Entwicklungsarbeit in Kolumbien

Aus dem Slum an die Uni

Ein junger Bonner Arzt hat im kolumbianischen Bezirk Chocó eine schockierende Begegnung: Ein Kind fleht ihn um Essen an, bezahlen will es mit seinem Körper. Zurück in Bonn, gründet Theodor Rüber mit Freunden ein Hilfsprojekt – ein Start-up der Entwicklungsarbeit in einer der schwierigsten Regionen der Welt.

Als junger Arzt hatte Theodor Rüber während seines praktischen Jahres in Kolumbien viel erlebt. Er arbeitete in einem Armen-Krankenhaus in der Zwei-Millionen-Stadt Cali, in dem Menschen Hilfe fanden, denen sonst keiner half. „Pro Nacht ungefähr zehn bis fünfzehn Patienten mit Schussverletzungen“, erinnert sich der 29-Jährige. Meist junge Männer. Die Frauen kamen als Opfer von Gewalt, Folter und Missbrauch. In Rübers Notfallaufnahme wurde geweint, gefleht, geflucht und oft gestorben. Doch all das konnte ihn nicht vorbereiten auf das, was er wenig später auf einer Reise in die Provinz Chocó erlebte.

Bis heute ist Kolumbien ein zerrissenes Land. In dem seit Anfang der 1960er tobenden Bürgerkrieg zwischen Rebellen, Paramilitärs und der staatlichen Armee kamen bis heute rund 220.000 Menschen ums Leben, 6,6 Millionen wurden vertrieben. Erst vor wenigen Wochen schlossen Regierung und Guerilla-Organisation Farc einen Waffenstillstand, der den ältesten Konflikt Südamerikas endlich beenden soll.

Touristen können das Land zwar schon seit einiger Zeit wieder relativ sicher bereisen, dabei sind sie allerdings meist auf den vorgesehenen touristischen Pfaden unterwegs. Chocó, eines von 32 Verwaltungsgebieten Kolumbiens, zählt nicht dazu. „Es gibt Kolumbien, ein armes Kolumbien und es gibt den Chocó“, sagt Rüber.

Hohe Goldvorkommen haben die Region, in der vor allem die Nachfahren afrikanischer Sklaven leben, zu einem besonders wertvollen Spielball in dem mehr als 50 Jahre währenden Bürgerkrieg werden lassen. Die Gewalt, die mit dem illegalen Abbau des wertvollen Edelmetalls in die Region einzog, zerstörte die Infrastruktur, die Wirtschaft, die Zivilgesellschaft – jegliche Grundlage des Zusammenlebens. Quecksilber, das beim Abbau des Goldes eingesetzt wird, gelangte in die Flüsse und Seen und machte die Menschen krank.

„In dem einzigen öffentlichen Krankenhaus in Istmina arbeiten gerade einmal vier Ärzte“, sagt Rüber. Im Einzugsgebiet leben rund 70.000 Menschen. Das Departamento im Nordwesten des Landes an der Grenze zu Panama ist ein „vergessener Ort“, sagt Rüber – vergessen von der Regierung und vergessen von der Welt. An diesem Ort, in der Gemeinde Istmina, hatte Rüber vor zwei Jahren eine Begegnung, die er nie mehr vergessen wird.

Ein junges Mädchen spricht den Arzt aus Bonn auf der Straße an. Sie fleht ihn an, für sie Essen zu kaufen. Bezahlen will sie mit ihrem Körper. „Ich war geschockt“, sagt Rüber. Das Mädchen war gerade einmal acht Jahre alt. Wie er später erfuhr, besuchte sie die bischöfliche Schule der Gemeinde. Um nicht zu verhungern, prostituierte sich das Kind. „Das ist Alltag in Istmina“, sagt Rüber.

Der Mediziner sitzt auf einer Bank vor einem der Klinikgebäude auf dem Venusberg, wo er heute arbeitet und forscht. Ein Jahr ist vergangen seit der Begegnung in Istmina, doch den Chocó kann Rüber nicht vergessen. „Ich wollte den Ort nicht mehr als Unbeteiligter verlassen“, sagt er. Mädchen aus verschiedenen Regionen kommen nach Istmina, erfuhr Rüber von Bischof Julio Garciá.

Am „Colegio Diocesano San José“, der bischöflichen Schule, die ohne staatliche Unterstützung auskommen muss, erhalten einige Mädchen kostenlose Bildung, lernen Lesen, Schreiben und Rechnen. Doch ohne Wohnsitz, alleine in der Stadt, müssen sie täglich ums Überleben kämpfen. Sie werden Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch, ohne dass die Täter etwas zu befürchten haben. „Viele der Mädchen müssen sich sehr früh um ihren Nachwuchs kümmern“, sagt Rüber.

