Ganz schön schräg

Bahn will in Berlin atonaler Musik gegen Junkies einsetzen

An der U-Bahnstation Hermannstraße in Berlin soll demnächst atonale Musik ungebetene Gäste verscheuchen.

An der U-Bahnstation Hermannstraße in Berlin soll demnächst atonale Musik ungebetene Gäste verscheuchen.

Berlin/Bonn. Die Deutsche Bahn will an der Berliner S-Bahnhaltestelle Hermannstraße Obdachlose mit atonaler Musik vergraulen. Eine skandalöse Strategie, findet GA-Redakteur Bernhard Hartmann.

Schönberg-Fans aufgepasst: Die Deutsche Bahn will ab September ihre Gäste in den Eingangsbereichen des Berliner S-Bahnhofs Hermannstraße mit atonaler Musik begrüßen beziehungsweise verabschieden. Endlich mal eine tolle Werbemaßnahme, mögen Freunde avancierterer Musikrichtungen frohlocken, denen die Kaufhausmusik à la James Last Bauchschmerzen bereitet. Doch die musikästhetische Qualitätsoffensive erfolgt nicht aus einer besonderen Liebe zu den Dissonanzen, die vor einem Jahrhundert von der durch Arnold Schönberg begründeten Zweiten Wiener Schule ausging, sondern verfolgt ein profaneres Ziel. Die Dissonanzen, so der Plan der DB-Strategen, sollen verhindern, dass sich Obdachlose, Junkies und Trinker im Bahnhofsbereich für längere Zeit einrichten. „Als Pilotprojekt werden wir ab September diese Bereiche mit sogenannter atonaler Musik beschallen“, sagt Bahnsprecher Burkhart Ahlert.

Der Bahnhof Hermannstraße gilt seit Jahren als krimineller Brennpunkt der Hauptstadt. Jährlich werden dort offiziellen Angaben zufolge 3000 Straftaten begangen. Zudem vermüllen Obdachlose, Junkies und Alkoholiker den Bahnhof und stören häufig die Fahrgäste. Dass die Deutsche Bahn gegen diesen Zustand etwas unternimmt, ist völlig legitim. Dass sie aber Kunst als Psychowaffe gegen die unerwünschten Zeitgenossen einsetzen will, ist eine skandalöse Strategie. Offenbar ist sie dem unsäglichen Klischee aufgesessen, dass atonale Musik zum Davonlaufen sei.

Kein Wunder, dass der in Bonn ansässige Deutsche Musikrat dagegen Sturm läuft. „Dieser Versuch der Instrumentalisierung von Musik im öffentlichen Raum ist unsäglich und bedeutet eine Diskriminierung der Komponistinnen und Komponisten, gleich welche Stilrichtung betroffen ist“, mahnt Generalsekretär Christian Höppner in einer Mitteilung.

Die „Initiative Neue Musik Berlin“ nimmt die Sache hingegen mit Humor und reagiert entsprechend: „Atonale Musik im Alltag? Finden wir wunderbar!“, jubeln sie auf ihrer Homepage. Und wollten gestern den Plan der Bahn mit einer eigenen Aktion ad absurdum führen: „Daher bedanken wir uns herzlich bei der S-Bahn für diesen Impuls und laden direkt zur Auftaktveranstaltung am 24. August ab 19 Uhr am Eingang des S-Bahnhofs Hermannstraße ein. Dort wollen wir mit Essen und Getränken für Obdachlose zusammenkommen, um gemeinsam atonale Musik zu hören oder gar zu spielen.“