Musikalischer Botschafter aus Bonn

Beethoven swingt in Honduras

Der Bonner Pianist Marcus Schinkel mit dem Youthorchestra Victoriano López aus Honduras.

Der Bonner Pianist Marcus Schinkel mit dem Youthorchestra Victoriano López aus Honduras.

Honduras/Bonn. Der Bonner Jazz- und Crossover-Pianist Marcus Schinkel in musikalischer Mission in Mittelamerika.

Der Es-Dur-Dreiklang, den das Youthorchestra Victoriano López aus Honduras intoniert, klingt überaus vertraut. Mit ihm beginnt das fünfte Klavierkonzert Ludwig van Beethovens. Doch wenn der Bonner Pianist Marcus Schinkel in die Tasten des Yamaha-Flügels greift, ist plötzlich alles anders. Der Orchesterakkord ist noch nicht ganz verklungen, da hebt er am Klavier an zu präludieren – hörbar ohne viel Rücksicht auf die von Beethovens Hand geschriebenen Noten zu nehmen. Denn Schinkel ist Jazzmusiker und hat Beethovens Partituren schon ein ums andere mal fantasievoll in improvisatorischer Manier variiert. Und so entfaltet er frei seine musikalischen Ideen, lässt Beethoven swingen oder bringt das Konzert mit Latin-Rhythmen gleichsam zum Tanzen, während die jungen Musiker originalen Beethoven spielen. Hörbar mit nicht weniger Leidenschaft und Feuer als der Mann am Klavier. Man kann das in Ausschnitten auf Youtube anschauen.

Schinkel hatte es im vergangenen Oktober auf Einladung der Deutschen Botschaft für einige Konzerte und einen Meisterkurs nach Honduras verschlagen. „Ich habe da mit den Schülern der Escuela de Musica San Pedro Sula gearbeitet“, berichtet Schinkel nach seiner Rückkehr. Die „Escuela de Musica“ ist weniger eine Musikschule, wie man sie in Deutschland kennt, sondern eine weiterführende Schule mit musikalischem Schwerpunkt. Klingt fast ein wenig nach Luxus für ein Land, das als das ärmste Mittelamerikas gilt. Doch in Honduras legt die Regierung großen Wert auf Bildung. Mit einem Anteil von etwa 20 Prozent sind die Ausgaben für Erziehung und Bildung der größte Einzelposten im Staatshaushalt von Honduras. Die Kinder und Jugendlichen tragen Schuluniform und halten sich von sieben bis 19 Uhr in der Schule auf. „Sie sind von der Straße herunter und haben gar keine Zeit, mit Drogen in Berührung zu kommen oder in die Kriminalität abzurutschen“, sagt Schinkel. Der Schulleiter und Dirigent Daniel Montes ist ein Idealist, der sich mit großem Engagement für die Kinder einsetzt. Ein Idealzustand, der aber nicht die Regel im Land ist. Es gibt Erhebungen, wonach trotz aller Bemühungen der Regierung nicht einmal die Hälfte aller Kinder in Honduras die Grundschule abschließt.

Für Schinkel war die Reise nach San Pedro Sula ein echtes Abenteuer. Weniger wegen der hohen Kriminalitätsrate, die in der zweitgrößten Stadt des Landes herrscht. „Wenn man sich an ein paar Regeln hält, kann man sich dort relativ sicher bewegen“, hat er erfahren. Das Abenteuer bestand vielmehr in der Begegnung mit der Musik und den vielen jungen Musikern. „Ich wollte natürlich auch gern die Clubs der Stadt kennenlernen“, erzählt Schinkel, „und habe es auch getan. Natürlich mit ortskundiger Begleitung. Wir waren eine ganze Nacht unterwegs, was wirklich zu ganz wunderbaren Begegnungen mit vielen Musikern und Künstlern geführt hat.“ Auch im Umland, wo er ebenfalls einige Konzerte gab, kam es zu vielen Begegnungen, und sogar zu einem gemeinsamen Auftritt mit der Rockband Los Rockets, mit der Schinkel dann Stücke von Pink Floyd gespielt hat.

Ein junger Konrabassist erlebt seinen ersten Auftritt als Jazz-Musiker

Der eigentliche Zweck der Reise war freilich, in der ungewöhnlichen Doppelfunktion als Jazzmusiker und Botschafter Beethovens in der Schule von San Pedro Sula zu wirken. Er arbeitete nicht nur mit dem Orchester zusammen, sondern gab einen Jazz-Meisterkurs für Klavierschüler, deren Niveau sehr breit gefächert war. Die Jugendlichen sollten lernen, sich zu trauen, frei zu musizieren. Das vermittelte der Bonner nicht nur Pianisten, sondern auch anderen jungen Musiktalenten. „Ich habe da einen 22-jährigen Kontrabassisten kennengelernt, der noch nie Jazz gespielt hatte“, erzählt Schinkel. Aber das große Potenzial sei unüberhörbar gewesen. „Ich habe ihm dann Dateien mit Aufnahmen unter anderem vom Esbjörn Svensson Trio mit dem Bassisten Dan Berglund gegeben, die er sich anhören sollte.“ Wenig später stand der junge Ismael mit seinem ersten Jazz-Solo auf der Bühne und improvisierte, begleitet von Schinkel am Piano, über Beethovens Musik zu Schillers Ode „An die Freude“ aus der neunten Sinfonie.

Eines der Konzerte, die Schinkel in Honduras gab, spielte er vor dem aktuellen Präsidenten Juan Orlando Hernández. Dass der Politiker den Auftritt gleich für Wahlkampfzwecke ausnutzte, nimmt Schinkel einigermaßen gelassen. „Er hat mich gleich sozusagen zum Mitglied der deutschen Botschaft befördert, um sagen zu können: Auch Deutschland unterstützt mich!“

Die Arbeit mit dem Orchester indes beschränkte sich nicht nur auf das fünfte Klavierkonzert, aus dem sie den ersten Satz spielten. Auch Noten der ersten und siebten Sinfonie lagen auf den Pulten. „Das langsame Allegretto aus der siebten Sinfonie eignet sich besonders gut, um darüber zu improvisieren“, findet der Bonner Jazzer. Und während die Musiker die fein gesponnenen Melodielinien des Satzes zu entfalten beginnen, legt Schinkel glitzernde Tonperlen darüber. „Ich habe ihnen gesagt, sie sollen das Motiv einfach mal synkopisch spielen“, erzählt Schinkel. Und dann stellt Schinkel beglückt fest, dass der alte Ludwig regelrecht zu swingen begann.