Die Freiheit nimmt er sich

Ausstellung von Heinz-Günter Prager im LVR-Museum

Bonn. Eine Ausstellung von Heinz-Günter Pragers Zeichnungen und Skulpturen der Jahre 1966 bis 2018 ist im Bonner LVR-Landesmuseum zu sehen.

"Skulptur setzt Bewegung in Ruhe", ist ein zentraler Satz im Schaffen des in Köln und der Bretagne lebenden Bildhauers Heinz-Günter Prager. Ein zweiter Satz fiel, als Prager 2001 im Kunstmuseum Bonn mit Arbeiten aus drei Jahrzehnten einen Zwischenbericht seiner Werkentwicklung gab: „Was das Auge erkennt, muss körperlich erlebt sein“ – im Umrunden erkennt man Pragers Kunst. Körperliche Erfahrung, Sensibilität für ruhig gestellte, quasi lauernde Kräfte, ein Auge für Eigendynamik des Materials, sei es Stahl oder Terrakotta: Der Betrachter der Arbeiten des 73-Jährigen wird gefordert, durch gestörte Symme-trien irritiert, mit ruhenden Skulpturen konfrontiert, die so ruhig gar nicht sind.

Etwa Pragers Werk „Achse mit drei Scheiben“, das 1986 vor dem Rheinischen Landesmuseum an der Colmantstraße aufgestellt wurde. Es ist ein Werk, das durch die Anordnung der drei unterschiedlich großen Stahlscheiben, die durch einen Metallstab verbunden sind, buchstäblich schräg wirkt: Das Ganze suggeriert Beweglichkeit, wenn es nicht sogar durch die Schräglage besorgniserregend instabil anmutet.

Im Zuge der 2003 beendeten Umbauarbeiten des LVR-Landesmuseums wurde „Achse mit drei Scheiben“ in den kleinen Skulpturenhof neben dem Neubau verlegt. Gegenwärtig lassen sich von Pragers „Achse mit drei Scheiben“ ausgehende Überlegungen zur Skulptur, zu Bewegung und Ruhe auch in der zweiten Dimension fortsetzen. Das Landesmuseum präsentiert in einer sehr gelungenen Schau Einblicke in das zeichnerische Werk Pragers.

Klassische Studie einer Büste

Von 1966 bis 2018 reicht die zeitliche Bandbreite. Das früheste Blatt vereinigt eine geradezu klassische Studie einer Büste mit der Klärung der zugrunde liegenden geometrischen Form. Als „Kokon“ bezeichnete Prager diese organische Hülle, der er mit unzähligen Skizzen auf den Grund ging. Die Analyse, Erforschung bildet die Grundlage des grafischen Werks. Prager selbst hat seine Zeichnungen auf DIN-A 4-Blättern „mein Labor“ genannt. Es sind Arbeitsmaterialien, mit denen Prager seine dreidimensionalen Werke vorbereitet, deren Volumen, Komposition und Anmutung simuliert.

Die gezeichnete Büstenform ist auf Mehransichtigkeit angelegt, auf Rotation, Bewegung. Schon in den 1970er Jahren experimentierte Prager mit Ellipsen- oder Kreisformen und Schrägen. Linien deuten Möglichkeiten der Bewegung und Positionsveränderung an. Entlang der gezeichneten Achsen sind Veränderungen aller Art denkbar.

Diese Blätter fallen in eine Zeit, als Prager mit dem Villa-Romana-Preis, der ersten Soloschau im Essener Folkwang Museum und der Teilnahme an der Documenta 6 breiter bekannt wurde – was sich in etlichen Ankäufen durch deutsche Museen und Kommunen niederschlug. Wer diese Arbeiten in Berlin und Bonn, Nürnberg und Leverkusen, Duisburg und Marl kennt, wird im zeichnerischen Werk viele Vorstudien und Varianten entdecken.

Doch noch eine weitere Facette lässt sich in den rund hundert Blättern der Bonner Schau kennenlernen: Denn sie sind oftmals keine klassischen, vorbereitenden Werkskizzen aus Pragers „Labor“, sondern mitunter sehr eigenständige, malerisch ungewöhnlich freie Kreationen, die den gewöhnlich mit rostigem Stahl oder hellbraunem, gebrannten Ton arbeitenden Bildhauer als Freund der Farbe outen. Kräftiges Gelb und Rot setzen eigene Akzente, taubenblaue und altrosa Fonds setzen sich gegen die Geometrie der gezeichneten Skulpturen ab. Insbesondere in den letzten Jahren tritt das Grafische zugunsten des malerischen Elements zurück, wobei auch die eigentliche Zeichnung an Schwung und Freiheit zulegt. Hier entfesselt die Zeichnung die durch Skulptur zur Ruhe gekommene Bewegung,

LVR-Landesmuseum Bonn; bis 27. Januar. Di-Fr, So 11-18, Da 13-18 Uhr. Katalog (Distanz Verlag) 32 Euro