Bahnhof entfernt stört sich hier keiner an lauter Musik. Eigentlich ideal, findet auch Magdalena Bahr. „Ich komme ursprünglich aus Berlin, da haben wir auch solche alten Fabriken, die sich hervorragend für bestimmte Veranstaltungen eignen.“ Bahr findet es „großartig, wenn solche Räume geöffnet werden – davon profitieren Künstler, Publikum und Besitzer.“

So sieht es auch Pradler. „Ich muss natürlich ein paar Mitarbeiter vor Ort haben, die dafür Sorge tragen, dass nichts passiert. Als ich von der Idee für die Theaternacht erzählte, haben sich einige sofort gemeldet und zugesagt. Die waren begeistert von der Aktion, weil sie so etwas gar nicht erwartet hätten. Das hilft also letztlich auch dem Betriebsklima.“

Manchmal braucht es einfach nicht viel, um etwas Besonderes zu schaffen. Das Team des Euro Theater Central hat dies längst perfektioniert, ihr Speed Acting etwa ist bei jeder Theaternacht ein absoluter Zuschauermagnet. „Im Schnitt schleusen wir rund 750 Gäste durch unser Haus“, erzählt Theaterleiterin Ulrike Fischer. „Diesmal haben wir noch ein exklusives Sahnehäubchen.“

Runter geht’s, in den Keller und dann noch ein bisschen tiefer. „Vorsicht bei den Stufen“, warnt Fischer. „Bei der Theaternacht werden wir wahrscheinlich alle, die ins Gewölbe wollen, vor der Tür sammeln und dann gemeinsam nach unten führen.“

20 Menschen finden im Tiefkeller mit den alten Kohlenschächten Platz, in dem bislang noch ein paar Regale und Kisten stehen. „Normalerweise ist dieser Raum nicht öffentlich zugänglich, obwohl er für Theater durchaus dankbar ist“, sagt Fischer. Aber das macht letztlich den Reiz aus.

„Für mich ist dieses Experimentieren mit Räumen und Genres, das Künstler und Publikum auf intensive Weise miteinander in Kontakt bringt, etwas Wunderbares“, sagt auch Magdalena Bahr. Deshalb habe sie auch sofort zugesagt, als Elisabeth Einecke-Klövekorn, die Vorsitzende der Theatergemeinde Bonn, sie im November anrief und fragte, ob Bahr sich die Organisation der Theaternacht vorstellen könnte, da das Theater Bonn dies nicht mehr leisten könne.

„So ein Riesenprojekt, das in relativ kurzer Zeit übernommen werden musste, war eine ziemliche Herausforderung. Aber zum Glück haben die Ensembles, Theater und Partner alle Kräfte mobilisiert, so dass wir in tolles Programm auf die Beine stellen konnten. Wir können daher einmal mehr zeigen, dass die Kultur in Bonn pulsiert.“

Vor allem, wenn man die Augen offen hält und abseits der gewohnten Pfade wandelt.