Marcia ist eine von ihnen. Sie war sechs Jahre alt, als sie aus ihrem Heimatort Vereda de Irabubu vertrieben wurde – umgesiedelt von der Guerilla, die ihren Vater ermordet hatte, berichtete sie dem Team der Hilfsorganisation Casa Hogar. In der Hoffnung, eine Schule besuchen zu können, kam sie in das 16 Stunden entfernte Istmina. Die Schule besuchte sie allerdings nur bis zur dritten Klasse. Mit elf wurde sie das erste Mal schwanger. Jetzt, mit 14, hat sie bereits zwei Kinder.

Wie in Marcias Fall verschwinden die Väter – oftmals ältere Männer, die die Lage der Mädchen ausnutzen – noch bevor sie ihren Nachwuchs auch nur einmal gesehen haben. „Wir wollen verhindern, dass sich Schicksale wie das von Marcia wiederholen“, sagt Rüber. Gemeinsam mit dem Bischof entwickelte der Bonner Arzt eine Idee: Ein Wohnhaus für die Mädchen, die das „Colegio“ besuchen, müsste gebaut werden, ein Ort, in dem die Schülerinnen in Sicherheit aufwachsen können. Innerhalb weniger Wochen wird die Idee zu einem Projekt, mit einer Website, mit ersten Sponsoren und einem Namen: Casa Hogar, das so viel heißt wie „Heimat“.

Rüber berichtet Freunden von seinen Erfahrungen, steckt sie an mit seinem Enthusiasmus. Rund 30 Mitstreiter hat Rüber gewonnen – zuerst nur in Bonn, dann in der Umgebung und mittlerweile in ganz Deutschland. Zehn weitere wohnen in Kolumbien. Die meisten der jungen Helfer sind Vertreter einer Generation, der oft vorgeworfen wird, sich für nichts engagieren zu wollen.

„Ich denke, vielen jungen Menschen fehlt bei größeren Organisationen der Bezug zu dem jeweiligen Gegenstand. Das ist hier anders“, sagt Leon Ernst (22), der bei Casa Hogar mitmacht. „Jeder bringt seine Stärken mit in das Projekt ein“, sagt Jennifer Gaubatz (23). „Wer mitmacht, lässt sicherlich auch Federn, körperlich und emotional. Bloße Lebenslaufoptimierer gibt es bei uns nicht.“ Unterstützung findet das junge Team beim Erzbistum Aachen, das unter anderem bei der Abwicklung der Spenden hilft. Innerhalb weniger Wochen war das erste Spendenziel von 20 000 Euro erreicht.

„Ich hätte nicht gedacht, dass das so durch die Decke geht. Aber das eigentliche Glücksmoment für mich war, als so viele Freunde gleich gesagt haben, sie helfen mit“, erinnert sich Rüber. Im Februar dieses Jahres, nicht einmal drei Monate nach offiziellem Beginn der Kampagne, erfolgte in Istmina der erste Spatenstich. Rüber wollte sich das nicht entgehen lassen. Gemeinsam mit einigen Mitstreitern flog er nach Kolumbien. „Es ist uns wichtig, die Probleme beim Bau eines Hauses in dieser unwegsamen Region zu kennen und zu wissen, wofür genau die Spendengelder verwendet werden“, sagt Rüber.

Zusätzlich hält Bischof Julio Garciá die Gruppe über den Baufortschritt auf dem Laufenden. Den Flug musste aber jeder selbst zahlen. „Wir wollen helfen, und das so effizient wie möglich. Dadurch, dass nur Freiwillige bei Casa Hogar mitwirken, können wir etwa 95 Prozent unseres Spendenvolumens an die Kolumbianer weiterleiten. Große Organisationen reichen – auch mit Spendensiegel versehen – teilweise nur 75 Prozent weiter“, sagt Rüber.

Mittlerweile sind bereits weitere 20.000 Euro nach Kolumbien überweisen. Die erste Etage des Wohnhauses in Istmina steht, bis zum Ende des Jahres soll der Bau fertiggestellt sein. 40 Schülerinnen wird es zu Beginn Platz bieten. Die Gruppe um Theodor Rüber könnte zufrieden ihre Arbeit einstellen. Doch davon will der Bonner nichts wissen.

Schon hat sich die Gruppe ein neues Ziel gesetzt: Das „Colgegio Diocesano San José“ soll von vier auf neun Jahrgänge erweitert werden. Nicht nur Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreien und Rechnen sollen die Mädchen dort lernen können. „Ein Jahrgang nach dem anderen soll die Schule mit Abi verlassen“, sagt Rüber. Das neue Motto lautet: „Vom Slum an die Uni“. Der 29-jährige Bonner ist sich sicher: Der Weg, um den Chocó zu verändern, führt über Bildung.

Weitere Informationen zum Projekt unter www.casa-hogar.de