Buchbesprechung

Ausweitung der Kampfzone

Streitbar: Der Philosoph Robert Pfaller.

Streitbar: Der Philosoph Robert Pfaller.

Bonn. Der österreichische Philosoph Robert Pfallers macht sich Gedanken über das Verschwinden der „Erwachsenensprache“.

An vielen US-Universitäten erwarten die Studierenden von ihren Dozenten „trigger warnings“, also Hinweise auf womöglich anstößige Textstellen oder Filmszenen. Denn wer unvorbereitet mit solchen Provokationen kollidiere, könne womöglich tiefste Traumata davontragen. Dem österreichischen Philosophen Robert Pfaller geht das zu weit.

In seinem Buch „Erwachsenensprache – Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ sagt er dem Mimosenkult den Kampf an. Und staunt darüber, dass der Wunsch nach „safe places“, überraschungsfreien Komfortzonen, in den Geisteswissenschaften so ausgeprägt sei. Wohingegen jeder Mediziner, der kein Blut sehen kann, gleich weiß, dass er fehl am Platz ist.

Pfaller sieht ein politisches Paradox: Während der Neoliberalismus ein Heer tatsächlich Deklassierter schaffe, während Militäreinsätze im Irak und anderswo „failed states“ mit ständigem Bürgerkrieg hinterließen, packe man das westliche Individuum oder vermeintlich diskriminierte Gruppen in die Watte der „Political Correctness“. Schließlich sei es leichter, das Wort „Neger“ aus europäischen Kinderbüchern zu streichen, als etwas gegen Rohstoffraubbau in Afrika zu tun.

Mag dem Philosophen der Blick auf globale Machtmechanismen eher pauschal geraten, so schaut er umso präziser auf die postmoderne Mentalität. So wunderte er sich, dass er bei einem Flug in die USA vor Besichtigung des (keineswegs pornografischen) Haneke-Films „Amour“ vor „adult language“, Erwachsenensprache, gewarnt wurde. Aber dieser Autor („Wofür es sich zu leben lohnt“) gehört eben auch zu jenen, die es Volljährigen zutrauen, den Zumutungen des Erwachsenseins die Stirn zu bieten.

Ein humorloser Narzissmus, so Pfaller, habe das heutige Individuum infiziert. Früher verdiente man im öffentlichen Raum Respekt für das Hintanstellen des eigenen Selbst. Doch diese „entscheidende Tugend mündiger Bürgerlichkeit“ sei der Dauerpräsentation „vermeintlicher Identitätskostbarkeit und Verletzlichkeit“ gewichen. Die heute inflationären Anlaufstellen für rassistisch oder anderweitig Angegriffene schreiben sich laut Pfaller zwar „diversity“, also Verschiedenheit auf die Fahne, lassen jedoch gegenläufige Argumente partout nicht zu.

Das Buch entstand vor der „#MeToo“-Protestwelle, behandelt aber die in US-Unis inzwischen rigorosen Regeln zur Vermeidung jeder sexuellen „Belästigung“. Es geht dabei nicht um Straftaten wie Vergewaltigung und Nötigung, auch nicht um Machtmissbrauch durch Machos. Sondern um Flirts oder anzügliche Blicke, die schon zu Übergriffen erklärt werden. Mit dieser Kritik an der Ausweitung der Kampfzone in die Alltagserotik ist Pfaller ganz nah bei Catherine Deneuves Ablehnung von „#MeToo“.

Natürlich weiß jeder, dass der Satz „Wollen Sie noch auf einen Kaffee heraufkommen?“ mehr als den Verzehr von Heißgetränken meint. Deshalb sei dies „eine Täuschung ohne Getäuschte“, eine „weiße Lüge“. Letztere habe es in einer Phase schwer, in der Pfaller lustfeindlichen Radikalfeminismus à la Andrea Dworkin imAufwind sieht.

Der Professor an der Kunstuniversität Linz sieht uns zur Zeit in einer Kultur des „Opferseins“, die jeden ermuntere, „kleinste Verletzungen wahrzunehmen und einer größtmöglichen Öffentlichkeit vorzusetzen“. Der Autor plädiert im Gegenzug dafür, die Trennung zwischen privater Person und öffentlicher Rolle wieder einzuführen und dem neuen Puritanismus mit der Frage in den Rücken zu fallen, wofür es sich denn zu leben lohne. Nicht auch für jene Dinge, die im Übermaß gefährlich werden können wie Tabak, Alkohol oder Sex?

Man kann über diese Streitschrift trefflich streiten – aber deshalb befeuert sie genau jene erwachsene Debattenkultur, die die selbst ernannte Political-Correctness-Polizei am liebsten abgeschafft sähe.

Robert Pfaller: Erwachsenensprache – Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Fischer TB, 248 S., 14,99 Euro.