Bundeskunsthalle

Ausstellung in Bonn: Wetter ist erlebtes Klima

Bonn. Die Bundeskunsthalle präsentiert mit „Wetterbericht“ die Schau zum Bonner Weltklimagipfel. 400 Exponate kreisen um die Pänomene Wetterkultur und Klimawissenschaft

Wetter sei erlebbares Klima, propagiert die am Freitagabend eröffnete Ausstellung „Wetterbericht“ der Bundeskunsthalle. Patricia Espinosa, Chefin des UN-Klimasekretariats in Bonn, erlebte zum Beispiel, dass sie wegen des Orkantiefs „Xavier“, das sieben Menschen das Leben kostete und verheerende Schäden anrichtete, in Berlin festsaß und nicht zur Pressekonferenz in Bonn erscheinen konnte.

Ihr Pressechef Nick Nuttall übernahm: „Wir leben in einer Welt, in der extreme Wetterlagen zum Normalfall werden“, sagte er. Das müsse nicht zwingend mit dem Klimawandel zusammenhängen, aber die Diskussion darüber würde immer intensiver geführt – im Vorfeld des Weltklimagipfels COP 23 im November in Bonn. Nuttall erinnerte an die aktuelle dramatische Situation in Costa Rica, an die Hurrikan-Schäden in der Karibik.

Gegen die zerstörerischen Kräfte, die Indizien für eine Klimakatastrophe, nimmt sich der Bonner „Wetterbericht“ indes wie ein laues Lüftchen aus. Die Bundeskunsthalle macht gutes Wetter zur Klimaproblematik. Bis auf vereinzelte Hinweise auf den Wandel umkreist die Schau „poetisch, assoziativ, narrativ“, so Hausherr Rein Wolfs, die Phänomene Wetterkultur und Klimawissenschaft.

Die politische Brisanz wird hauptsächlich in den ausgezeichneten Katalog, ins Begleitprogramm und in die ZDF-Dokumentation „Wenn das Klima kippt“ verlagert. ARD-Wettermann Karsten Schwanke muss in der Ausstellung Schmonzetten aus dem „Wörterbuch des deutschen Aberglaubens“ zum Besten geben, statt detailliert zu erklären, wie Wetterlagen mit dem Klimawandel – den es, so manche Stimmen, ja gar nicht gibt – zusammenhängen könnten.

Die Dramaturgie von „Wetterbericht“ funktioniert anders. 400 Exponate, darunter Gemälde und Zeichnungen, wissenschaftliches Gerät und Kultgegenstände, Dokumente und Multimedia-Animationen, ventilieren, was es nach dem Kapitel „Morgendämmerung“ mit Sonne, Luft, Meer, Nebel, Wolken, Regen, Wind sowie Sturm, Gewitter, Schnee und Eis auf sich hat. „Abenddämmerung“, das letzte Kapitel des „Wetterberichts“, ist zwar nicht der erwartete klimatische Showdown, entlässt den Besucher immerhin aber mit einem leicht mulmigen Gefühl.

Partner Deutsches Museum

Die Bundeskunsthalle hat mit ihrem Partner, dem Deutschen Museum in München und seiner Außenstelle in Bonn, faszinierende Exponate zusammengetragen. München hat sich sogar von seiner „Mona Lisa“, den Magdeburger Halbkugeln, getrennt, mit denen Otto von Guericke das Vakuum erforschte. Einzelne, auch die winzigsten Luftpartikel, die Aerosole, lassen sich mit der um 1950 konstruierten Hochvakuumwaage von Sartorius wiegen. Ein feinmechanisches Meisterwerk unter einer Glasglocke.

Wir begegnen in der Schau dem Flugskelett einer Lachmöwe und Regengöttern der Pueblo-Indianer, Alfred Wegeners Brief an Wladimir Köppen von 1931 mit seinen Überlegungen zur Kontinentaldrift und Adi Dasslers Fußballschuhen des Modells „Argentina“ mit Schraubstollen. Beim „Wunder von Bern“ trotzte die deutsche Elf 1954 damit „dem Fritz sei Wetter“. Es gibt auch Verlierer: Eine abgestorbene Elchgeweihkoralle aus der Karibik steht als stumme Zeugin für die zerstörerische Kraft der Erderwärmung im „Wetterbericht“.

Großen Anteil der Schau hat die bildende Kunst. Künstler der vergangenen Jahrhunderte haben die Natur intensiv beobachtet. Insbesondere der Himmel faszinierte Maler von Turner bis Constable und Modersohn. Im Kapitel Wolken, das Beste der Schau, treffen Malerei und die akribischen Studien von Luke Howard aufeinander. Goethe verehrte Howard: „Was sich nicht halten, nicht erreichen lässt, er fasst es an, er hält zuerst es fest.“ Die sinnliche Erfassung der Welt korreliert hier mit deren wissenschaftlicher Erkundung.

Die Schau wird immer turbulenter, sobald sich der Wind zum Gewitter steigert. Und sie wird konfuser. Bisweilen weiß man nicht, wieso welches Exponat hier oder dort auftaucht. Dass es im Winter kalt ist und sich in Japan die Prostituierten warm anziehen müssen, das muss uns nicht erst eine prächtige japanische Seidenmalerei erzählen. Genau daneben hängt die Lederjacke des legendären Studentenführers Rudi Dutschke. Warum? Dem war auch mal kalt? Seine Jacke steht für die These einer kanadischen Klimaaktivistin, die meint, das Bewusstsein für die Problematik müsse aus dem Volk, von der Straße her kommen.

Oder von einer Ausstellung im Museum oder in einer Bundeskunsthalle. Hier wurde ein brisantes Thema großteils verschenkt.

Bundeskunsthalle; bis 4. März 2018. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr. Katalog (Kettler) 35 Euro